Kommentar

Von wegen Nächstenliebe: Gottesdienst-Besuche an Weihnachten sind einfach nur rücksichtslos

Christvesper in Dresden
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Präsenzgottesdienste an Weihnachten sind umstritten.

Die katholische Kirche will Präsenzgottesdienste an Weihnachten nicht verbieten. Trotz strenger Hygiene-Auflagen ist das Verhalten der Kirche und ihrer Besucher in der Corona-Pandemie rücksichtslos, kommentiert RUHR24-Autor Christian Keiter.

NRW – „Es bleibt dabei, dass die Landesregierung keine Gottesdienste untersagen wird.“ NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hat sich trotz zahlreicher Forderungen gegen eine generelle Absage von Weihnachtsgottesdiensten in Nordrhein-Westfalen ausgesprochen. Das ist angesichts seiner Parteizugehörigkeit keine Überraschung, aber doch ein falsches Signal.

Kircherömisch-katholische Kirche
ReligionChristentum
OberhauptPapst Franziskus
Mitgliederetwa 1,3 Milliarden (Stand 2017)

NRW hält an Weihnachten an Gottesdiensten mit Besuchern fest

Sicher lässt sich ein Festhalten an Präsenzgottesdiensten unter strengen Hygiene-Auflagen begründen. Der Gang in die Kirche spendet Trost und gibt Kraft. Besonders für Alleinstehende kann ein Gemeindebesuch während der Corona-Pandemie (alle Entwicklungen im NRW-Ticker) ein Anker sein.

Zudem ist nicht bekannt, dass sich seit der erneuten Öffnung der Kirchen im Mai ein Gottesdienst in Deutschland zu einem Superspreader-Event entwickelt hat. Gleiches gilt aber ebenso für Restaurants und Kulturbetriebe, in denen effektive Konzepte erstellt und umgesetzt wurden. Sie mussten trotzdem schließen. Sicher gab es unter letzteren einige „schwarze Schafe“. Davon kann sich allerdings auch die Kirche nicht freisprechen.

Gottesdienste an Weihnachten: Katholische Kirche setzt auf Freiwilligkeit und Vernunft

Die Covid-19-Pandemie ist in Deutschland außer Kontrolle geraten. Mitten in diese Zeit fällt Weihnachten, eines der drei Hauptfeste des Kirchenjahres. Das ist bitter für Kirchen und praktizierende Katholiken, aber leider nicht zu ändern. Dass die Landesregierung die Gottesdienste an Weihnachten nicht verbietet, war zu erwarten. Ein solcher Beschluss wäre vor Gericht mutmaßlich ohnehin einkassiert worden.

Artikel 4 im Grundgesetz gewährleistet die „ungestörte Religionsausübung“. Der Vorstoß, auf Präsenzgottesdienste an Weihnachten zu verzichten, hätte also von der katholischen Kirche selbst kommen müssen. Selbstverständlich werde niemand dazu gezwungen, am Gottesdienst teilzunehmen. Einen allgemeinen Verzicht auf Präsenzgottesdienste werde man aber nicht aussprechen, äußert sich Antonius Hamers, Leiter des Katholischen Büros Nordrhein-Westfalen.

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (r.) und sein Stellvertreter Joachim Stamp sind bei Weihnachtsgottesdiensten nicht einer Meinung.

Die katholische Kirche setzt auf Freiwilligkeit und die Vernunft der Menschen. Das war auch lange das Dogma der Ministerpräsidentenkonferenz, wenn über neue Corona-Beschlüsse diskutiert wurde. Letztlich ist man mit dieser Strategie kläglich gescheitert. Der aktuelle harte Lockdown ist die Konsequenz (alle News zum Coronavirus in NRW auf RUHR24).

Präsenzgottesdienste an Weihnachten sind alles andere als systemrelevant

Der Ministerpräsidentenkonferenz konnte man dabei zumindest stets zugutehalten, dass sie bei ihren Entscheidungen zwischen effektiver Pandemiebekämpfung und enormen wirtschaftlichen Folgen und dem drohenden Verlust zahlreicher Existenzen abwägen musste. Die katholische Kirche muss all das nicht.

Ob Gottesdienste an Weihnachten stattfinden können oder nicht, ist für das Vermögen der römisch-katholischen Kirche völlig unerheblich – daran hängt keine Existenz. Weihnachtsgottesdienste sind nicht relevant für das System, drohen selbiges aber zu belasten. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen lassen sich Ansteckungen mit dem Coronavirus in der Kirche nicht restlos ausschließen. Vor allem nicht, wenn die Inzidenzen vielerorts in die Höhe schießen.

Gottesdienste an Weihnachten: Kirchgänger handeln rücksichtslos und egoistisch

Wer stets Nächstenliebe propagiert, sollte selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Die katholische Kirche hat das versäumt. Nächstenliebe bedeutet in diesen Zeiten, Begegnungen zu vermeiden und so Leben zu retten. Es liegt jetzt also in der Hand der Kirchgänger. Wer an Weihnachten in die Kirche geht, verhält sich rücksichtslos und egoistisch.

Der Verzicht auf den Gang in die Kirche ist nicht gleichbedeutend mit dem Verzicht auf den Gottesdienst. Das ZDF überträgt um 19.15 Uhr eine evangelische Christvesper, das Erste zeigt um 23.20 Uhr eine katholische Christmette. Die Geburt Jesu kann auch risikofrei daheim gefeiert werden. NRW-Vizeministerpräsident Joachim Stamp (FDP) hat das mit einem passenden Zitat zusammengefasst: „Christi Geburt fand in einem elenden Stall statt, nicht in einer Kathedrale.“

Dieser Kommentar entspricht der Meinung des Autors und muss nicht zwangsläufig die Ansicht der gesamten Redaktion widerspiegeln.

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