Umweltschutz und Verkehrswende

"Fahrradhölle" Ruhrgebiet: Warum die Radwende im Pott so lange dauert

Das Fahrrad ist auf dem Vormarsch. Im Ruhrgebiet hinkt die Infrastruktur allerdings hinterher. Das hat mehrere ärgerliche Gründe.

  • Das Ruhrgebiet kämpft mit der Verkehrswende.
  • In Städten wie Dortmund, Essen oder Duisburg gibt es ehrgeizige Ziele für die Mobilität.
  • Doch es gibt vor allem drei Probleme, die die Umsetzung behindern.

Dortmund - Gerade in Zeiten des Coronavirus sieht man im Ruhrgebiet immer mehr Menschen auf dem Fahrrad. Die Hersteller kommen mit der Produktion kaum hinterher - vor allem E-Bikes sind gefragt. 

Mitunter wird man jedoch das Gefühl nicht los, dass das Fahrrad im Revier mehr in der Freizeit, als für die täglichen Wege zur Arbeit oder für den Einkauf genutzt wird. Ein Grund könnte, trotz erster Bemühungen der Revier-Städte, die oft nur mangelhafte Infrastruktur sein.

Ort

Ruhrgebiet

Fläche

4435 Quadratkilometer

Einwohner

Rund 5 Millionen

Radverkehr im Ruhrgebiet: Was ist das Problem?

Das Recherche-Netzwerk Correctiv hat versucht, sich dem Problem zu nähern und sieht gleich mehrere Gründe, warum die Verkehrswende in Dortmund, Bochum, Essen und Co. schleppend vorangeht.

Es ist nicht so, dass die Städte keine ambitionierten Pläne hätten. Bochum etwa will bis 2030 erreichen, dass 60 Prozent der Ziele mit dem Rad, den öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu Fuß erreicht werden können. Essen will diesen Anteil sogar auf 75 Prozent bis 2035 katapultieren. Und Dortmund hat es sich auf die Fahnen geschrieben, in Sachen Radverkehr künftig das "Kopenhagen Westfalens" zu sein.

Personal für mehr Fahrradverkehr im Ruhrgebiet fehlt

Doch für die Umsetzung dieser Pläne, meinen viele Experten, fehlte in den Verwaltungen schlicht das Personal. An nicht vorhandenen Fahrrädern dürfte es jedenfalls nicht liegen, fand Correctiv heraus. So haben zum Beispiel 70 Prozent der Menschen in Gelsenkirchen ein eigenes Fahrrad.

Nur: Diese Fahrräder müssten auch zum Einsatz kommen. In Gelsenkirchen gaben 25 Prozent der Bürger bei einer städtischen Befragung an, die Infrastruktur motiviere sie nicht zum Fahrradfahren.

Das könnte daran liegen, dass die bisherige Stadtplanung vor allem "systemstabilisierend" war. Sprich: Aufs Auto fixiert.

Städte im Ruhrgebiet machen sich Konkurrenz um Personal für Radverkehr

Um das Ganze zum Vorteil der Radfahrer zu ändern, braucht es Personal. Und hier liegt offenbar der Kern des Problems. In Gelsenkirchen gibt es gerade einmal drei Planstellen für den Radverkehr. Der Markt für Personal dieser Art sei "leergefegt", sagte ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung Gelsenkirchen zu Correctiv

Konkurrenz um das Personal komme nicht nur von anderen Ruhrgebietsstädten, sondern auch aus der Privatwirtschaft, die oft besser bezahlt. Hinzu kommt, dass die Kommunen in den vergangene Jahren viele Stellen in der Verwaltung abbauten. In den kommenden Jahren müssen die Städte zudem eine Ruhestand-Welle kompensieren.

Die Verkehrswende läuft im Ruhrgebiet nur schleppend. Fahrradleihsysteme, wie hier in Bochum, erscheinen nur als Tropfen auf dem heißen Stein.

Um wieder mehr Experten in die kommunale Verwaltung zu bekommen, müsste man Geld in die Hand nehmen. Denn aktuell sind Jobs in der Privatwirtschaft schlichtweg besser bezahlt, meinen Verkehrsexperten wie Florian Krummheuer. Der Vorteil: Mobilitätspläne müssten nicht an externe Büros ausgelagert werden, die Planung ginge unter Umständen schneller.

