Corona-Hilfe für die Bildung

NRW-Schulen: Schüler sollen mit 430 Millionen Euro schneller lernen –„Aufholjagd“ startet

Millionensumme für NRW-Schulen: Im Rahmen des bundesweiten Programmes „Aufholen nach Corona“ sollen mit dem Geld beispielsweise zusätzliche Lehrkräfte finanziert werden.

NRW – Das erklärte Ziel des Programmes verrät bereits sein Name: Die Schüler in Deutschland und Nordrhein-Westfalen sollen schnellstmöglich Versäumtes nach- und aufholen. Wie die NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP) laut einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur (dpa) am Freitag (25. Juni) erklärte, fließen aus Bundesmitteln 215 Millionen Euro nach NRW – das Land stocke diese Summe um das Doppelte auf 430 Millionen Euro auf (weitere News aus NRW auf RUHR24).

MinisteriumSchul- bzw. Bildungsministerium Land Nordrhein-Westfalen
Gründung1946
SitzDüsseldorf

Millionen für NRW-Schulen: Mit den Mitteln sollen Lerndefizite aufgeholt werden

Der konkrete Plan der Landesregierung: Mit den Mitteln sollen beispielsweise befristet arbeitslose Lehrer, Studierende, Pensionäre oder auch Quereinsteiger zusätzlich beschäftigt werden. Auch die Nachhilfe-Institute würden einbezogen. Bereits jetzt wird dafür etwas getan: Mit dem Programm „Extra-Zeit zum Lernen“ unterstützt das Land NRW im außerschulischen Bereich seit Sommer 2020 Schüler mit pandemiebedingten Lernlücken. 

Auf diesen Wegen und mithilfe des Geldes soll es gelingen, den verpassten Stoff schneller nachzuholen. Und Nachholbedarf gibt es zweifelsohne: Eine aktuell viel zitierte Studie, die aktuell für Aufsehen sorgt, kommt sogar zu dem Schluss, dass Homeschooling ebenso „effektiv“ wie Sommerferien sei.

Hilfe für Schulen planlos? Kritik an Gebauer kommt von der NRW-SPD

Dennoch: Es gibt bereits Kritik an den Maßnahmen. So warf die SPD-Landtagsfraktion Yvonne Gebauer (FDP) laut dpa-Bericht vor, kein pädagogisches Konzept dafür zu haben, wie genau die Lernrückstände im kommenden Schuljahr aufgeholt werden sollen. Vize-Fraktionschef Jochen Ott (SPD) führte an, die Schulen könnten daher auch gar nicht wissen, wo sie nach den Ferien die Schwerpunkte setzen sollen.

Es müsse daher jetzt alles daran gesetzt werden, individuelle Lernstandserhebungen bei den Kindern zu ermöglichen. Denn die Schüler eines Jahrgangs müssten wieder auf den gleichen Stand gebracht werden.

Kündigt Millionenhilfen zum Aufholen von Lernrückständen an: NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP)

„Aufholen nach Corona“: Jugendverbände kritisieren den Schulfokus

Auch sonst sorgt das Aufhol-Programm für geteilte Meinungen: So begrüßt der Vorsitzende des Verbandes Lehrer NRW, Sven Christoffer, laut dpa-Bericht die Tatsache, dass der Großteil der Millionensumme in NRW in die Schulen fließen soll. 

Ganz anders die Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit e.V. (BAG EJSA). Wie die Seite Jugendhilfeportal.de berichtet, stelle man sich die Frage, ob die starke Fokussierung auf die Schule wirklich zielführend sei.

Jugendverbände: Psychische Verfassung der Kinder muss im Vordergrund stehen

„Wenn junge Menschen vorrangig als Schüler/-innen gesehen und damit auf das Lernen und formalen Bildungsprozesse reduziert werden, trifft das nur einen Teil ihrer Bedarfe“, habe die Vorstandssprecherin der BAG EJSA, Christiane Giersen, kritisiert.

Denn nach 14 Monaten Pandemie gehe es vielmehr auch um „die Zurückeroberung von Normalität, die Möglichkeit Freunde zu treffen, wieder selbstständig und aktiv zu werden.“ Nur so könnten Kinder und Jugendliche eben die gesunde psychische Verfassung wiedererlangen, die Lernen erst ermögliche.

