Außergewöhnlicher Termin

Osteransprache von Bundespräsident Steinmeier: „Die Welt nach Corona wird eine andere sein“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit einer TV-Ansprache außerhalb der Reihe.
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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit einer TV-Ansprache außerhalb der Reihe.

Der Bundespräsident richtet sich in der Regel nur bei der Weihnachtsansprache an die Bürger - Frank-Walter Steinmeier macht jetzt in der Corona-Krise eine Ausnahme.

  • Die Bundesregierung hat wegen des Coronavirus* einschneidende Maßnahmen ergriffen. 
  • Das Kontaktverbot* wurde bis zum 19. April verlängert. 
  • Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält wegen der Pandemie am Samstagabend (11. April) um 20.15 Uhr eine TV-Ansprache.
  • Hier finden Sie aktuelle Fallzahlen in Deutschland als Karte. Die aktuellen Nachrichten zur Corona-Krise in Deutschland finden Sie außerdem in unserem News-Ticker.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Menschen in Deutschland in einer Fernsehansprache zum Osterfest zu Geduld und Disziplin aufgerufen. Wann und wie die Einschränkungen wegen der Corona-Krise gelockert werden könnten, entschieden nicht allein Politiker und Experten, sagte er in der Ansprache, die am Samstagabend ausgestrahlt werden soll. "Sondern wir alle haben das in der Hand." Steinmeier nannte die Pandemie "eine Prüfung unserer Menschlichkeit" und bat darum, Hilfsbereitschaft und Solidarität auch nach der Krise zu erhalten.

Bundespräsident Steinmeier über Coronavirus: „Die Welt danach wird eine andere sein“

"So viele von Ihnen wachsen jetzt über sich selbst hinaus", sagte Steinmeier. Er wisse natürlich auch, dass sich alle nach Normalität sehnten. Das heiße aber nicht, möglichst schnell "zurück in den alten Trott, zu alten Gewohnheiten" zu kehren. "Die Welt danach wird eine andere sein", sagte der Bundespräsident. Es gehe darum, aus der Krise zu lernen.

"Wir stehen jetzt an einer Wegscheide", sagte Steinmeier weiter. "Schon in der Krise zeigen sich die beiden Richtungen, die wir nehmen können." Es gehe um die Frage, ob jeder für sich agiere, "Ellbogen raus, hamstern und die eigenen Schäfchen ins Trockene bringen". Oder ob das neu erwachte Engagement für den anderen und für die Gesellschaft erhalten bleibe, "die geradezu explodierende Kreativität und Hilfsbereitschaft".

Steinmeier fordert Veränderungen: „Wir haben zu lange geglaubt, dass wir unverwundbar sind“

Es gehe auch darum, ob wir uns nach der Krise noch daran erinnern, "was unverzichtbare Arbeit - in der Pflege, in der Versorgung, in sozialen Berufen, in Kitas und Schulen - uns wirklich wert sein muss", betonte Steinmeier. Auch stelle sich die Frage, ob die, "die es wirtschaftlich gut durch die Krise schaffen", denen wieder auf die Beine helfen, "die besonders hart gefallen sind".

"Die Pandemie zeigt uns: Ja, wir sind verwundbar. Vielleicht haben wir zu lange geglaubt, dass wir unverwundbar sind, dass es immer nur schneller, höher, weiter geht", sagte der Bundespräsident. "Das war ein Irrtum."

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit einer TV-Ansprache außerhalb der Reihe.

Steinmeier bittet um Vertrauen an Regierung

Die Krise zeige aber auch, "wie stark wir sind" und "worauf wir bauen können". Er sei "tief beeindruckt von dem Kraftakt, den unser Land in den vergangenen Wochen vollbracht hat". Noch sei die Gefahr aber nicht gebannt.

Durch die Einhaltung der radikalen Einschnitte habe jeder "Menschenleben gerettet und rettet täglich mehr", sagte Steinmeier. Er bat "auch weiterhin um Vertrauen, denn die Regierenden in Bund und Ländern wissen um ihre riesige Verantwortung".

"Vieles wird in der kommenden Zeit sicher nicht einfacher", sagte Steinmeier zum Abschluss seiner Ansprache. "Aber wir Deutsche machen es uns sonst ja auch nicht immer einfach. Wir verlangen uns selbst viel ab und trauen einander viel zu." Er betonte: "Wir können und wir werden auch in dieser Lage wachsen."

