Aufgaben auf Grundschulniveau

Hartz-IV-Empfänger berichten über demütigende Maßnahmen beim Jobcenter: „Pure Erniedrigung“

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Beim Jobcenter werden Hartz-IV-Empfängern Maßnahmen vermittelt, die sie bei der Arbeitssuche unterstützen sollen. Doch häufig sind diese Maßnahmen wohl eher nutzlos. 

Hartz-IV-Maßnahmen sollen Arbeitslose bei der Jobsuche voranbringen. Doch Aufgaben auf Grundschulniveau sind bei diesen „Fortbildungen“ möglicherweise keine Seltenheit.

Berlin - Puzzeln, Blätter sammeln und bestimmen oder Aufgaben auf Grundschulniveau lösen - solche und andere Zeitvertreibe werden allem Anschein nach mancherorts Arbeitslosen in Deutschland im Zuge von Hartz-IV-Maßnahmen als „Fortbildungen“ aufgetragen. Diesen mutmaßlichen Missstand hat nun ein Tweet ans Licht gebracht. 

Der Post einer Twitter-Userin namens Mila lässt Zweifel zu, ob Hartz-IV-Maßnahmen wirklich zielführend sind: Die junge Frau postete ein Foto mit einer Aufgabe, die ihre Mutter bei einer Fortbildung lösen sollte - so erklärt es zumindest die Userin. 

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Der Schwierigkeitsgrad der abgebildeten Aufgaben: eher gering. Es geht darum, Bilder mit den zugehörigen Wörtern zu beschriften. Ein Bild von einer Katze: „Katze“. Ein Bild von einem Herz: „Herz“. Die nächste Teilaufgabe: Welches Wort wird mit tz geschrieben? „Katze.“ Und Stufe drei: „Schreibe noch andere Wörter mit tz auf, die du kennst.“ 

Twitter-Userin: Hartz-IV-Maßnahme des Jobcenters sei pure Erniedrigung

Als „pure Erniedrigung erwachsener intelligenter Menschen“ bezeichnet Mila die Hartz-IV-Maßnahme ihrer Mutter. Doch wenn ihre Mutter nicht an der Fortbildung teilnehme, drohten Sanktionen, schreibt die Twitter-Nutzerin.

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In dem sozialen Netzwerk zeigt sich derzeit, dass Milas Mutter wohl kein Einzelfall wäre. Mehr als 3000 User haben den Tweet geteilt, etwa 800 Kommentare befinden sich darunter. Einige Twitter-User berichten von ähnlichen Vorfällen. „Es ist unglaublich... mein Mann war vor Jahren mal kurz in Hartz-IV und musste im Wald Blätter sammeln, aufkleben und bestimmen“, heißt es in einem Kommentar. „Stimmt! Habe ich selber auch schon so erlebt! Lächerliche Grundschultests und niemanden kümmert es!“, schreibt eine andere Nutzerin. 

Hartz-IV-Empfängerin sollte in einer Fortbildung puzzeln

Auch Miriam Müller, die eigentlich anders heißt, hat etwas ähnliches erlebt. „In einer Maßnahme sollte ich den ganzen Tag puzzeln“, erzählt sie der Huffington Post. Die 44-Jährige ist seit 20 Jahren arbeitslos und fühlt sich nach eigenen Angaben vom Amt gedemütigt, betrogen und „behandelt, als wäre ich ein dummer Hartzer, kein Mensch“. Was genau sie beim Puzzeln lernen sollte, habe sie die Behörde gefragt, berichtete die alleinerziehende Mutter der Webseite. Die Antwort des Amtes: Es gehe zunächst darum, „dass Arbeitssuchende lernen, pünktlich zu kommen und früh aufzustehen.“

Dass Miriam Müller ohnehin jeden Morgen früh aufsteht, weil sie ein kleines Kind pünktlich zur Schule bringen muss, verleiht dem Vorgehen im gegebenen Fall allerdings eine gewisse Ironie. Und auch eine andere Twitter-Nutzerin hält ihre Hartz-IV-Maßnahme - vorsichtig ausgedrückt - für wenig zielführend. „Direkt nach meinem Bachelor wurde mir erklärt, wie ich einen PC anschalten muss“, kommentierte die Userin Milas Post. „Nichts ist erniedrigender für eine gebildete Person als eine Hartz-IV-Maßnahme.“

Die Bundesagentur für Arbeit will den Fall von Milas Mutter nun prüfen

Im Fall von Milas Mutter wurde die Zentrale der Bundesagentur für Arbeit nun aber aktiv. Sie will den Sachverhalt prüfen. „Im Moment haben wir weder Informationen zu den Hintergründen noch zur Echtheit oder Herkunft des Screenshots“, sagte eine Sprecherin der Zentrale der Huffington Post

Die Twitter-Userin Mila hat bisher noch nicht auf die Anfrage des Arbeitsamts reagiert. Die Reaktionen der zahlreichen anderen Twitter-User lassen aber zumindest vermuten, dass das Arbeitsblatt nicht nur ein Fake ist. 

Hartz-IV-Empfänger waren auch in der Talkshow „Maischberger“ Thema: FDP-Chef Christian Lindner äußerte eine kontroverse Meinung. Das Bundesverfassungsgericht urteilte, ob Hartz-IV-Sanktionen zulässig sind. Strafen über 30 Prozent sollen demnach nicht mehr möglich sein. Doch durch einen Trick sollen laut Medienberichten nun doch höhere Hartz-IV-Sanktionen möglich sein - Hubertus Heil reagiert auf die Vorwürfe.

Video: Leben mit Hartz IV - ein Selbstexperiment

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