Kommentar: Die Attacke in Bottrop war ein Terroranschlag - und nicht nur eine Amokfahrt

Polizeiabsperrung am Berliner Platz in Bottrop. Foto: Marcel Kusch/dpa
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Polizeiabsperrung am Berliner Platz in Bottrop. Foto: Marcel Kusch/dpa

Ein 50-Jähriger fuhr an Silvester in Menschenmengen und versuchte, Ausländer zu töten. Wieso spricht man nicht von Terror, sondern einer Amokfahrt?

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In Bottrop fuhr in der Silvesternacht ein Mann mit seinem Auto an vier unterschiedlichen Stellen in eine Menschenmenge. Sein Ziel: Möglichst viele Ausländer töten. Trotzdem sprechen die meisten Medien von einer Amokfahrt. Auch unsere Redaktion nutzte diesen Ausdruck. Wieso wird das Kind nicht beim Namen genannt? Ist es scheinbar nur Terror, wenn der Täter Moslem war?

Klar, die Grenzen zwischen einer Amok-Fahrt und einem Terroranschlag verschwinden schnell. Laut Prof. Dr. Volker Faust ist Amok eine plötzliche, willkürliche Gewaltattacke mit mörderischem Verhalten. Darauf folgt oft Erinnerungslosigkeit, Erschöpfung und häufig auch Selbstmord. Amoktaten haben keinen gesellschaftspolitischen Hintergrund, es gibt keine spezifische Opfergruppe.

+++ Der Prozess gegen den Amokfahrer muss knapp einen Monat nach seinem Beginn noch einmal von vorne beginnen. Grund ist der plötzliche Tod der zuständigen Richterin. +++

Was ist Terror, was ist Amok?

Bei Terroranschlägen ist das anders: Sie sind eine Form des politischen Extremismus und häufig geplant, wie die Bundeszentrale für politische Bildung definiert.

Die Zerstörung ist Mittel zum Zweck: Die Anschläge sollen Angst und Schrecken in der Bevölkerung verbreiten und sind meist gegen eine bestimmte Personengruppe gerichtet. Es steckt eine politische oder religiöse Ideologie hinter dem Angriff.

Die Begriffe Terror und Amok überlappen sich natürlich schnell: Bei vielen Attentätern spielen eine psychische Erkrankung und eine politische Motivation gleichermaßen eine Rolle.

Das ist auch bei dem Attentäter von Bottrop der Fall. Der Täter ist ein 50-jähriger Deutscher. Laut SPIEGEL Online lebte er alleine, war arbeitslos und litt an Schizophrenie. Die Unzufriedenheit über sein eigenes Leben soll er auf Ausländer projiziert haben.

"Es gab die klare Absicht von diesem Mann, Ausländer zu töten", sagte NRWs Innenminister Herbert Reul. Er soll damit versucht haben, zukünftige Anschläge zu verhindern. Es ist unumstritten, dass das Motiv des Täters Rassismus war.

Anschlag in Bottrop aus "persönlicher Betroffenheit"

Trotzdem spricht man vielerorts von einer Amokfahrt. Es gäbe keine Hinweise auf rechtsextreme Verbindungen. Reul sagte: "Mann entwickelte aus persönlicher Betroffenheit heraus Hass auf Fremde".

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Keine rechtsextremen Verbindungen? Wenn ein Mann aus offen rassistischen Motiven versucht, ausländisch aussehende Menschen umzubringen, hat das also nichts mit Rechtsextremismus zu tun, sondern mit "persönlicher Betroffenheit"?

Terror bleibt Terror

Die Grenze zwischen Terror und Amok ist auch bei dieser Tat fließend. Elemente des Amok spielten hier zweifellos eine Rolle.

Trotzdem: Mit dem Anschlag impliziert der Täter Unterschiede zwischen Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe als legitimen Grund für Gewalt. Er stellt jeden ausländisch aussehende Menschen unter Generalverdacht für islamistischen Terror - und versucht, ihn mit rechtem Terror zu bekämpfen.

Das ist für mich - Schizophrenie und Arbeitslosigkeit hin oder her - politisch motiviert und gegen eine bestimmte Gemeinschaft gerichtet, also: Terror. Ein Anschlag gegen muslimisch aussehende Menschen.

Genau wie die NSU-Morde, die RAF-Morde, der 11. September, der Anschlag auf dem Breitscheidplatz und der Anschlag kürzlich in Straßburg Taten von Terroristen sind. Sie alle haben einen Hass gegenüber einer Menschengruppe gemeinsam.

Psychisch ganz sauber waren vermutlich viele der Attentäter nicht - trotzdem bleibt es ein Terroranschlag. Auch der Mann, der bei einem islamistisch motivierten Anschlag im Juli 2016 in Nizza 86 Menschen tötete, war in psychischer Behandlung. Trotzdem war und bleibt es ein Terroranschlag.

Umso unverständlicher ist es jetzt, dass bei einem offen rechtsextremen und rassistischen Anschlag scheinbar viele zurückrudern und die Tat als Amokfahrt deklarieren. Terror, egal ob rechtsextremistisch, linksextremistisch oder islamistisch, bleibt Terror.

"Amokfahrt" bedeutet Blindheit vor rechter Gewalt

Der Mann, der Anfang des Jahres in Münster mit seinem Auto vier Menschen und sich selbst tötete, war ein Amokfahrer. Der Fahrer hatte Suizidabsichten und keinerlei politische Motivation, seine Opfer waren ihm offenbar egal. Eine solche Amokfahrt kann man nicht mit dem Anschlag in Bottrop gleichsetzen: Damit verschließt man die Augen vor rechter Gewalt und ignoriert Rassismus. Denn hier waren die Opfer gezielt gewählt.

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Der Soziologe Matthias Quent fand nach dem Anschlag klare Worte. Er kritisiert den Verweis auf eine Amokfahrt scharf: "Der Begriff Amok entleert Anschläge in ihrer politischen und gesellschaftlichen Bedeutung", sagt Quent in einem Interview mit ZEIT Online.

Jüngstes Opfer vier Jahre alt

Der Täter soll keine Verbindungen in die rechtsextreme Szene gehabt haben, weshalb viele nicht von rechtem Terror sprechen. Auch davon hält Quent nichts: "Eine rassistische Tat ist auch dann rassistisch, wenn der Täter Mein Kampf nicht gelesen hat und kein Parteibuch einer rechtsradikalen Partei besitzt."

Aktuelle Top-Themen:

Acht Menschen wurden bei dem Terror-Anschlag in Bottrop verletzt. Eine 46-jährige Frau aus Syrien musste durch eine Notoperation gerettet werden. Weitere Verletzte sind ihr 48-jähriger Ehemann, die 16- und 27-jährigen Töchter des Paares, ein vierjähriger und seine 29-jährige Mutter aus Afghanistan, ein zehnjähriges syrisches Mädchen und ein 34-jähriger Essener mit türkischen Wurzeln.

Sie alle sind nicht einfach Opfer eines persönlich betroffenen Amokfahrers, sondern von rassistischem, rechtsextremen Terror.