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Hoffnung für Bermudadreieck Bochum - wie Wirte die Sperrstunde kippen wollen

Das Bermudadreieck in Bochum.
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Das Bermudadreieck in Bochum.

Kippt die Sperrstunde für das Bermudadreieck in Bochum? Mehrere Wirte haben das Land NRW verklagt - und warten auf eine Entscheidung aus Münster.

Bochum - Die aufgrund der steigenden Corona-Zahlen eingeführte Sperrstunde um 23 Uhr bringt derzeit viele Wirte in NRW in Bedrängnis. Ein großer Teil der Einnahmen geht damit flöten. Mehrere Wirte aus dem Bermudadreieck in Bochum wollen das nicht auf sich sitzen lassen - und haben nun gegen das Land NRW und dessen Sperrstunden-Maßnahme sowie das Alkohol-Ausschank-Verbot ab 23 Uhr geklagt.

StadtBochum
Einwohner365.600
AusgehviertelBermudadreieck

Corona im Bermudadreieck Bochum: Zwei Wirte klagen gegen Sperrstunde

Einer der Kläger ist Christian Bickelbacher, seines Zeichens Chef der Firma „Art Hotel Gastronomie GmbH“, zu der das „Tucholsky“, das „Tapas“ und das „Art Hotel Tucholsky“ gehören. Außerdem klagt auch der Gastwirt der Weiher-Stube im Ehrenfeld von Bochum, Martin Dombrowski.

Letzterer äußerste in einem WDR-Interview die Befürchtung, Insolvenz anmelden zu müssen, sollte die Sperrstunde erhalten bleiben. Dieses Schicksal hat ein anderes Lokal im „Dreieck“ bereits durchlaufen: Das Restaurant „Taj Mahal“ hat seine Pforten aufgrund von Corona wohl auf ewig geschlossen.

Die Klage liegt nun beim Oberverwaltungsgericht in Münster, das nun eine Entscheidung treffen muss: Ist die Sperrstunde gerechtfertigt - oder nicht? Ende Oktober könnte es dazu bereits ein Urteil geben.

Bermudadreieck Bochum: Wirte wehren sich gegen Sperrstunde - „Gibt keine Infektionsherde“

Für Bickelbacher mache die Sperrstunde um 23 Uhr, die in Bochum am 16. Oktober erstmals angewendet wurde, keinen Sinn. „Es gibt keine nachvollziehbaren Infektionsherde in der Gastronomie“, sagte er gegenüber WDR-Moderatoren Alexander Bauer im Podcast „Sperrstunde Bermuda“ kürzlich.

Auch die blanken Zahlen scheinen für die Wirte und gegen die Sperrstunde zu sprechen. Seit Wiedereröffnung nach dem ersten Lockdown am 11. Mai hätten die Wirte im Bermudadreieck laut Bickelbacher rund 500.000 Gäste bewirtet. Lediglich zweimal habe es danach einen Anruf des Gesundheitsamts gegeben mit dem Hinweis, dass ein Gast positiv auf das Coronavirus getestet worden sei.

Wirt aus Bermudadreieck Bochum: Zu Hause gibt es keine Corona-Maßnahmen

„Wir sind der Meinung, dass es der völlig falsche Weg ist, die Leute ab 23 Uhr in den privaten Raum zu entlassen“, meint Bickelbacher. Zu Hause gäbe es keinen Abstand, keinen Mund-Nase-Schutz, keine Desinfektionsspender, oder keine Lüftung, so der Unternehmer. Im Bermudadreieck sei das anders. Viele Betriebe hätten zuletzt auch Raumluftfilter angeschafft, die 99 Prozent der Viren aus der Luft herausfiltern würden.

Zudem sieht Bickelbacher die Unternehmer im Bochumer Kneipenviertel ihrer Geschäftsgrundlage entzogen. Ähnlich argumentierten Wirte bei einer Klage gegen die Sperrstunde in Berlin - mit Erfolg. In der Hauptstadt wurde die Sperrstunde durch ein Gericht gekippt, allerdings nur für die elf Betriebe, die geklagt hatten. Und: Das Alkoholverbot nach 23 Uhr gilt vorerst weiter.

Gericht in Berlin kippt Corona-Sperrstunde - Wirte in Bochum wollen Ähnliches

Das Gericht argumentiert damit, dass die Sperrstunde nicht das „mildeste“ der geeigneten Mittel ist, um das legitime Ziel zu erreichen. „Die Kammer vermag nicht zu erkennen, dass Gaststätten unter den bislang geltenden Schutz- und Hygienemaßnahmen einen derart wesentlichen Anteil am Infektionsgeschehen gehabt haben, dass wegen der nunmehr zu verzeichnenden Neuinfektionen eine Sperrstunde als weitere Maßnahme erforderlich wäre“, heißt es in dem Beschluss.

Video: Nach Gerichtsentscheidung: Wie geht es weiter mit der Berliner Sperrstunde?

Auch die Gastronomen in Bochum sind ähnlicher Meinung. „Die Leute bleiben zu Hause, die Leute feiern zu Hause - dann nicht mehr zu zehnt, sondern mit 25 oder sogar 50 Mann“, berichtet Bickelbacher von Erzählungen die ihm zu Ohr gekommen seien. Umso bitterer sei es, dass sich die Gastronomen voll auf die Hygiene-Auflagen des Landes eingestellt hätten - und nun trotzdem die Sperrstunde als Dank kassieren. Bickelbacher über die Gäste im Bermudadreieck: „Die Leute haben Vertrauen zu uns.“

Coronavirus: Gastronomen aus Bochum loben Zusammenarbeit mit der Stadt

Ausdrücklich positiv spricht der Wirt über die Zusammenarbeit mit der Stadt Bochum. Die habe eigentlich auch eine Sperrstunde für 1 Uhr vorgesehen, was die Unternehmer in der Kneipenmeile als vertretbar angesehen hätten. Nun werde den Gastronomen durch die Anordnung des Landes wieder die Luft zum Atmen genommen.

Apropos „Luft zum Atmen“: Für den Winter hat die Stadt Bochum (hier mehr Artikel aus dem Ruhrgebiet auf RUHR24.de lesen) den Bar- und Kneipenbesitzern erlaubt, Markisen und Windschutze im Außenbereich aufzustellen, um mehr Gästen Platz auf den Terrassen an der frischen Luft zu geben. So soll wieder mehr Leben ins Bermudadreieck einkehren - ob mit oder ohne Sperrstunde. Bickelbacher: „Wir sind momentan die einzige Möglichkeit des sozialen Lebens. Hier können sich die Menschen in einem sicheren Raum treffen.“

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