Häusliche Gewalt in NRW

„Uns geht viel durch die Lappen“: Jugendamt schlägt wegen Kindern im Corona-Lockdown Alarm

Durch den Lockdown könnte es viele unentdeckte Fälle von Gewalt und Vernachlässigung bei Kindern geben. Denn die Kontrollen fehlen. Eine Mitarbeiterin vom Jugendamt in NRW erzählt.

Dortmund - Um viele Kinder ist die Sorge im Lockdown groß. Denn seit Schulen und Sportvereine zum Schutz vor dem Coronavirus geschlossen haben, fehlen die sozialen Kontrollen: Lehrer, Schulsozialarbeiter, Trainer – allen, die Jugendämter sonst auf Kinder, die in ihrem eigenen zu Hause Gewalt oder Vernachlässigung erfahren, aufmerksam machen könnten, fehlt der Kontakt zu ihren Schützlingen. „Die Kinder werden nicht mehr gesehen“, weiß eine Mitarbeiterin vom Jugendamt.

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Corona-Lockdown in NRW: Wie viele Kinder müssen in der Pandmie Gewalt erleiden?

Seit Beginn der Corona-Pandemie, seit dem ersten Lockdown, warnen Experten davor, dass die Gewalt gegen Kinder in der häuslichen Umgebung zunehmen könnte. Doch bemerkt wird das nur noch selten. Eine Recherche von Correctiv zeigt: In der Corona-Krise fragten Jugendämter deutlich seltener nach freien Plätzen, zum Beispiel in Mutter-Kind-Heimen. Ein Grund dafür ist allerdings nicht, dass die Gewalt nachlässt, sondern dass Jugendämter vieles erst gar nicht mitbekommen.

„Es sind die Grenzfälle, die mir Sorgen machen“, erklärt die Mitarbeiterin eines Jugendamtes aus dem Ruhrgebiet. Kinder, bei denen noch nicht klar ist, was genau ihnen widerfährt. Sie möchte ihren Namen nicht nennen, aus Angst um ihren Job, aber vor allem auch, um die Zusammenarbeit mit den Familien, die sie betreut nicht zu gefährden.

„Vor der Pandemie betreute ich viele Fälle ohne akute Kindeswohlgefährdung“, erzählt sie. Grenzfälle, auf die zum Beispiel die Schulsozialarbeiterin aufmerksam wurde. Wenn Kinder wochenlang ungewaschen zu Schule kommen, im Winter Sommerklamotten tragen – oder wenn ein Kind plötzlich dadurch auffällt, dass es ständig traurig oder teilnahmslos ist.

Gewalt im Lockdown/NRW: Kinder werden in der Pandmie nicht gesehen

Dann seien es zuallererst die niederschwelligen Angebote, mit denen man die Kinder erreiche. „Wenn die Lehrerin ein Kind mal zur Seite nimmt und im Gespräch versucht herauszufinden, ob etwas passiert ist.“ Erzieher und Lehrerinnen: Sie sind normalerweise eine wichtige Kontrollinstanz. Sie sind es, die Verdachtsfälle beim Jugendamt melden. Sie sind es, denen ein Kind auffällt, das zu Hause geschlagen wird. Doch genau die sehen die Kinder, um die es geht, in Zeiten des Lockdowns nicht mehr.

„Ich erinnere mich gut an den Fall eines Kindes, welches sich tagtäglich in der Schule eingekotet hat. Wir wussten nicht: Ist das psychisch oder organisch bedingt?“ Die Mutter fiel dadurch auf, dass sie sich scheinbar keine größeren Sorgen um das Verhalten des Kindes machte. Jeden Tag kam sie in die Schule, säuberte das Kind und brachte Wechselwäsche mit, schickte es dann wieder in den Unterricht. Doch wie ging es mit dem Kind weiter?

„Ob sich das Verhalten des Kindes geändert hat, können wir derzeit nicht kontrollieren.“ Auch nicht, ob sich die Mutter weiterhin an die engen Auflagen hält, die ihr das Jugendamt erteilt hatte. Ein typischer Grenzfall. Ein Kind, das in Zeiten des Lockdowns nicht mehr gesehen wird, obwohl es ihm möglicherweise schlecht gehen könnte. „Uns geht aktuell viel durch die Lappen“, sorgt sich die Jugendamtsmitarbeiterin (mehr News zum Coronavirus in NRW auf RUHR24.de).

Corona-Krise: NRW im Lockdown - trotz zunemender Gewalt sind Hausbesuche vom Jugendamt seltener

Anders sei es bei Fällen, bei denen bereits klar ist, dass ein Kind Gewalt erfährt. „Einer akuten Kindeswohlgefährdung gehen wir immer nach“, erklärt die Sozialarbeiterin vom Jugendamt. Doch ohne hinreichenden Verdacht, keine Handhabe. „Hingehen und klingeln kann ich immer. Aber ohne Nachweise, dass es dem Kind nicht gut geht, können mich die Eltern an der Tür einfach abwimmeln“, erzählt sie.

Dabei gebe es Fälle, da wisse - oder ahne - sie eigentlich, dass es dem Kind nicht gut geht. „Aber mir fehlen die Nachweise.“ Einige dieser Grenzfälle habe sie nun seit zwei Monaten nicht gesehen - und am Telefon erzählten die Eltern mitunter vieles, was nicht der Wahrheit entspricht. Kontrollieren kann sie das kaum.

Tatsächlich zeigt die Recherche, dass Jugendämter in NRW seltener Hausbesuche machten als im Jahr 2019. Und das, obwohl die begründete Sorge besteht, dass die häusliche Gewalt in der Pandemie angestiegen ist.

Dabei seien Hausbesuche ein wichtiges Instrument, um die Situation des Kindes einzuschätzen und das Kind im eigenen Umfeld zu sehen, erklärt Andreas Mairhofer vom Deutschen Jugendinstitut gegenüber Correctiv.  Der Leiter eines Mutter-Kind-Heimes in NRW, Peter Klausmeier, befürchtet: „Nach der Pandemie wird erst klar, was mit den Kindern passiert ist. Ich halte das für ein Verbrechen, dass jetzt nicht reagiert wird.“

Ihr habt etwas bemerkt, macht euch Sorgen um ein Kind in eurer Umgebung? Seid selber Opfer von Gewalt geworden?
Oder habt euch selber gegenüber Kinder schlecht unter Kontrolle, neigt zu Wut und Gewaltausbrüchen? Dann meldet euch unter:

„Nummer gegen Kummer“: Elterntelefon: 0800 111 0 550 und Kinder und- Jugendtelefon: 116 111

Rubriklistenbild: © Britta Pedersen/dpa

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