Kommentar

Tönnies-Skandal: Wer jetzt trotzdem das 99-Cent-Fleisch auf den Grill legt, darf sich nicht empören

Die Empörung über die vielen Corona-Fälle in der Fleisch-Fabrik von Clemens Tönnies ist groß - doch in Teilen ist sie verlogen. Ein Kommentar.

  • Clemens Tönnies steht nach dem Ausbruch des Coronavirus in seiner Fleischfabrik in der Kritik.
  • Die Arbeitsbedingungen sind dort offenbar nicht gut.
  • Nicht nur die Politik muss jetzt dringend handeln, sondern auch die Verbraucher, meint RUHR24-Redakteur Daniele Giustolisi.

Dortmund - Über Clemens Tönnies und seine Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück spricht derzeit gefühlt ganz NRW. Meist ist die Empörung groß. Mehr als 1500 Beschäftigte haben sich mit dem Coronavirus infiziert. Natürlich ist das ein Skandal.

Unternehmen

Tönnies Holding

Zentrale

Rheda-Wiedenbrück

Leitung

Clemens Tönnies

Mitarbeiterzahl

rund 9000 (2018)

Dass wir Verbraucher an den dortigen Zuständen nicht ganz unschuldig sind, wird bei aller berechtigten Empörung allerdings oft vergessen. Wer am Wochenende einkaufen geht, braucht dabei nur auf die Kassenbänder der Supermärkte zu schauen. Jede Wette: Das 99-Cent-Fleisch wird trotz Tönnies-Skandal nicht selten über die Ladentheke gehen. Oder mit den Worten des SPD-Chefs Norbert Walter-Borjans: "Hauptsache, am Wochenende gibt es Steak im Sonderangebot."

Verlogenheit nach Corona-Skandal in Fleischfabrik von Tönnies 

Wer noch länger diesen Preiswahnsinn beim Fleisch unterstützt, der darf sich nicht über die Zustände bei Tönnies beschweren. Das wäre verlogen.

Für das Billigfleisch, das in den nächsten Tagen bei bestem Wetter wieder auf zahlreichen Grills in NRW landen wird, zahlen am Ende Arbeiter, Bauern und Tiere. Zu Recht fordert Grünen-Chefin Annalena Baerbock eine massive Änderung des Systems der Fleischproduktion.

Die bittere Wahrheit ist auch: Es sind vor allem osteuropäische Menschen, die unter den Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie leiden. Sie dürfen von Verbrauchern, Unternehmern und der Politik nicht zu Menschen zweiter Klasse degradiert werden. Nach dem Motto: "Was interessieren mich die Wanderarbeiter aus Rumänien?"

Clemens Tönnies steht derzeit aufgrund des Corona-Ausbruchs in seiner Fleischfabrik in der Kritik.

Auch die Union aus CDU und CSU scheint die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Sie brachte jüngst eine flächendeckende Tierwohlabgabe ins Gespräch. Sie ist sinnvoll, wenn das Geld am Ende in eine bessere Tierhaltung und in deutlich bessere Arbeitsbedingungen fließen.

Bessere Bedingungen kosten mehr Geld für Fleisch

Gute Arbeitsbedingungen und artgerechte Haltung kosten mehr Geld. Das wiederum macht das Fleisch teurer. Eine bessere staatliche Förderung, die Qualität statt Menge honoriert, würde den Preisanstieg in Grenzen halten. Aktuell ist die Förderung nicht wirklich gut, sie sorgt nicht wirklich für bessere Bedingungen - siehe Tönnies.

Im Blick behalten muss man im Falle eines Preisanstiegs von Fleisch deshalb auch Menschen mit geringen Einkommen. Im Schnitt geben sie mehr Geld für tierische Produkte aus, als Menschen mit höheren Einkommen. Höhere Hartz-IV-Sätze und/oder eine Absenkung der Einkommensteuer in niedrigen Einkommensgruppen würde den Effekt des Preisanstiegs mildern.

Weniger Fleisch, dafür besseres kaufen wäre sinnvoll

Am Ende, bis erste Maßnahmen greifen, muss sich der Verbraucher fragen, ob er im Sommer wirklich alle paar Tage Billigfleisch auf den Grill legen will - oder ob es nicht mehr Sinn ergibt, seltener, dafür aber besseres Fleisch zu brutzeln.

Wer weiterhin Billigfleisch kauft, als sei nichts geschehen, der darf sich über den Tönnies-Fleischskandal nicht empören.

Dieser Kommentar entspricht der Meinung des Autors und gibt nicht unbedingt die Ansicht der gesamten Redaktion wider.

Rubriklistenbild: © David Inderlied/dpa