Betten in NRW werden knapp

RKI-Chef Wieler schlägt Alarm: Intensivstationen droht Überlastung – zwei Maßnahmen dringend nötig

Mit einem dramatischen Appell hat RKI-Chef Lothar Wieler erneut vor einer Überlastung der Intensivstationen gewarnt. Er fordert jetzt zwei wichtige Maßnahmen.

Dortmund – Maskenpflicht, Ausgangssperre, Kontaktverbote: Ziel dieser unliebsamen Maßnahmen in der Corona-Pandemie* war es immer, eine Überlastung der Kliniken und des Personals zu verhindern. Aktuell drohen wir, dieses Ziel zu verfehlen. Mit dramatischen Folgen, wie RUHR24* berichtet.

BundeslandNordrhein-Westfalen
Einwohner17,9 Millionen (2020)
MinisterpräsidentArmin Laschet (CDU)

Corona-Krise: RKI-Chef Lothar Wieler warnt vor Kollaps der Intensivstationen

Bereits Ende dieser Woche könnte die Zahl der Intensivpatienten in Deutschland auf 6.000 steigen. Das ist nicht nur wahnsinnig viel. Es ist beinahe zu viel, um das System am Laufen zu halten. Dennoch erwartet Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), dass genau diese Zahl in den kommenden Tagen erreicht werden könnte.

Das bringe die Intensivstationen in den Krankenhäusern an den Rand ihrer Kapazitäten. Sprich: Sie können sich im Zweifel nicht mehr entsprechend um alle Patienten kümmern. Die Lage sei „ernüchternd“, sagte Spahn am Donnerstag (15. April) in einer Pressekonferenz in Berlin. Trotzt Corona-Tests, trotz Hunderttausender Impfungen gegen Covid-19 am Tag. Von Öffnungen ist keine Rede mehr.

Corona-Pandemie: Fast 5.000 Menschen mit Covid-19 in Deutschland auf Intensivstationen

Da auf den Inzidenzwert über und nach Ostern keinen Verlass ist, schaut man seither wieder auf die Zahl der Patienten, die teilweise mit Lungenversagen in einem Intensivbett liegen. Am 13. März waren das 2.713 Menschen in Deutschland. Seitdem werden es rasch mehr. Mittlerweile liegen laut DIVI-Intensivregister 4.647 Menschen mit Covid-19 auf den Intensivstationen (Stand: 13. April). Maximal stehen ihnen etwa 6.000 Betten zur Verfügung.

Der wirkliche Engpass jedoch ist das mittlerweile völlig überarbeitete Personal auf den Intensivstationen. Auf einigen Stationen besteht der Tagesablauf beinahe nur noch daraus, Corona-Patienten vom Rücken auf den Bauch und am nächsten Tag wieder zurückzudrehen, berichtet Intensivmediziner Prof. Steffen Weber-Carstens, Intensivmediziner der Charité.

Intensivmediziner warnen vor dramatischer Lage. Covid-19-Intensivstation in Berlin. (Symbolbild)

RKI-Chef Lothar Wieler mit dramatischem Appell in der Corona-Krise: „Jetzt handeln“

Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), appellierte erneut eindrücklich insbesondere an die Entscheidungsträger in der Politik: „Die Lage in den Krankenhäusern spitzt sich dramatisch zu“, sagte er am Donnerstagmorgen. Um eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern, müsse man „jetzt handeln“.

Das Problem: Ein Großteil der Bevölkerung sei noch nicht geimpft. Die meisten Neuinfektionen, vor allem mit der britischen Variante, treffen zudem Menschen zwischen 15 und 49 Jahren. 6 von 10 Patienten im Krankenhaus sind aktuell an Covid-19 erkrankt. Bei den Patienten, die mit einer künstlichen Lunge beatmet werden müssen (ECMO), haben 8 von 10 eine Corona-Infektion. Und auch die Zahl der Todesfälle sinkt einfach nicht.

Intensivbetten in Deutschland werden knapp: Zwei Maßnahmen nötig, sagt Lothar Wieler (RKI)

Um zu verhindern, dass das Gesundheitssystem in absehbarer Zeit kollabiert, sind laut Lothar Wieler vom RKI jetzt zwei Maßnahmen nötig:

  • 1. Den Regelbetrieb der Kliniken einschränken.
  • 2. Stabile Patienten verlegen.

Um der Lage Herr zu werden, kümmern sich derzeit viele Kliniken vorrangig um Covid-19-Patienten. Dazu werden auch planbare Operationen verschoben. Sollte auch das nicht mehr reichen, kündigte der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft bereits im November 2020 an, müssten auch Normalstationen geschlossen und Patienten vorzeitig entlassen werden.

Zudem werden Corona-Patienten bereits in weniger belastete Regionen verlegt, sagte Intensivmediziner Weber-Carstens. Teilweise auch über Ländergrenzen hinweg. Das Problem: In den meisten Regionen sind nur noch etwa 10 Prozent der Intensivbetten frei. Das gilt auch für NRW (alle News zum Coronavirus in NRW* auf RUHR24).

„Wir konnten ein Absaufen der Intensivstationen in Deutschland bisher vermeiden“, sagte der Mediziner. Wie lange das noch gelingt, ist jedoch unklar. „Wir laufen sehenden Auges in eine Spitzenauslastung“, warnte Weber-Carstens.

NRW: Intensivbetten in den Städten im Ruhrgebiet werden knapp

Die Situation auf den Intensivstationen in NRW spitzt sich ebenfalls dramatisch zu. In Städten wie Bochum, Essen und Duisburg lag die Auslastung der Intensivbetten* bereits vergangene Woche bei über 90 Prozent. Seitdem hat sich die Situation drastisch verschlimmert. Denn auch in den ländlichen Regionen wie dem Hochsauerlandkreis ist die Belegung auf mittlerweile über 70 Prozent gestiegen. Und genau dorthin müsste man die verlegbaren Patienten ja laut Wieler bringen.

In ganz NRW sind derzeit nur noch knapp elf Prozent aller Intensivbetten frei (siehe Karte). Das ist alarmierend wenig. Wenn die Befürchtung von Spahn eintrifft, dann könnten Ende der Woche auch die restlichen knapp 600 Betten belegt sein.

Corona-Patienten auf Intensivstationen: „Eine Triage haben wir nicht“

Immer wieder kommt in der Berichterstattung zum Thema Intensivbetten auch das Thema Triage auf. Damit ist gemeint, dass die Ärzte bei unzureichenden Ressourcen auswählen müssen, welchen Patienten sie noch helfen können. Sie wird nötig, wenn die Kapazitäten nicht mehr für alle Fälle ausreichen.

Prof. Steffen Weber-Carstens, Intensivmediziner der Charité, sagte dazu bei der Pressekonferenz: „Eine Triage hatten wir nicht“, zudem gehe er davon aus, dass man in diese Situation auch nicht kommen werde. Voraussetzung dafür ist aber, dass weiter Patienten verlegt werden können und die Infektionszahlen nicht mehr lange steigen. *RUHR24 ist Teil des Redaktionsnetzwerks von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Tobias Schwarz/dpa

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