Im Tagebau Hambach

Gigantischer See in NRW geplant: Milliarden Liter Wasser sollen umgeleitet werden

Die Grafik zeigt einen Teil des geplanten Hambacher Sees.
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Zwischen Köln und Aachen soll im Tagebau Hambach der zweitgrößte See Deutschlands entstehen. Umweltschützer sagen: Das ist ein Problem.

Im RWE-Tagebau Hambach soll der zweitgrößte See Deutschlands entstehen. Doch das ist gar nicht umsetzbar, sagen Umweltschützer und warnen vor einem Risiko.

Köln – Man braucht schon eine Menge Fantasie, um sich vorstellen zu können, dass es hier jemals wieder Leben geben wird. Wer am Rand des RWE-Tagebaus Hambach steht, blickt auf eine Landschaft wie aus einem Endzeitfilm: Eine graubraune Kraterfläche, die sich kilometerweit bis zum Horizont zieht. Ein gigantisches Nichts. Ausgerechnet hier soll der zweitgrößte See von ganz Deutschland entstehen. Doch das Mammut-Projekt könnte zu einem echten Risiko werden und ist in der geplanten Form gar nicht umsetzbar, sagen Umweltschützer.

Wassermenge für den geplanten Hambacher See 3,6 Milliarden Kubikmeter
Fläche des Sees4200 Hektar (entspricht fast 6000 Fußballfeldern)
Tiefe400 Meter
Ab wann entsteht der See?Böschungen werden vorbereitet, Flutung ab 2030

Hambacher See in NRW: Nur der Bodensee ist größer

RWE baut seit 1978 Braunkohle in Hambach ab, es ist der größte Tagebau des Energieunternehmens. Ab 2029 ist damit wegen des gesetzlichen Kohleausstiegs Schluss, 15 Jahre früher als ursprünglich angedacht. Damit startet auch die Rekultivierung des Geländes im Rheinischen Braunkohlerevier vorzeitig: Geplant ist ein 400 Meter tiefer See mit einer Fläche von 4200 Hektar zwischen Köln und Aachen. Eine Fläche so groß wie fast 6000 Fußballfelder. Mindestens genauso beeindruckend ist diese Zahl: 3,6 Milliarden Kubikmeter Wasser wird der See fassen. Das entspricht etwa der Menge Wasser, die alle 18 Millionen Einwohner von NRW zusammen innerhalb von vier Jahren verbrauchen. Nur der Bodensee hat hierzulande ein größeres Volumen.

Gewaltige Wassermengen soll aus dem Rhein genommen werden

Die benötigten gewaltigen Wassermengen will RWE aus dem Rhein bei Dormagen entnehmen und zum Tagebau leiten. „Es würde zu lange dauern, bis das Grundwasser wieder ansteigt und das Loch füllt. Deshalb brauchen wir Wasser aus dem Rhein“, erklärt RWE-Sprecher Guido Steffen. Der Konzern schätzt, dass es etwa 40 Jahre dauern wird, bis der See komplett gefüllt ist.

„Das ist Unsinn“, glaubt Dirk Jansen vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) NRW. Aufgrund des Klimawandels werde der Rhein vor allem im Sommer deutlich weniger Wasser führen. „Manche Experten gehen sogar davon aus, dass der Fluss in den Sommermonaten quasi vorübergehend austrocknet, da kann man dann nichts mehr umleiten“, so Jansen. „So wie RWE sich das vorstellt, ist es nicht umsetzbar.“ Selbst wenn es, wie von Klimaforschern prognostiziert, künftig zu mehr Starkregenfällen kommt, werde es mindestens 80 Jahre dauern, bis der Hambacher See den Namen See verdient.

Tagebau Hambach in NRW: Schwermetalle, Sulfite und andere Stoffe im Grundwasser

Ein weiteres Problem aus Sicht der Umweltschützer: das Wasser selbst. „Wir fordern, dass die Plörre aus dem Rhein nicht ungereinigt in die Landschaft gespült wird“, sagt Jansen. Das Rheinwasser sei zu stark belastet, um es für eine Renaturierung zu verwenden. Schon das wieder ansteigende Grundwasser werde wegen des Tagebaus Schwermetalle, Sulfite und andere Schadstoffe enthalten. „Die Wasserqualität ist für Jahrhunderte verdorben, das kennen wir von anderen Tagebauseen. Hier ausgerechnet mit Rheinwasser aufzufüllen, wäre fatal“, so Jansen.

