Kommentar

Skandal-Musiker wie Wendler und Nena: Warum ich trotzdem ihre Songs höre

Nicht selten stehen bekannte Musikerinnen und Musiker zurecht in der Kritik. Sollte man deshalb aufhören ihre Lieder zu hören? Ein Kommentar.

Dortmund – Immer wieder fallen berühmte Künstlerinnen und Künstler mit fragwürdigen Aussagen auf oder sind in Skandale verstrickt. Es kann vorkommen, dass ein altbekannter Lieblingssong dadurch plötzlich ungenießbar wird. Doch es ist völlig in Ordnung, Songs trotz der Kritik am Interpreten weiterhin zu feiern. Kunst kann auch einfach Kunst sein und für sich stehen, kommentiert RUHR24-Autorin Johanna Kontowski.

Musik vs. Meinung: Liebe ARD, bitte gebt Nena weiterhin eine Bühne

Der Umgang mit der Sängerin Nena ist ein gutes Beispiel auf persönlicher und institutioneller Ebene. Die persönliche Ebene, weil ich trotz anderer Ansicht zu damaligen Corona-Maßnahmen immer noch ihre Musik höre. Die institutionelle Ebene, weil ich denke: Liebe ARD, bitte gebt Nena weiterhin eine Bühne.

Zum Hintergrund: Die ARD wurde in den sozialen Medien dafür kritisiert, die Sängerin Nena beim Schlager-Jubiläum der ARD auftreten zu lassen. Grund dafür sind die umstrittenen Aussagen, die Nena bezüglich der Corona-Maßnahmen getroffen hat.

Die Musikerin aus Hagen hatte sich kritisch gegenüber den von Bund und Ländern beschlossenen Maßnahmen geäußert und unter anderem für die Entscheidungsfreiheit jeder einzelnen Person plädiert. Bei einem Nena-Konzert in Berlin im vergangenen Jahr wurden Hygiene-Konzepte nicht eingehalten und gegen Corona-Regeln verstoßen.

Verschiedene Meinungen sind wichtig für die Demokratie – auch in der Musik

Aus Sicht einer Studentin der Politikwissenschaften handelt die ARD als öffentlich-rechtlicher Sender in diesem Fall genau richtig. Ein zentraler Bestandteil der öffentlich-rechtlichen Sender sollte es sein, demokratisch zu handeln. Dazu gehört auch, Personen einzuladen, deren Meinung nicht jener der Mehrheit entspricht.

Unerträglich wäre es, nur Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform zu bieten, die derselben Ansicht wie die Redaktion sind. Ohne die Auftritte der gegen den Strom schwimmenden Nena könnte ein mediales System rasch totalitäre Züge annehmen.

Auf persönlicher Ebene genieße ich weiterhin die Musik von Nena, weil mir ihre Texte gefallen. Darin geht es oft um Freundschaft, Zusammenhalt, Frieden oder Liebe. Das sind Motive, mit denen ich mich identifizieren kann – auch wenn ich ihre Corona-Meinung nicht teile. Für mich sind die Lieder als Kunst hier bedeutsamer als die Person dahinter. Jedoch gibt es viel krassere Fälle von Kunst vs. Ideologie. Wie sieht es dort aus?

Bei Menschenfeindlichkeit ist Schluss – aber worauf kommt es wirklich an in der Musik?

Der Schlager-Musiker Michael Wendler zum Beispiel hat sich aktiv rechtspopulistisch geäußert. Zusätzlich hat der Künstler Verschwörungstheorien mithilfe sozialer Medien verbreitet. Das ist hochgradig gefährlich für die Gesellschaft. Sobald jemand derartige Menschenfeindlichkeit zeigt, ist die Person bei mir unten durch. Doch selbst wenn ich die Lieder vom Wendler abfeiern würde, gäbe es noch etwas viel Schlimmeres, als seine alte Musik zu mögen.

Und das sind Musikstücke mit menschenfeindlichen, diskriminierenden oder rechtspopulistischen Inhalten. Oft wird in Liedern zudem mit Narrativen des Sexismus gespielt. Die besten Beispiele: Rap oder Schlager. Aber auch Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus werden häufig durch Liedtexte glorifiziert. Sprache hat eine größere Macht darüber, wie wir die Welt wahrnehmen und gestalten, als wir denken.

Nena ist aufgrund ihrer Meinung zu Corona aufgefallen und Michael Wendler wurde sogar für die Verbreitung von Verschwörungs-Theorien kritisiert.

Kritik an Michael Wendler ist berechtigt – der Umgang mit dem Thema aber bedauerlich

Demnach sollte ein bedeutsamer Fokus darauf liegen, welche Themen die Lieder vermitteln, die wir alltäglich konsumieren. Das ist nicht der Fall. Wenn doch, werden die negativen Effekte von diskriminierenden Liedern verharmlost und belächelt. Zu vieles wird in der öffentlichen Debatte personifiziert.

Der Blick für die Kunst als solche und wichtige Inhalte gehen dabei verloren und die Person wird ins Zentrum gerückt. Dass der Wendler für seinen anti-semitischen Horror öffentlich angeprangert wird, ist absolut richtig. Dass er dennoch viel zu viel mediale Aufmerksamkeit als Person bekommt, statt mehr über die unbeschreibliche Gefahr von Anti-Semitismus aufzuklären, ist bedauerlich.

Aufklärung ist unentbehrlich. Beleidigungen und Spott bringen jedoch niemanden zur Vernunft. Wohl eher dazu, dass sich die Person und ihre Fans noch mehr von der Gesellschaft abspalten.

Die Grenze zwischen Kunst und Ideologie: Nicht Probleme personifizieren sondern Inhalte hinterfragen

Jeder und jede muss selbst entscheiden, wo die Grenze zwischen der Kunst und Skandalen gezogen wird. Ich fokussiere dabei weniger Meinung und Musik, sondern konzentriere mich auf die Narrative in den Liedern, statt Künstlerinnen und Künstler auf einzelne Aussagen oder Skandale zu reduzieren.

Aus soziologischer Perspektive ist es schädlicher als Menschengruppe toxische Inhalte zu konsumieren, als unschädliche Inhalte einer einzelnen fragwürdigen Persönlichkeit. Können wir nicht mehr damit erreichen öfter mal Inhalte statt Personen zu boykottieren? Jedenfalls bis zu einem bestimmten Punkt.

Menschen mit realitätsfernen und populistischen Zügen wird es wohl immer geben. Mit dem Hintergrund ist es doch unverzichtbar, sich mit kritischen Inhalten zu befassen. Diese können minimiert werden und somit auch den Realitätsbezug in der Gesellschaft stärken.

Populäre Musik steckt voller Stereotypen, Vorurteilen und gefährlicher Diskriminierung. Ich habe keine Toleranz für Menschenfeindlichkeit. Musikerinnen und Musiker werden dafür korrekterweise kritisiert. Dabei sollte man auch die Lyrics eines Liedes hinterfragen, bevor es sich ins Gehirn brennt. Beim Durchsuchen der Musik von Nena ist mir aufgefallen: Es täte wohl jeder und jedem in Zeiten wie diesen gut, sich den Sinn von Nenas „99 Luftballons“ noch einmal zu vergegenwärtigen.

Hinweis: Dieser Kommentar entspricht der Meinung der Autorin und muss nicht unbedingt die Ansicht der gesamten Redaktion widerspiegeln.

Rubriklistenbild: © M. Kremer/Future Image/Imago; Revierfoto/Imago; Collage: Sabrina Wagner/RUHR24