„Vergessen Sie uns nicht“

Corona-Aufschrei von Ärztin aus Essen – Reaktionen auf Impfstoff-Kommentar überraschen

Dr. Carola Holzner
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Carola Holzner, Ärztin aus dem Universitätsklinikum Essen, sendet Corona-Appell an Landesregierung

Der Impfstoff ist da, doch nicht jeder wird sofort geimpft. Auch die nicht, die Kontakt mit Covid-19-Patienten haben. Einer Ärztin aus Essen passt das gar nicht.

Essen – „Vergessen Sie uns nicht“ – mit diesen Worten wendet sich die Essener Oberärztin Dr. Carola Holzner an NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU). Damit spricht die Ärztin den Umstand an, dass Bewohner von Altenheimen als erste gegen das Coronavirus geimpft werden und nicht zunächst Personal der Krankenhäuser und Kliniken. Mit ihrem Facebook-Aufruf hat die Ärztin auf ihrer Facebook-Seite eine Kommentar-Flut ausgelöst.

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Ärztin aus Essen: Unverständnis für Impfreihenfolge in NRW

Prinzipiell könne die Ärztin und Bloggerin, die sich online Doc Caro nennt, verstehen, dass zunächst Bewohner in Altenheimen geimpft werden, denn „Risikogruppen gilt es zu schützen“. Laut eigenen Aussagen gehöre das Universitätsklinikum Essen, in dem sie arbeitet, zum größten Covid-19-Versorger in der Region Rhein-Ruhr, mittlerweile habe die Klinik schon die vierte Intensivstation für Corona-Patienten eröffnet.

„Meine Kollegen und ich setzen sich täglich dem Infektionsrisiko aus. Das tun wir gerne. Aber auch wir sind nicht davor geschützt, uns zu infizieren und vielleicht zu erkranken“, schreibt die Ärztin in ihrem Facebook-Post. Zwar gehören Beschäftigte in medizinischen Bereichen mit hohem Expositionsrisiko laut Impfverordnung zu der Gruppe, die mit als Erstes gegen das Coronavirus geimpft werden soll. Doch bisher wurden nur Bewohner und Bewohnerinnen in Altenheimen geimpft. Das löst bei der Ärztin Unverständnis aus.

Oberärztin aus Essen: „Vergessen Sie uns nicht bei der Verteilung des Impfstoffes“

„Sehr geehrter Herr Laschet, sehr geehrter Karl-Josef Laumann, gerne würden meine Kollegen und ich uns schützen“, schreibt sie in ihrem offenen Brief. Weiter heißt es: „Aber wer versorgt die Patienten, die in die Krankenhäuser kommen? Wenn wir doch gemeinsam ganz oben auf der Liste stehen, wieso wird nicht mindestens aufgeteilt?“

Die leitende Oberärztin Holzen aus Essen spricht nicht nur für sich, im Namen ihrer Kollegen und Kolleginnen und stellvertretend für das Krankenhauspersonal appelliert sie an die Minister: „Vergessen Sie uns nicht! Wir wollen die Impfung, und zwar schnell! Vergessen Sie uns nicht bei der Verteilung des Impfstoffs und auch danach nicht!“

Kommentar zur Corona-Impfstoffverteilung: Unterschiedliches Vorgehen der Bundesländer

Wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet, teilte das Gesundheitsministerium in NRW auf Nachfrage mit, dass das Krankenhauspersonal Mitte Januar geimpft werden soll. „Wir haben eine begrenzte Anzahl an Impfdosen und irgendwo muss man anfangen eine Entscheidung zu treffen“, so ein Sprecher am Donnerstag. Für diesen Ablauf habe man sich entschieden, weil der Verlauf einer Covid-19-Erkrankung bei über 80-Jährigen besonders schwer sei (alle News zum Coronavirus in NRW bei RUHR24.de).

In anderen Bundesländern scheint das Vorgehen anders zu sein. Das geht zumindest aus den über 6000 Kommentaren (Stand: 31.12., 15.30 Uhr) unter dem Post der Ärztin hervor.

