„Mietwucher und Ausbeutung“

Tönnies: Sat.1 schleuste undercover Journalistin in Fleischunternehmen ein

Sat.1-Reportage deckt Missstände bei Schlachterei Tönnies auf.
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Sat.1-Reportage deckt Missstände bei Schlachterei Tönnies auf.

Sat.1 hat menschenunwürdige Zustände im Fleischbetrieb Tönnies in NRW dokumentiert. Dazu schleuste der Sender eine Journalistin undercover in das Unternehmen ein und recherchierte vor Ort.

Update, Mittwoch (15. Dezember), 15.30 Uhr: Dortmund – Das Unternehmen Tönnies weist die Vorwürfe aus der Sat.1-Reportage „vehement zurück“, zitiert Radio Gütersloh einen Unternehmenssprecher. Der Fleischproduzent kritisiert, dass Dinge aus dem Zusammenhang gerissen wurden und schlecht recherchiert worden seien.

Tönnies weist schwere Vorwürfe aus Sat.1-Reportage „vehement zurück“

Arbeitsverträge würden, anders als in der Reportage „Inside Tönnies“ dargestellt, immer auf Deutsch und in der Landessprache des Mitarbeiters ausgestellt. Subunternehmen kümmerten zudem sich nur um Recruiting und Schulungen der Arbeiter. Auch den Vorwurf des Mietwuchers streitet das Unternehmen laut dem Radiosender ab.

Ein hoher zweistelliger Millionenbetrag sei seit 2020 in neue Unterkünfte für Arbeiter geflossen. Von der Staatsanwaltschaft habe Tönnies zudem bislang keine Nachricht bekommen.

„Inside Tönnies“: Sat.1-Reportage erhebt schwere Vorwürfe gegen Fleischunternehmer

Erstmeldung, Dienstag (14. Dezember), 23 Uhr: Jahrelang galt Clemens Tönnies, der ehemalige Vorstandsvorsitzende des FC Schalke 04, als unantastbar. 2020 deckt ein massiver Corona-Ausbruch in seinem Werk in Rheda-Wiedenbrück (NRW) auf, wie schlimm die Arbeits- und Wohnzustände in seinem Unternehmen sind. Das Werk musste vorübergehend schließen, der ganze Kreis Gütersloh war betroffen. Das sorgte für jede Menge Unmut, Tönnies gelobte Besserung. Geändert hat sich seitdem offenbar nicht viel.

Das System Clemens Tönnies beschreibt die Sat.1-Reportage „Inside Tönnies“, die am Dienstag (14. Dezember) ausgestrahlt wurde, so: Sein Unternehmen stellte die Arbeiter früher nicht selbst an und sparte sich so Sozialbeiträge und Verwaltungskosten. Stattdessen kümmerten sich Subunternehmer darum, Arbeiter anzuheuern – meist aus Südosteuropa. Sprechen wollen die wenigsten von ihnen, auch aus Angst.

Nach dem Corona-Skandal bei Tönnies sind solche Werkverträge verboten worden. Doch das gilt wohl nur auf dem Papier, wie es in der Reportage heißt. Denn die alten Handlanger würden weiter Menschen rekrutieren, die bei Tönnies teils zehn bis zwölf Stunden am Tag Fleisch zurechtschneiden sollen. Der Sender selbst spricht von „Mietwucher, Einschüchterung und Ausbeutung“ der Arbeitskräfte.

Tönnies: Sat.1 schleust Journalistin undercover in Fleischunternehmen in NRW ein

Die vom Sender eingeschleuste Milena M. bekommt vor ihrem Job bei Tönnies eine Unterkunft zugeteilt, zusammen mit anderen Bulgarinnen, Rumäninnen und Polinnen. Gezahlt werde jeweils der Mindestlohn. Den Arbeitsvertrag gebe es erst nach einem negativen Corona-Test und einem unbezahlten Probetag.

Allein das sei laut der Juristin in der Reportage jedoch rechtswidrig. Auch die anderen Vorwürfe gegen Tönnies und sein Firmenumfeld in dem Beitrag haben es in sich: Mietwucher, Ausbeutung, sogar Prostitution gehören dazu.

Missstände bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück: Vorwurf des Mietwuchers bei Sat.1

Die Arbeiter müssten 300 Euro pro Person und Monat für ein kleines Zimmer in einer Werkswohnung zahlen. Das Unternehmen Tönnies vermiete selbst. Die Unterkünfte: Teils schimmelig, mit Ungeziefer befallen und zudem vollgepackt mit Menschen, wie der Beitrag zeigt. "Jeder Quadratmeter wird hier zu Geld gemacht", heißt es darin.

Der Transport zum Werk koste weitere 300 Euro, beides soll häufig direkt über die Lohnabrechnung verrechnet werden. Das Geld einer Gehaltserhöhung soll sich Tönnies über eine Mieterhöhung wieder zurückgeholt haben.

Sat.1 selbst erwägt während der Recherche, Strafanzeige gegen Tönnies zu stellen. Laut einer Juristin liege hier Mietwucher nahe, da die Mitarbeiter dreimal so hohe Mieten zahlen müssten, wie ortsüblich.

Tönnies: Reportage deckt menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in Fleischfabrik auf

Milena ist derweil im Werk angekommen, fotografiert Arbeits- und Mietverträge, die Tönnies meist nur auf Deutsch ausstelle. Erste Erfahrungen an Arbeitstag eins in der Reportage: Etwas trinken können Mitarbeiter nur zweimal am Tag in der Pause, Toilettenpausen oder Essen sind nicht drin. Tönnies habe hygienische Gründe für das Ess- und Trinkverbot genannt.

Später bekommt die Investigativ-Journalistin zudem Hinweise auf weitere Missstände und hört sogar von Mitarbeiterinnen, die nebenbei als Prostituierte auf dem Parkdeck des Unternehmens gearbeitet haben sollen. Nach nur zwei Wochen kündigt Milena, die Miete soll sie für drei Monate weiter zahlen – an Tönnies.

Sat.1-Recherche zu „Inside Tönnies“ wurde mehrfach gestört

Die Recherche scheint dabei alles andere als einfach gewesen zu sein. Nicht nur am Tönnies-Werkstor wird das Sat.1-Team demnach gestört, auch vor den Unterkünften der Leiharbeiter werden die Reporter beobachtet und gefilmt. Wer Tönnies kritisiert, müsse damit rechnen, eingeschüchtert und verklagt zu werden – egal ob Journalistin, Politiker oder Aktivistin.

Wirklich gebessert hätten sich die Verhältnisse in den Unterkünften trotz aller Zusagen seitens des Unternehmers Clemens Tönnies jedoch bis heute nicht, heißt es in der Sat.1-Doku „Inside Tönnies“.