Kommentar

ARD und ZDF zahlen Millionen für WM: Sender tragen Mitschuld am Katar-Desaster

Die WM in Katar hat viele Feinde. Jetzt werden auch ARD und ZDF der Mitschuld bezichtigt. Nicht zu Unrecht, kommentiert Redakteurin Katharina Küpper.

Deutschland/Katar – Der 2. Dezember 2010 ist der Tag, an dem die Weichen gestellt wurden: Die Fifa vergibt die WM 2022 an das Emirat Katar. Wer seitdem über das Sportereignis spricht, spricht über Energiekrise, Korruption, Menschenrechtsverletzungen, Homophobie, Tote. Viele rufen zum Boykott auf. Seit Wochen häufen sich die Dokumentationen in den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF.

ARD und ZDF zahlen Millionen für WM in Katar: Zuschauer kreiden Doppelmoral an

„Geheimsache Katar“ heißt in der ZDF-Mediathek. „WM der Lügen“, „WM der Schande“ sowie „Geld. Macht. Katar.“ sind im Ersten zu sehen. Die ARD und Thomas Hitzlsperger fragen im Titel einer der zahlreichen Dokumentationen: „Katar – Warum nur?“

Ein Teil der Antwort könnte sie beunruhigen: Denn die WM in Katar kann auch deswegen stattfinden, weil Sender wie ARD und ZDF frühzeitig nach der WM-Vergabe Gelder an die FIFA überwiesen haben, um dieses Turnier – das bereits mehr Tote forderte, als bislang Minuten gespielt wurden – in die deutschen Wohnzimmer übertragen zu können. Im Falle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) waren es Gebührengelder in Höhe von 214 Millionen Euro.

Trotz differenzierter Berichterstattung zur WM in Katar geraten ARD und ZDF in den Fokus der Kritik

Die Sender gehören damit zu den Möglichmachern dieser Weltmeisterschaft, was Zuschauer trotz – oder vielleicht wegen – der aktuellen kritischen Berichterstattung übel aufstoßen lässt.

Auf Twitter schreibt ein Nutzer beispielsweise: „So, liebe ARD und ZDF, könnt ihr nochmal erklären, warum ihr 200 Millionen an Zwangsgebühren einem offen menschenfeindlichen Regime in den Rachen werft? Seid konsequent: keine Spielübertragung aus Katar 2022. Ansonsten: lieber Klappe halten.“

Dazu fügte er Screenshots an. In einem spricht sich Georg Restle, Moderator des Politmagazins „Monitor“ im Ersten, dafür aus, die WM nicht zu gucken. Der zweite Screenshot zeigt einen Artikel der Sportschau: ein lachender Sportkommentator. Die Überschrift lautet „Das WM-Team vor Ort“. Von einer „guten Mischung aus Moderation, Reportage, Expertise und einem Team für die Hintergründe“ ist die Rede.

Mehr Konsequenz gefordert: ZDF und ARD Mitschuld bei WM in Katar

Kommentare desselben Tenors häufen sich in den sozialen Netzwerken. Aber auch Fans in den Fußballstadien machten Stimmung gegen die WM in Katar. BVB-Anhänger riefen mit einer Choreo über die komplette Südtribüne zum Boykott auf.

Die WM in Katar ist umstritten. Jetzt stehen auch ZDF und ARD in der Kritik.

Anhänger von Werder Bremen haben sich – wie viele andere – klar positioniert: „Wer Katar 2022 überträgt, macht sich mitschuldig!“ Von dieser Kritik können sich auch ARD und ZDF nicht freisprechen. Daran ändern auch unzählige Dokumentationen nichts.

Auch die Begründung „viele Beitragszahler würden erwarten, die Fußball-WM im öffentlich-rechtlichen Rundfunk frei empfangen zu können“, scheint widerlegt. Damit hatte der WDR-Rundfunkrat 2014 die Zustimmung der 214-Millionen-Euro-Zahlung gerechtfertigt. Zu laut sind jetzt die Rufe nach Protest und Boykott.

Öffentlich Rechtlicher Rundfunk in der Kritik: WM in Katar feuert Debatte an

Der ÖRR befeuert die Debatte mit einer Doku-Offensive, wie man sie wohl noch nie zu einem Sportgroßereignis gesehen hat. Spielt da auch das schlechte Gewissen mit? Auf RUHR24-Nachfrage äußerte sich die ARD zur Kritik. Die Übertragung sehe das Erste als „Chance, die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit auf die Situation im Austragungsland zu lenken und darüber aufzuklären“, erklärte der Sender. Auch das ZDF nennt es eine Chance. Fraglich, ob dies nicht auch ohne Übertragung der Live-Spiele möglich gewesen wäre.

Kritik brandet nicht nur im Netz auf: Fußball-Fans in den Stadien machen ihre Meinung zur WM in Katar deutlich.

Eine offensichtlich gekaufte WM mit einem dreistelligen Millionenbetrag zu finanzieren und zu übertragen, um den Menschen gleichzeitig zu erzählen, wie falsch das alles ist, zeugt für viele von einer bemerkenswerten Doppelmoral. Diese wirft insbesondere in Zeiten von großen Reformdebatten kein gutes Licht auf den ÖRR.

Hinweis: Dieser Kommentar entspricht der Meinung der Autorin und muss nicht unbedingt die Ansicht der gesamten Redaktion widerspiegeln.

Hinweis II: Das ZDF teilte RUHR24 mit, dass am Samstag, 19. November, ein monothematisches Sportstudio zu dem Thema ausgestrahlt werde. Gäste sind: Markus N. Beeko, Generalsekretär von Amnesty International. Zudem im Studio dabei: ZDF-WM-Expertin Martina Voss-Tecklenburg und ZDF-WM-Experte Per Mertesacker.

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