Kinder in der Pandemie: Studie zeigt die echten Sorgen der Eltern auf

Viele von der Corona-Pandemie gestressten Eltern vertreten ähnliche Ansichten. Denn nicht nur die schulischen Leistungen sind es, die durch die Lockdown-Beschränkungen gelitten haben.

Die fehlenden sozialen Kontakte und Freizeitmöglichkeiten machen vielen Kindern viel mehr zu schaffen. Das zeigt auch eine Studie der Zeitschrift Eltern in Zusammenarbeit mit Pampers. Demnach ist Einsamkeit die größte Eltern-Sorge in der Corona-Zeit.

Aufholjagd an Schulen: Viele Eltern wünschen sich und ihren Kindern Erholung

Das gut gemeinte Programm der Bundesregierung – so die Meinung einiger Eltern – sollte daher doch besser „Erholen nach Corona“ heißen, statt mit einer „Aufholjagd“ nur neuen Leistungsdruck zu erzeugen. Nach dem stressigen Homeschooling Alltag sei so wieder neuer Stress vorprogrammiert.

Schließlich bedeuten zusätzliche Mittel für Lehrkräfte auch zusätzliche Lernzeit für Kinder. Zeit, die auch in Freunde oder Freizeit „investiert“ werden könnte.

„Aufholen nach Corona“: Bundesweites Programm will auch außerschulische Angebote fördern

Der Bundestag hatte dem bundesweiten Programm „Aufholen nach Corona“ am Freitag (25. Juni) anschließend zugestimmt. Mit dem zwei Milliarden schweren Programm will die Bundesregierung Kinder und Jugendliche in der Corona-Pandemie unterstützen.

Ziel ist es dabei aber eigentlich nicht nur, Lernrückstände abzubauen und die frühkindliche Bildung zu stärken. Auch Ferienfreizeiten und außerschulische Angebote sollen gefördert werden. Für Kinder einkommensschwacher Eltern wird zu diesem Zweck ein Corona-Freizeitbonus ausgezahlt, der „nach Lust und Laune“ ausgegeben werden kann, wie Familienministerin Christine Lambrecht (SPD) betont.

Bundesregierung: Mittel sollen gleichermaßen in Schulen und Freizeit fließen

Vonseiten der Bundesregierung heißt es zum Programm: Auch Kontakte mit Gleichaltrigen, Sport und Bewegung, Spielen und Austausch in der Gruppe, Kultur und Reisen sollten wieder ermöglicht werden.

Daher plant die Bundesregierung, die zwei Milliarden Euro aufzuteilen. Jeweils eine Milliarde Euro zur Verfügung gestellt werden:

  • zum Abbau von Lernrückständen und
  • zur Förderung frühkindlicher Bildung, für Freizeit-, Ferien- und Sportaktivitäten sowie für die Begleitung von Kindern und Jugendlichen im Alltag und in der Schule.

Ziel sei es dabei, Angebote zu schaffen, die schnell bei den Kindern, Jugendlichen und Familien ankommen. Dazu werde der Bund den Ländern erhebliche zusätzliche Mittel zur Verfügung stellen.

Corona-Hilfen für Kinder: Gibt es bald auch „Extra-Zeit“ für Freunde und Freizeit?

In der entsprechenden Vereinbarung zwischen Bund und Ländern hatten die Länder sich dazu verpflichtet, die aufgeführten Maßnahmen umzusetzen. Jedes Land muss dazu eine Übersicht erstellen, in der dargestellt wird, für welche konkreten Zwecke die vom Bund zusätzlich zur Verfügung gestellten Mittel verwendet werden sollen.

Bleibt also abzuwarten, ob und welche Freizeit- und Sportmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche in NRW mit den Mitteln noch unterstützt werden. Und ob es neben „Extra-Zeit zum Lernen“ bald auch zusätzliche Zeit für verpasste Sport- und Freizeitaktivitäten oder verlorene Kontakte zu Freunden geben wird.

Rubriklistenbild: © Ina Fassbender/AFP

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