Eine Nutzerin schreibt: „Unser Haus (Klinikum Fürth) hat bereits am Sonntagabend Impfstoff bekommen, am Montag wurden ich und meine Kollegen von Covid-Stationen, Intensiv und ZNA (Anm. der Redaktion: Zentrale Notaufnahme) geimpft, insgesamt wurde geplant 400 MA noch in diesem Jahr zu impfen. Unsere Klinikleitung hat uns gesagt, es ist nur durch Unterstützung auf Landes- und Stadtebene möglich gewesen, den Impfstoff noch in diesem Jahr zu bekommen und dass viele Kliniken noch keine einzige Dosis bekommen haben. Es war mir aber nicht klar, dass das auch große Kliniken wie Ihr Haus betrifft.“

Ärztin aus Essen bekommt viel Zuspruch für ihren Impfstoff-Kommentar

Ein weiterer Nutzer kommentiert den Text der Essener Ärztin wie folgt: „Arbeite als Assistenzarzt für Anästhesiologie auf einer Intensivstation. Hatte alleine heute drei schwerkranke Covid-Patienten unter meinen Fittichen. Gute zwei Stunden meiner Schicht habe ich in den Iso-Boxen verbracht. Eine Impfung für besonders gefährdetes Personal wurde bei uns im Krankenhaus für voraussichtlich Ende Januar angekündigt – Kommunales Kreiskrankenhaus in Niedersachsen. Meine Freundin arbeitet in einem Haus vergleichbarer Größe in Schleswig-Holstein und wurde bereits gestern geimpft.“

Generell bekommt die Ärztin aus Essen viel Zuspruch von ihren Followern, auch Menschen, die der Risikogruppe angehören und derzeit als Erste geimpft werden sollen, unterstützen Dr. Holzner. Ein 80-jähriger Nutzer schreibt: „Ich bin 80 Jahre alt und stimme Ihnen zu. Nicht wir Alten sind wichtig, sondern Sie, alle Ihre Kollegen und alle Pflegekräfte, die täglich einen gefährlichen Job machen. Ich verzichte gerne bis alle die geimpft sind, die zwangsweise täglich bewusst oder unbewusst mit Infizierten oder mit Menschen in Berührung kommen müssen. Sie sind nämlich die, die dieses Land am Leben erhalten. Es ist die Pflicht aller, diese Menschen zu schützen, da sie auch zu den Übertragern gehören können, ohne es zu wissen.“

Ärztin aus Essen bekommt auch Gegenwind für ihren Post

Niedergelassene Hausärzte sollen sogar noch später eine Coronaschutzimpfung erhalten. Laut Impfverordnung gehören sie „nur“ zur zweitwichtigsten Impfgruppe. Darüber empört sich auch ein Nutzer unter dem Post von Holzner: „Ich kann mich nur anschließen. Wir Hausärzte und unsere Teams stehen zwar nicht auf der ITS (Anm. der Redaktion: Intensivstation), aber wir sehen die meisten Infizierten, machen Hausbesuche, gehen in die Pflegeeinrichtungen. Acht von zehn Coronainfizierte werden durch Hausarztpraxen versorgt! Fallen wir aus, entsteht eine riesen Versorgungslücke! Schon im Frühjahr wurden wir bei der Verteilung von Schutzausrüstung nicht bedacht. Beim Impfstoff scheint es genauso zu sein.“

Video: Oberärztin aus Essen rechnet knallhart mit Corona-Leugnern ab

Der Appell an Armin Laschet und Karl-Josef Laumann bleibt natürlich von Impfgegnern und Verschwörungstheoretikern nicht unkommentiert. Einige unterstellen der Ärztin, sie würde Propaganda für den Impfstoff machen und sie sei vom Staat finanziert, andere beharren darauf, dass der Impfstoff nach so kurzer Zeit nicht sicher sein könne und Nebenwirkungen des Corona-Impfstoffes nicht abzusehen seien. Doch im Großen und Ganzen sind die Reaktionen auf den Post positiv und den Ärzten und anderen Krankenhausmitarbeitern wird Respekt und Dank ausgesprochen.

Bis auf das kurze Statement gegenüber der Deutschen-Presse-Agentur hat sich allerdings noch keine offizielle Stelle zu dem Post geäußert. Auch Armin Laschet und Karl-Josef Laumann haben noch nicht darauf reagiert.

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