Dramatische Szenen an Bord

Nach Notstand auf „Ocean Viking“: Flüchtlinge dürfen an Land - und werden direkt aufs Quarantäne-Schiff geschickt

Ein Seenotrettungsschiff, das auf dem Mittelmeer Menschen vor dem Ertrinken rettet, hat den Notstand ausgerufen. Nun durften die Flüchtlinge an Land, mussten aber direkt in Quarantäne.

  • Ein Seenotrettungsschiff mit 180 Geretteten an Bord hat den Notstand ausgerufen.
  • Menschen versuchten sogar in der prekären Situation sich das Leben zu nehmen.
  • Nun durften sie an Land gehen - mussten aber direkt auf ein Quarantäne-Schiff (siehe Update vom 7. Juli, 6.43 Uhr). 

Update vom 7. Juli, 13.24 Uhr: Die rund 180 Migranten, die mit der „Ocean Viking“ im Hafen von Porto Empedocle angelegt hatten, haben das private Rettungsschiff nun mittlerweile verlassen, um auf eine italienische Quarantänefähre zu wechseln. Am späten Montagabend sei die Ausschiffung von 123 Menschen, bei denen negative Corona-Tests vorlagen, erfolgt, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa. Die übrigen 57 Migranten folgten nach Eintreffen ihrer Testergebnisse.
Die letzten Geflüchteten hätten das Schiff gegen drei Uhr an diesem Dienstagmorgen verlassen, sagte eine Sprecherin der Organisation SOS Mediterranee, die die „Ocean Viking“ betreibt. Die Organisation twitterte außerdem Fotos der Geretteten, die an Land waren.

Update vom 7. Juli, 6.43 Uhr: Die Flüchtlinge an Bord der „Ocean Viking“ haben nach mehr als einer Woche des Wartens damit begonnen, in Italien an Land zu gehen. Am Montagabend verließen die ersten Flüchtlinge im sizilianischen Hafen Porto Empedocle das Schiff. Dann wurden sie von der Polizei direkt zu dem in der Nähe ankernden Quarantäne-Schiff „Moby Zaza“ gebracht. Dort sollen sie nun als Schutzmaßnahme gegen das Coronavirus mindestens zwei Wochen lang in Isolation bleiben. 

Geflüchtete auf der „Ocean Viking“ wurden auf Corona getestet

Die etwa 180 Geflüchteten, die mit der „Ocean Viking“ in Porto Empedocle eingetroffen waren, waren zuvor bereits an Bord des Schiffes von einem medizinischen Team der Behörden auf ihren Allgemeinzustand sowie eine Corona-Infektion untersucht worden. Neun Tage lang hatte das Schiff der Hilfsorganisation SOS Méditerranée auf die Erlaubnis der italienischen Behörden gewartet, in einen Hafen des Landes einlaufen zu dürfen. 

Diese Erlaubnis war am Sonntag erteilt worden. Daraufhin wartete die Besatzung noch einen weiteren Tag, bis schließlich die Anweisungen für den Landgang der Flüchtlinge eingingen. Am vergangenen Freitag hatte die Crew den Notstand ausgerufen, da sich die Lage an Bord zugespitzt hatte. SOS Méditerranée berichtete von mehreren Suizidversuchen und Auseinandersetzungen zwischen den Migranten.

Übrigens: Bundesinnenminister Horst Seehofer berät heute mit anderen Innenministern der EU über die Seenotrettung. Bereits vor der Videokonferenz hat er den Druck auf seine EU-Amtskollegen stark erhöht.

„Ocean Viking“ an sizilianischem Hafen eingetroffen - Migranten dürfen bald an Land

Update vom 6. Juli, 13.54 Uhr: Mit 180 Migranten an Bord ist das private Rettungsschiff „Ocean Viking“ am Montag vor dem Hafen von Porto Empedocle auf Sizilien eingetroffen. Die aus Seenot geretteten Menschen sollen auf die Quarantänefähre „Moby Zaza“ gebracht werden. Wie die Hilfsorganisation SOS Méditerranée, der Betreiber der „Ocean Viking“, auf Twitter schrieb, warte man nun auf weitere Anweisungen der italienischen Behörden. 

Laut der italienischen Nachrichtenagentur Ansa musste zunächst auf der „Moby Zaza“ Platz für die Neuankömmlinge geschaffen werden. Zuvor waren dort knapp 220 Migranten für eine Corona-Quarantäne untergebracht worden. Von diesen Menschen dürfen demnach 169 am Montag an Land gehen und werden dann mit Bussen zu Unterkünften in Crotone in der Region Kalabrien gebracht.

Unterdessen bekräftigte SOS Méditerranée am Montag in einer Mitteilung die Forderung, dass mindestens 44 Menschen, die sich in einer psychologischen Notlage befänden, „so schnell wie möglich an einen sicheren Ort an Land“ gebracht werden sollten.

„Ocean Viking“: Situation drohte zu eskalieren - Psychiator und Mediator gehen an Bord

Update vom 6. Juli, 12.12 Uhr: Nachdem die Situation an Bord des Rettungsschiff „Ocean Viking“ zu eskalieren drohte, schickte Italien am Samstag einen Psychiater und einen kulturellen Mediator für mehrere Stunden an Bord. Dies führte laut SOS Méditerranée zu einer Beruhigung der Stimmung unter den 180 Geflüchteten, die allerdings weiter äußerst angespannt sei.

Der Psychiater stellte unterdessen enorme psychische Belastungen bei den Flüchtlingen fest. Zusätzlich wurden Corona-Tests unter den Passagieren der „Ocean Viking“ vorgenommen. Die Abstriche seien am Nachmittag abgeschlossen worden, die Testergebnisse stehen noch aus.