Fehlendes Geld hemmt Verkehrswende im Ruhrgebiet

Statt neue Planstellen zu schaffen, verteilen die Städte die Aufgaben für die Umsetzung der Klimapläne auf das vorhandene Personal. Das liegt nicht selten daran, dass viele Städte im Ruhrgebiet auf ihre Finanzen achten müssen, weil sie überschuldet sind.

Kompensieren könnten die fehlenden Gelder Fördergelder von Bund und Land - die längst kräftig fließen könnten. Aber auch das Beantragen und Abrechnen solcher Fördermittel ist aufwendig und bindet Personal in den Verwaltungen.

Ruhrgebiet bekommt Zeitdruck durch auslaufende Fördergelder

So schreibt das Deutsche Institut für Urbanistik in seiner Fachkräfte-Studie: "Die Fachkräftebedarfe in den Kommunalverwaltungen, bei Eigenbetrieben und kommunalen Unternehmen sind mittlerweile so groß, dass aufgrund fehlender Personalkapazitäten Förderprogramme des Bundes und der Länder vielfach nur mit erheblichem Zeitverzug ausgeschöpft werden, Investitionen aufgeschoben oder gar nicht getätigt und öffentliche Dienstleistungen nur mit Einschränkungen erbracht werden können."

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Ist das Geld einmal da, geht der Kampf zwischen Fahrrad- und Autofahrern los. Während die einen mehr Platz in Anspruch nehmen, wollen die anderen bloß nichts abgegeben.

Beispiel Fahrradachse A in Essen. 147 Parkplätze sollten dafür ursprünglich gestrichen werden, damit Radfahrer mehr Platz haben. Doch die Bezirksvertretungen protestierten. Die Planer reagierten, änderten die Route. Jetzt fallen nur noch 56 Parkplätze weg. Das Projekt verzögert sich, dabei muss es bis 2020 realisiert werden, um die Fördergelder zu behalten.

Ruhrgebiet: Mehr Fahrrad bedeutetet weniger Auto

Dass die Verkehrswende schmerzhafte Einbußen für den motorisierten Verkehr bedeutet, wollen viele Städte offenbar nicht in Kauf nehmen. Der Mut, politischen Sprengstoff auszulösen, scheint nicht vorhanden zu sein. 

Stattdessen versuchen Städte wie Dortmund, Bochum oder Essen Schadstoffwerte zu senken, um Fahrverbote für Autos zu vermeiden. Ein Mittel sind Tempolimits, wie etwa auf der Ruhrallee in Dortmund. Weitere Maßnahmen sind die Anpassung von Ampelschaltungen oder die Optimierung von Parkleitsystem. Mit solchen Maßnahmen tun die Kommunen genau das, wovor Mobilitätsexperte Krummheuer warnt: Sie machen das Autofahren bequemer.

Mehr Fahrrad im Ruhrgebiet: Es mangelt an Verbindlichkeit

Das Deutsche Institut für Urbanistik kritisiert in einer Studie indes, dass es für nachhaltige Maßnahmen zur Verkehrswende zudem an Verbindlichkeit mangle. Lediglich der Druck durch befristete Fördergelder treibe Projekte verbindlich voran. In Plänen, so ein Mitarbeiter eines Dortmunder Stadtplanungs-Büros, seien konkrete Zahlen unerwünscht.

Hilfe könnte nicht nur in Zusammenarbeit mit bürgernahen Quartiersprojekten kommen, sondern auch aus der lokalen Wissenschaft, sprich: den vielen Unis im Ruhrgebiet kommen. Dass sich Bachelor- und Masterarbeiten mit kommunalen Projekten beschäftigen ist in einschlägigen Fachbereichen der Uni Wuppertal bereits gängige Praxis. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten, sagt ein Vertreter der Uni: Die Städte bekämen kostenlos hochwertige Projekte, die Studenten wertvolle Erfahrung."

Rubriklistenbild: © Daniele Giustolisi/RUHR24

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