Ein (wütender) Kommentar

Erstes Wolfsrudel in NRW: Wolfsmutter soll getötet werden – das ist falsch

Die Gemeinde Schermbeck in NRW will Wolf Gloria abschießen lassen. Doch genau das ist der falsche Weg, findet RUHR24-Redakteur Dennis Liedschulte. Ein Kommentar.

NRW – Der Rat der Gemeinde Schermbeck (NRW) nahm am Dienstag (22. Dezember) einen Antrag des FDP-Politikers Simon Bremer vom 10. November 2020 einstimmig an. Das Ziel: Die Wölfin Gloria soll entnommen werden. In anderen Worten: Sie soll abgeschossen werden.

WolfGloria
WolfsgebietKreis Wesel bis Kreis Recklinghausen
Weitere WölfeRüde und Welpe

Wolf Gloria soll abgeschossen werden: Rat der Gemeinde Schermbeck stimmt dafür

Knapp 200 Jahre nach Abschuss des letzten Wolfes auf dem heutigen Gebiet in NRW gibt es wieder ein Rudel – einen Rüden, eine Fähe (Gloria) und einen Welpen. Das Wolfsgebiet liegt zwischen Wesel und Recklinghausen.

Eigentlich ist das ein toller Erfolg für den Naturschutz. Doch Wölfin Gloria sorgt seit 2018 auch für Unmut bei Landwirten. Sie ist für zahlreiche Risse verantwortlich. Die Zahlen variieren. Das ist ohne Zweifel ärgerlich, da es in der Debatte für die Landwirte vor allen Dingen um wirtschaftliche Verluste geht.

Doch die Argumente, die von den Gloria-Gegnern genutzt werden, machen wütend. Sie habe die Scheu vor Menschen verloren. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis Menschen angegriffen werden würden, so Bernhard Conzen vom Rheinischen Landwirtschafts-Verband. Zudem würde sie circa 190 Zentimeter hohe Zäune überspringen und diese Fähigkeit an ihren Welpen weitergeben können, so Eckhard Vornbrock vom sogenannten Bürgerforum Gahlen aus Schermbeck.

Wolf Gloria: Wolfsgegner mit zweifelhaften Argumenten für den Abschuss

Die Argumente haben den Anschein, als würde man etwas konstruieren wollen. Denn, dass Wölfin Gloria wirklich die Fähigkeit hat, über einen hohen Zaun zu springen, ist nicht bestätigt und wird auch von Wolfskennern stark angezweifelt. Angezweifelt werden darf auch die Behauptung, sie habe die Scheu vor dem Menschen verloren. Vielleicht machen es ihr die Menschen in manchen Fällen einfach zu leicht mit ihren Weidetieren. Einen Angriff hat es in Deutschland bislang nicht gegeben.

Herdenschutzhunde könnten die Lösung gegen das Problem mit den Wölfen sein.

Ist es also notwendig, ein von der EU streng geschütztes Wildtier abzuschießen, oder muss der Mensch seine Weidetiere besser schützen? Floria Preis, Schäfer aus der Region, äußerte gegenüber dem WDR zwar arge Bedenken über das Rudel, sagt aber auch: „Seit dem ich Herdenschutzhunde besitze, habe ich Ruhe.“ Christiane Rittmann, ebenfalls Schäferin aus der Region, äußerte sich gegenüber der Welt, dass auch ihr Herdenschutzhunde geholfen hätten.

Emotionale Gründe, dass das Töten einer Wolfsmutter echt uncool ist, und rechtliche Gründe – der Wolf ist laut EU-Recht streng geschützt – reichen wohl nicht aus. Vielleicht aber kann die Wissenschaft helfen.

Tod von Wolf Gloria würde dem Rudel und später auch den Weidetierhaltern extrem schaden

Eine Studie von US-Biologen aus dem Jahr 2014 liefert klare Argumente gegen einen Abschuss eines Wolfes. Nach der Tötung eines wichtigen Rudelmitglieds (Wolfsmutter Gloria) wird die Struktur der Gruppe zerstört. Das Resultat: Weidetierrisse werden mehr, nicht weniger. Das haben Wissenschaftler im Science-Journal Plos One berichtet.

Sollte Gloria also getötet werden, ist das Rudel zerschlagen und die Landwirte und Schäfer haben im Wolfsgebiet in NRW größere Probleme. Soll das die Lösung sein? Es handelt sich um ein ausgewiesenes Gebiet. Es werden weitere Wölfe kommen.

Außer Acht gelassen wird auch häufig die Tatsache, dass Wölfe hauptsächlich Wild fressen. Rehe und Wildschweine sorgen für einen immensen, wirtschaftlichen Schaden. Und in Deutschland gibt es zu viele Rehe und Wildschweine. Der Grund? Zu wenig Beutegreifer wie Luchs oder Wolf.

Wölfe abschießen ist doof. Besser wäre es, sich für einen effizienteren Schutz der Weidetiere einzusetzen, damit Wolf und Mensch koexistieren. Woanders funktioniert das auch. Dieser Kommentar entspricht der Meinung des Autors und muss nicht unbedingt die Ansicht der gesamten Redaktion widerspiegeln.

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