Im Verlauf des Montags sollen die geflüchteten Menschen von der „Ocean Viking“ auf das Quarantäne-Schiff „Moby Zara“, das in der sizilianischen Hafenstadt Porto Empedocle vor Anker liegt, ausgeschifft werden. 

Rettungsschiff „Ocean Viking“ sendet Hilferuf - Italienische Behörden reagieren

Update vom 4. Juli, 21.58 Uhr: Nach dem dramatischen Hilferuf des Rettungsschiffs „Ocean Viking“ haben italienische Behörden nun reagiert. Mehrere der 180 geretteten Flüchtlinge hatten versucht sich das Leben zu nehmen. Die Situation auf dem Schiff war offenbar nicht mehr haltbar.

Nach tagelangem Zögern erlaubt Italien nun den 180 Migranten den Wechsel auf ein italienisches Quarantäneschiff, die „Moby Zaza“. Die Übernahme der aus Seenot geretteten Menschen sei für Montag geplant, hieß es am Samstagabend aus Quellen im Innenministerium in Rom.

Die Seenotretter berichteten von einem Hungerstreik unter den Geflüchteten. Die Seenotretter der Organisation SOS Méditerranée hatten auf dem Schiff den Notstand aufgerufen und dringende Anfragen an Malta und Italien gesandt. Italien schickte daraufhin am Samstag einen Psychiater und einen kulturellen Mediator aus Pozzallo für mehrere Stunden an Bord, berichteten beide Seiten. Danach kam die Erlaubnis aus Rom zur Übernahme auf die „Moby Zaza“.

Flüchtlingsschiff ruft Notstand aus: Dramatische Szenen an Bord - „Besorgniserregendes Verhalten“

Erstmeldung vom 4. Juli:

Das Rettungsschiff „Ocean Viking“ der Nichtregierungsorganisation „SOS Mediterranee“ hat den Notstand ausgerufen, nachdem sieben Häfen ein sicheres Anlegen verwehrten und mehrere gerettete Menschen versuchten sich das Leben zu nehmen. Das teilte die Seenotrettungsorganisation am Freitag (3. Juli) in einer Pressemeldung mit. 

Die Situation auf dem Schiff, auf dem sich 180 auf See Gerettete befinden, habe sich zugespitzt, sodass die Sicherheit der Menschen an Bord nicht mehr gewährleistet sei. „Die Sicherheit der Besatzung und der Überlebenden hat für uns in jeder Phase unseres Einsatzes oberste Priorität. Wir können die Sicherheit der 180 Menschen, die wir in vier Einsätzen gerettet haben, nun nicht mehr garantieren“, sagt Verena Papke, Geschäftsführerin von „SOS Mediterranee“ Deutschland. „Auf dem Schiff warten mehr als die Hälfte der Geretteten seit über einer Woche verzweifelt auf einen sicheren Ort.“

Rettungsschiff ruft Notstand auf: 180 Gerettete an Bord - „schlimme psychische Zustände“

Am Donnerstag (2. Juli) sprangen laut der Rettungsorganisation zwei Männer von Bord. Sie konnten von der Crew des Schiffes aus dem Wasser gezogen werden. Ein weiterer Mann habe springen wollen, konnte jedoch aufgehalten werden. Ein anderer versuchte sich zu erhängen.

„Das besorgniserregende Verhalten und der schlimme psychische Zustand vieler Überlebenden an Bord unseres Schiffes sind eine direkte Folge der unnötig langen Verzögerung und der fehlenden Lösung für ihre Ausschiffung an einen sicheren Ort“, beklagt Papke, „Ein Schiff auf See ist kein sicherer Ort für Menschen, die gerade eine Nahtoderfahrung auf einem nicht seetüchtigen Boot in Seenot hinter sich haben.“

Seehofer will Mittelmeerländer bei Seenotrettung unterstützen

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) nimmt die EU-Staaten bei der Seenotrettung in die Pflicht. „Vor dem Hintergrund des zu erwartenden Anstiegs der Abfahrten über den Sommer brauchen wir in den kommenden Wochen eine breite Beteiligung“, heißt es in einem Papier seines Ministeriums, über das Seehofer am Dienstag bei einer Videokonferenz mit seinen EU-Kollegen beraten will, und das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Man rufe die EU-Staaten dazu auf, „die Mittelmeeranrainer im Umgang mit Ausschiffungen nach Such- und Rettungseinsätzen zu unterstützen“. Zugleich will Seehofer Anreize für Migranten vermeiden, sich auf den Weg nach Europa zu machen.

Schon seit Jahren findet die EU keine Lösung für den Umgang mit aus Seenot geretteten Migranten. Mittelmeerländer wie Italien und Malta bitten die anderen Staaten immer wieder um Hilfe - meist erklären sich aber nur wenige Länder bereit, Menschen aufzunehmen. Im Zuge der Coronavirus-Pandemie erklärten Italien und Malta, keine sicheren Häfen mehr für die Schiffe bieten zu können. Dennoch brechen immer wieder Migranten von Libyen und Tunesien in Richtung Europa auf.

Am Samstag (4. Juli) teilte „SOS Mediterranee“ auf Facebook mit, dass medizinische Hilfe aus Italien kommen würde. „Bislang wurde keine weitere Hilfe angeboten - die Spannung an Deck steigt wieder!“, so die Organisation. 

Die andauernde Corona-Pandemie* hält die ganze Welt in Atem. Dennoch flüchten viele Menschen nach Europa. Die Krise verschärfte die Not in griechischen Flüchtlingslagern. Besonders prekär sind die Verhältnisse auf Moria. 2019 sorgte die deutsche Seenotretterin Carola Rackete für Schlagzeilen. (lb mit dpa und AFP) *merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

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