Corona-Krise in Deutschland: Steinmeier wagt ungewöhnlichen Schritt

Erstmeldung vom 11. April 2020: 

Berlin -  Diese Form der Wortmeldung ist ungewöhnlich - aber in der Corona-Krise wohl angezeigt: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält am Samstagabend um 20.15 Uhr eine Fernsehansprache. Sie soll nach den Hauptnachrichtensendungen von ARD und ZDF ausgestrahlt werden. Auch andere Sender können sie ins Programm nehmen. 

Zuletzt hatte Steinmeier mehrmals Videobotschaften zur Corona-Krise veröffentlicht. Darin stimmte er die Bevölkerung auf weiter schwierige Zeiten ein und lobte zugleich Solidarität und Zusammenhalt.

Bundesregierung in der Corona-Krise: Viel Zustimmung - außer bei AfD-Wählern

Es ist das erste Mal, dass ein Bundespräsident in dieser Form auf ein aktuelles Ereignis eingeht. Normalerweise hält das Staatsoberhaupt solche Ansprachen nur jedes Jahr an Weihnachten. Mitte März hatte sich bereits Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in einer Fernsehansprache* an die Bürger gewandt und an sie appelliert, die Auflagen zur Bekämpfung der Pandemie einzuhalten.

Video: Fernsehansprache von Kanzlerin Merkel

Einer Yougov-Umfrage zufolge wird das Krisenmanagement der Bundesregierung über die Parteipräferenzen hinweg überwiegend positiv bewertet, mit einer Ausnahme: Die Wähler der AfD sind zu 52 Prozent unzufrieden und nur zu 45 Prozent zufrieden. Aber auch hier wächst die Zustimmung zum Regierungskurs: Vor zwei Wochen waren noch 68 Prozent der AfD-Wähler eher unzufrieden und nur 27 Prozent zufrieden.

Auch der aktuelle Sonntagstrend zeichnet einen neuen Höhenflug von CDU und CSU ab. Sichert die aktuelle Corona-Krise der Union die Wählergunst?

Wann endet der Corona-Shutdown? Altmaier (CDU) mit Warnung

Insbesondere aus der Wirtschaft* waren zuletzt Rufe nach Lockerungen laut geworden. Das Verständnis für den Shutdown* sei auch in der Wirtschaft groß. „Die Unternehmen brauchen aber möglichst bald eine klare Orientierung, wie sie künftig - jenseits der konkreten Terminfrage - ihre Geschäftstätigkeit an die höheren Vorgaben des Gesundheitsschutzes anpassen können“, sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Eric Schweitzer, der Saarbrücker Zeitung.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier warnte vor voreiligen Schritten. „Wir sehen einen ersten Silberstreif am Horizont, denn die Zahl der Neuinfektionen nimmt nicht mehr so stark zu“, sagte der CDU-Politiker der Augsburger Allgemeinen. Dies sei der großen Disziplin der Bürger zu verdanken. „Wenn wir aber die Beschränkungen* zu früh lockern oder aufheben, waren all diese Opfer möglicherweise umsonst.“

Schulen in der Corona-Krise: Karliczek (CDU) auf einer Linie mit Laschet (CDU)

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hat die Bundesländer unterdessen zu einer gemeinsamen Linie bei der Wiedereröffnung der Schulen* aufgerufen. Die Länder sollten möglichst einheitliche Kriterien für eine Rückkehr in den normalen Schulbetrieb entwickeln, sagte sie der dpa.

Sie teile die Auffassung des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet. Der CDU-Politiker hatte einen Konsens aller 16 Bundesländer beim Zeitplan für die Wiedereröffnung von Schulen und Kitas gefordert. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte gesagt, „es sollte so viel gemeinsam geschehen wie möglich“. 

Corona-Krise in Deutschland: Merkel (CDU) berät am Mittwoch mit den Länderchefs

Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder wollen am kommenden Mittwoch über das weitere Vorgehen in der Corona-Krise und mögliche Lockerungen der strengen Einschränkungen* beraten. Doch die Meinungen, wie es in den Schulen konkret weitergehen soll, gingen zuletzt auseinander. Merkel selbst hatte vor Ostern gesagt, sie halte Schulen und Kindergärten „nicht für den Ort, an dem man nun mit einfachster Maßnahme den Abstand sicherstellen kann, den man noch braucht“.

dpa/AFP/frs

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