RWE verstoße gar gegen die Wasserrahmenrichtlinie der EU. Gemäß der Richtlinie sind alle Mitgliedstaaten dazu verpflichtet, bis zum Jahr 2015 und in Ausnahmefällen bis 2027 alle Gewässer in einen guten ökologischen Zustand zu bringen. Das heißt: Der Zustand von Gewässern soll möglichst verbessert, darf aber auf keinen Fall verschlechtert werden. „Aus unserer Sicht verstößt RWE aber mit dem Plan gegen das Verschlechterungsverbot“, so Jansen.

RWE: Manheimer Bucht ist „alternativlos“

Doch die Kritik geht noch weiter. Vor allem die geplante sogenannte Manheimer Bucht werde zum Umweltrisiko für die Region. Im Südosten des Sees soll es nach RWE-Plänen eine Ausbuchtung bis zum ehemaligen Kerpener Stadtteil Manheim geben. „Das ist alternativlos“ so RWE-Sprecher Guido Steffen. Damit die Böschungen des Sees stabil sind, sollen sie deutlich abgeflacht werden. Dazu sind nach RWE-Angaben über 700 Millionen Kubikmeter Bodenmaterial nötig. Um auf diese Menge zu kommen, müsse man die Bucht ausgraben, auf einer Fläche von 600 Hektar. Mit dem Material soll zudem ein anderer Bereich am Tagebau rekultiviert werden.

„Das ist absurd. Man will 600 Hektar uraltes Kulturland abbaggern, um woanders zu verfüllen“, schimpft Dirk Jansen. In dem Bereich der geplanten Bucht lebten nicht nur streng geschützte Vogelarten, deren Lebensraum zerstört werde. Auch die Waldflächen würden durch die Bucht auseinandergerissen, es könne kein zusammenhängendes Biotop entstehen. Ausgerechnet das Ökosystem im Hambacher Forst, der nach jahrelangem Streit vor der Abholzung gerettet wurde, werde darunter empfindlich leiden. „Man zieht einfach den alten Stiefel durch, den man sich schon in den 1970er Jahren ausgedacht hat, statt einfach flexibel umzudenken“, so Jansen.

BUND NRW: „RWE hat den billigsten Weg gewählt“

Er glaubt: „RWE hat nicht den ökologisch sinnvollen Weg gewählt, sondern schlicht den billigsten.“ Überdies mache der Konzern über die RWE-Tochter RBS Kies noch jede Menge Geld mit gefördertem Kies, der verkauft werde, statt ihn für die Stabilisierung des Tagebaulochs zu verwenden.

RWE-Sprecher Guido Steffen lässt das so nicht gelten. „Es sind noch andere Firmen an den Grabungen beteiligt, nicht nur unsere Tochtergesellschaft.“ Er sagt: „Am liebsten hätte es der BUND NRW, wenn wir einen Zaun um den Tagebau errichten und gar nichts mehr mit dem Gelände anstellen.“ Tatsächlich sei das eine theoretische Alternative, den Tagebau komplett der Natur zu überlassen und nicht mehr einzugreifen, heißt es beim BUND. Doch das sei völlig unrealistisch, so Guido Steffen: „Das ist ja keine kleine Kiesgrube.“ Man habe gute Erfahrungen mit Tagebauseen. „Das stößt auf große Akzeptanz, und das ist es, was die Kommunen sich wünschen.“

Wie der See dann eines Tages konkret genutzt wird, ist noch unklar. Aber es gibt bereits Ideen:

  • Der See wird zum Naherholungsgebiet zwischen Köln und Aachen, mit Badebereich und Strand sowie Gastronomie.
  • Außerdem könnte der See als Speicher für elektrische Energie dienen: Mithilfe von Pumpen könnte Wasser aus dem Restloch des Tagebaus nach oben gepumpt und bei Strombedarf durch Turbinen wieder nach unten abgelassen werde.
  • Auf der riesigen Oberfläche des Sees könnte zudem ein großer schwimmender Solarpark treiben und Strom produzieren.

Schon im Vorfeld plant RWE Solaranlagen auf den Böschungen. Eine Anlage mit einer Leistung von zwölf Megawatt soll in Höhe von Elsdorf auf einem mehrere Kilometer langen Randstreifen des Tagebaus entstehen. Damit soll grüner Strom erzeugt werden. Außerdem will der Konzern eine Verbindung von der Abraumhalde Sophienhöhe zum geplanten Hambacher See bauen. (pen) Tipp: Fair und verlässlich informiert, was in NRW passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.

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