"Schwerwiegende Inhalte"

Nazi-Chats bei Polizei NRW aufgeflogen – Experte warnt: Problem betrifft gesamte Polizei 

Rechtsextremismus-Skandal bei der Polizei NRW: Beamte sollen rechtes Gedankengut in Chats verbreitet haben. Ein Experte befürchtet nun schlimmes.

Update, Donnerstag (17. September), 10.30 Uhr: Bereits kurz nach Aufdeckung der rechtsextremen Chatgruppe von Polizisten aus NRW, merkten mehrere Experten an, dass es kaum vorstellbar sei, dass die rassistische Haltung der Kollegen völlig unbemerkt bleiben konnte. Gegenüber der dpa sagte der Bochumer Kriminologe Prof. Tobias Singelnstein: "Man kann sich ja nicht vorstellen, dass so ein Netzwerk innerhalb der Polizei niemandem aufgefallen ist".

Polizei NRW: Kriminologe aus Bochum mit düsterer Prognose zu rechtsextremen Chats

Wer jedoch etwas bemerke, dem bleibe nur der offizielle Dienstweg, um seinen Kollegen zu melden. Das "anschwärzen" von Kollegen würde, so der Kriminologe, nach wie vor in der Polizei nicht begrüßt. Anonyme Verfahren, um Vorgänge wie diese zu melden, gebe es bislang kaum. Offenbar bleibt selbst Kollegen, die sich nicht selbst rassistisch äußern, wenig mehr, als den Rassismus weiter zu dulden. 

Der Experte betont außerdem, dass es sich bei dem Vorfall sicher nicht um Einzelfälle handele. Stattdessen spricht er von einem strukturellen Problem bei der Polizei und verweist darauf, dass aus seiner Sicht eine Studie zum Rassismus bei der Polizei absolut notwendig sei.

Polizei NRW: Chatgruppe verschickte rassistische Nachrichten

Erstmeldung, Mittwoch (16. September), 12 Uhr: Essen - Seit dem Morgen (Mittwoch, 16. September) finden bei mehreren Polizisten aus NRW Durchsuchungen statt. Die Razzia war angeordnet worden, nachdem eine Chatgruppe aufgeflogen war, in der die Polizisten rechtsextreme Nachrichten verschickten. Der Inhalt der Nachrichten war offenbar so schwerwiegend, dass die Beamten vom Dienst suspendiert wurden.

Polizei NRW

Landespolizei 

Behördenleitung

Herbert Reul

Polizeibeamte

ca. 42.000

NRW: Alle mutmaßlich beteiligten Polizisten vom Dienst suspendiert

Wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) berichtet, werden insgesamt 29 Polizistinnen und Polizisten verdächtigt, an mindestens fünf rechtsextremen Chatgruppen beteiligt gewesen zu sein. 14 Beamte sollen direkt aus dem Dienst entfernt worden sein. 

25 der beschuldigten Polizisten gehören zum Polizeipräsidium Essen. Noch am Morgen nach der Entdeckung fanden in NRW insgesamt 14 Razzien statt. Inzwischen wurden alle 29 Beamten suspendiert (mehr Nachrichten aus dem Ruhrgebiet auf RUHR24.de).

NRW: Polizisten teilten rechtsextreme Fotos in Chatgruppe

NRW-Innenminister Herbert Reul sprach auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz von "einer Schande für die Polizei". 126 Bilddateien seien in der Gruppe geteilt worden. Einige dieser Bilder hatten es dabei in sich. Nicht nur Fotos von Adolf Hitler, auch die fiktive Darstellung eines Flüchtlings in einer Gaskammer schickten sich die Polizisten hin und her.

Auch Polizeipräsident Frank Richter ist bestürzt: "Im Polizeipräsidium Essen ist kein Platz für Personen ist, die sich mit solchen rechten Inhalten identifizieren". Weiter sagte Richter, dass jeder, rechtes Gedankengut verbreite, in der Polizei nichts zu suchen habe. Zudem stehe das Verhalten der Polizisten im krassen Gegensatz zu dem "pflichtbewussten und verfassungskonformen Einsatz meiner vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter".

Bei der Pressekonferenz zu rechtsextremen Chatgruppen mehrerer Polizisten zeigt sich Herbert Reul offensichtlich bestürzt.

Herbert Reul kündigte nun an, einen Sonderbeauftragten für rechtsextremistische Tendenzen in der nordrhein-westfälischen Polizei zu berufen. Auch, weil von weiteren Fällen ausgegangen werden muss. Bislang sei erst ein Handy genauer untersucht worden. 

NRW: Ermittler kamen Nazi-Chatgruppe wegen anderer Anschuldigung auf die Spur

Es gehöre einem 32-jährigen Beamten der Polizei Essen. Auffällig: bereits im März kassierte die Polizei Essen massive Vorwürfe bezüglich rassistischer Gewalt. Die Beamten wiesen damals jede Schuld von sich.

Der Beamte, der die Ermittler nun auf die Spur der rechtsextremen Polizisten brachte, war ursprünglich verdächtigt worden, Dienstgeheimnisse an einen Journalisten weitergegeben zu haben. Bei der Auswertung der Handydaten sei man dann auf die Spur der Nazi-Chatgruppe gekommen.

Schwerpunkt der rechtsextremen Gruppe soll die Polizeibehörde Mülheim sein, die dem Polizeipräsidium Essen untersteht. Die verdächtigen Polizisten sollen aber auch anderen Dienststellen angehören. Für die Ermittler gilt es laut RP Online nun zu unterscheiden, wer nur stiller Teilnehmer der Gruppen war, und wer "aktiv Sachen hineingestellt und kommentiert hat".

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