Kommentar

Volle Tierheime in NRW nach Corona: Urlaub ist doch wichtiger, oder?

Die Tierheime in NRW sind voll. Nach der Pandemie schwindet der Trend eines eigenen Haustiers. Flexibilität und Reisen sind doch wichtiger, oder?

Dortmund – Wenn der Sommerurlaub wieder möglich ist, wird das Haustier lästig. Was als lustiges Beschäftigungsprojekt begonnen hat, endet in Überforderung und Desinteresse. Denn die Tierheime in NRW sind aktuell nahe der Belastungsgrenze, berichtet der WDR. Für viele Menschen scheint Verantwortungsbewusstsein und Pflichtgefühl für ein Lebewesen ein Fremdwort zu sein, meint RUHR24-Autorin und Hundehalterin Karolin Stevelmans.

Volle Tierheime nach Corona: Haustiere haben in der Pandemie die Langeweile der Menschen gestillt

Die Reiselust ist bei vielen Menschen in diesem Sommer so hoch wie vor den Pandemiejahren. Die Sommerferien sind im vollen Gange und an den Flughäfen herrscht großer Andrang. Doch in den vergangenen zwei Jahren sah das noch ganz anders aus. Lockdown, Home-Office und Urlaub in den eigenen vier Wänden haben viele Menschen auf neue Ideen gebracht.

Ein eigenes Haustier musste her. Schließlich war nicht nur genügend Zeit da, sondern auch der Wunsch nach Gesellschaft. Im Jahr 2020 verzeichneten die Tierheime in Deutschland einen regelrechten Ansturm an Vermittlungsanfragen. Viele Hunde und Katzen haben ein neues Zuhause gefunden. Allein für das Jahr 2020 vermeldet der Tierschutzbund einen Zuwachs an Hunden von rund 600.000 Tieren im Vergleich zum Vorjahr.

Dabei war bereits zu diesem Zeitpunkt klar: Viele Tiere werden keine zwei Jahre bei ihren Besitzern bleiben. Und das scheint niemanden zu überraschen. Denn eine langfristige Verantwortung für ein Lebewesen zu übernehmen, ist von einigen Menschen schon zu viel verlangt (mehr News aus NRW bei RUHR24).

Volle Tierheime nach Corona: Für Entertainment geeignet, für ein Leben wieder abgeschoben

Wenn ein Tier nicht mehr flauschig und klein ist, wird es uninteressant. Die damals angeschafften Welpen werden jetzt im Flegelalter erst so richtig anstrengend. Wenn das alltägliche Leben wieder ruft, ist der Hund doch nur im Weg. Die angeschafften Haustiere haben ihren Besitzern nur kurzzeitig Entertainment geboten.

Viele Hunde werden nach der Pandemie im Tierheim abgegeben.

Werden im Lockdown noch niedliche Instagram-Fotos von der neuesten Errungenschaft gepostet, verschwindet das Haustier in diesem Sommer von der Bildfläche. Dann heißt es still und heimlich: Endstation Tierheim. Die Langeweile während des Lockdowns ist vorüber, daher hat auch das Haustier keinen Wert mehr.

Hinzu kommt, dass eine hohe Anzahl der Abgabehunde laut Tagesschau Verhaltensauffälligkeiten zeigen, da sie nicht sozialisiert sind. Viele Corona-Haustierbesitzer haben sich scheinbar gar keine Gedanken über eine artgerechte Erziehung gemacht. Und die Tierheime müssen die Unvernunft vieler Menschen jetzt ausbaden.

Die gegenwärtige Abgabewelle spiegelt den Unmut vieler wider, langfristige Verpflichtungen einzugehen. Als Hundebesitzerin ist es nicht nachzuvollziehen, wie man so leichtfertig mit dem Leben eines Tieres umgehen kann.

Volle Tierheime nach Corona: Ein Tier bedeutet Verantwortung – und das ein Leben lang

Für manche Menschen konnte der langersehnte Traum vom eigenen Hund kaum schnell genug gehen. Der Haustier-Boom konnte von deutschen Tierheimen und Züchtern allein nicht gestemmt werden, sodass die hohe Nachfrage auch den illegalen Welpenhandel ankurbelte. So wurden unzählige Welpen unter grausamsten Bedingungen gezüchtet und illegal über die Grenze transportiert. Und das nur, um nach zwei Jahren wieder im Tierheim zu landen.

Hunde warten im Tierheim in ihren Boxen. In der Corona-Zeit haben sich offenbar viele Menschen Hunde angeschafft, ohne sich artgerecht mit ihnen zu beschäftigen.

Wer sich ein Haustier anschaffen will, sollte sich den Konsequenzen bewusst sein. Entscheidet man sich für ein Tier, müssen Dinge wie eine Urlaubsbetreuung, geeignete Hundeschulen und hohe Tierarztkosten zwingend einkalkuliert werden. Eine langfristige Bindung von etwa 15 Jahren muss bei einem Haustierkauf ebenfalls klar sein.

Doch es scheint, als wäre die Lust auf Verpflichtungen vergangen und Flexibilität und das Fernweh überwiegt. In schwierigen Phasen wird schlicht und ergreifend aufgegeben. Getreu dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Dabei ist doch auch völlig klar, dass es nicht nur glänzende Zeiten mit einem Vierbeiner geben wird. Verantwortung bedeutet Arbeit. Doch wenn man sich einem Tier mit viel Zeit und ganzem Herzen zuwendet, bekommt man am Ende das doppelte Glück zurück. Das wird wohl fast jeder Haustierbesitzer bestätigen. Hinweis: Dieser Kommentar entspricht der Meinung der Autorin und muss nicht zwingend die Ansicht der gesamten Redaktion widerspiegeln.

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