Forschung zu Gewalt

Bochum: Neue Studie findet Hinweise zu Rassismus bei der Polizei

Gibt es rassistisch bedingte Polizeigewalt in Deutschland? Welche Erfahrungen haben „People of Color“ gemacht? Eine Studie der Ruhr-Uni Bochum beunruhigt.

Bochum - Immer wieder werden Studien gefordert, die sich mit dem Thema „Rassismus bei der Polizei“ beschäftigen sollen. Doch immer wieder wird auch auf mögliche Schwachstellen solcher Studien hingewiesen. Denn welcher Polizist würde schon offen zugeben, dass er Rassist ist oder „Racial Profiling“ betreibt? Eine Studie der Ruhr-Universität Bochum beschäftigte sich daher nun mit der Gegenseite, mit jenen, die Opfer von Rassismus und Gewalt bei der Polizei wurden.

UniversitätRuhr-Universität Bochum (RUB)
Studenten43.113
LehrstuhlKriminologie

Bochum: Uni forscht zu Vorwürfen des Rassismus bei der Polizei

Vorweg: Ob es ein strukturelles Rassismus-Problem bei der Polizei gibt, wird derzeit noch debattiert. Offizielle Studien, die eine abschließende Erkenntnis dazu offerieren, gibt es nicht. Die Forschungen der Universität Bochum zum Rassismus bei der Polizei sind auch deshalb von besonderer Wichtigkeit. Denn unterdessen streiten Experten ohne sich auf Studien berufen zu können, ob der Vorwurf, die Polizei in Deutschland habe ein Rassismusproblem gerechtfertigt ist, oder nicht.

So sprach der deutsch-israelische Psychologe Ahmad Mansour im Sommer 2020 in einem Interview mit dem Tagesspiegel davon, dass es keinen Systemfehler bei der deutschen Polizei gäbe. Im Gegenteil: Die Arbeit der Polizei orientiere sich strikt am Prinzip der Rechtsstaatlichkeit. „Es ist falsch, die Debatte über Rassismus auf dem Rücken der Polizei auszutragen“, so Mansour weiter. Jede Polizei sei ein Spiegelbild der Gesellschaft.

Bochum: Forscher der Uni sehen People of Color anders der diskrimierung durch die Polizei ausgesetzt

Dennoch gibt es sie: Menschen, die sich aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihrer kulturellen Zugehörigkeit von der Polizei diskriminiert fühlen. Wie genau „People of Color“ polizeiliche Gewalt erfahren und wahrnehmen, haben deshalb jetzt Forscher der Uni Bochum im Rahmen des Projekts „Körperverletzung im Amt durch Polizeibeamte“ analysiert. Die Erfahrungsberichte vergleichen sie mit den Erfahrungen „weißer“ Menschen.

Dafür nutzten die Forscher Daten aus einer nicht repräsentativen Online-Befragung. Die Befragung richtete sich an Menschen, die nach eigenen Angaben polizeiliche Gewalt erfahren hatten, die sie als rechtswidrig einstuften. Auch Experteninterviews wurden ausgewertet.

Das Fazit der Forscher rund um Prof. Dr. Tobias Singelnstein vom Lehrstuhl für Kriminologie an der Uni Bochum ist eindeutig. „People of Color“ oder Personen mit Migrationshintergrund sind in anderer Weise von als rechtswidrig bewerteter polizeilicher Gewalt betroffen, als „Weiße“. Vor allem nahmen sie diese auch anders wahr.

Bochum: Studie der Uni zu Polizei und Rassismus zeigt Unterschiede auf

62 Prozent der Befragten gaben an, sich in Gewaltsituationen diskriminiert gefühlt zu haben. Besonders die Häufigkeit der Diskriminierungserfahrungen führte bei den Betroffenen zu der Annahme, dass sie aufgrund äußerer Merkmale, und somit aufgrund rassistischer Vorurteile, anders behandelt werden als weiße Personen. Auch im Ruhrgebiet gab es in der Vergangenheit immer wieder Rassismus-Vorwürfe gegen die Polizei.

Laut der Forscher aus Bochum wurden aus polizeilicher Sicht Unterschiede jedoch nicht als rassistische oder diskriminierende Ungleichbehandlung gesehen. Vielmehr stützten sich die Beamten auf ihre Erfahrungswerte aus dem Berufsalltag. Der könne auch Stereotype über bestimmte Gruppen umfassen.

Tatsächlich berichtete auch die Süddeutsche bereits vor einigen Jahren darüber, dass unbewusste Vorbehalte gegenüber bestimmten Gruppen das Handeln aller Menschen beeinflusse. Unbewusster Rassismus also? Eine Studie kam 2016 zum Ergebnis, dass zum Beispiel bei vielen Weißen, die von sich sagen würden, dass sie keine Vorurteile gegenüber Personen mit dunkler Haut haben, trotzdem die Assoziation positiver Begriffe mit Bildern hellhäutiger Menschen stärker waren, als die mit dunkelhäutigen.

Racial Profiling oder Erfahrungswerte: Forscher der Uni Bochum sehen strukturelles Problem bei Polizei

Und auch Ahmad Mansour, der als Dozent für interkulturelles Training an der Polizeiakademie Berlin arbeitet, erklärt, wie schwierig es ist die Grenze zwischen „Racial Profiling“ und den Erfahrungswerten, aufgrund derer sie Personen kontrollieren, zu ziehen. Als Beispiel nennt er Polizisten, die in einem Park eine Drogenkontrolle durchführen müssen. Wie sollten sie vorgehen, wenn sie wissen, das die Drogendealer an einem bestimmten Ort meistens afrikanischer Herkunft seien - ohne „Racial Profiling“ zu betreiben?

Dennoch: „Es gab und gibt Fälle, in denen auch deutsche Polizisten unverhältnismäßig hart gegen nicht-weiße Menschen vorgingen. Diese Fälle dürfen nicht beschönigt, bagatellisiert oder gar totgeschwiegen werden“, erklärt Mansour gegenüber dem Tagesspiegel.

Doch die Forscher der Bochumer Uni sehen ein größeres Problem bei der Benachteiligung von „People of Color“. Von einzelnen Fällen wollen sie nicht sprechen: Es sei kein individuelles Problem einzelner Polizeibeamter. Zwar sei es auch kein Problem, von dem die Polizei in Gänze betroffen sei, dennoch handele es sich aber „um ein strukturelles Problem polizeilicher Praxis“, so ein Fazit des Berichts. Dazu zähle auch der Umgang mit Fehlern in der „Organisation Polizei“.

Rubriklistenbild: © Britta Pedersen/dpa