Ukraine-Russland-Konflikt

Radioaktive Strahlung in NRW: Furcht vor Atom-Unglück in der Ukraine wächst

Auch in NRW steigt die Angst vor einem Atom-Unfall in der Ukraine. Eine Karte zeigt, wie hoch die radioaktive Strahlung in Deutschland aktuell ist.

Dortmund – Der Ukraine-Krieg sorgt nicht nur im Land selbst für viel Leid. Auch umliegende Staaten in Europa fürchten nach russischen Angriffen auf Atomkraftwerke eine nukleare Katastrophe. Wie groß ist die Gefahr radioaktiver Strahlung für die Menschen in Deutschland und NRW?

Krise:Ukraine-Russland-Konflikt
Gefahr:Atomunfall
Behörde:Bundesumweltministerium

Ukraine-Konflikt: Russland greift Atomkraftwerke an – droht eine nukleare Katastrophe?

Russlands Präsident Wladimir Putin nimmt bei seinem Angriffskrieg in der Ukraine keine Rücksicht auf Bevölkerung oder zivile Einrichtungen. Auch in der Nähe von Atomkraftwerken wie Tschernobyl im Norden oder Saporischschja im Süden der Ukraine wurde bereits gekämpft.

Das Bundesministerium für Umwelt und Verbraucherschutz (BMUV) warnt drastisch vor den Folgen eines direkten militärischen Angriffs auf eine kerntechnische Anlage: „Die Folgen wären beispiellos und sind im Vorhinein nicht vorhersehbar.“ Das könnte auch für radiologische Probleme in den Nachbarländern Russland und Belarus sorgen.

Atomunfall bei Ukraine-Krieg: AKWs Tschernobyl und Saporischschja wurden bereits angegriffen

Das ehemalige Atomkraftwerk in Tschernobyl war vom 9. März an für einige Tage teilweise von der Stromversorgung abgeschnitten. Der radioaktive Abfall des 1986 havarierten Reaktors wird dort in großen Kühlbecken gelagert. Diese kühlen das radioaktive Material nach Angaben der Behörden auch ohne Strom ausreichend. Strahlung soll nicht ausgetreten sein.

Auf dem Gelände des AKWs in Saporischschja im Süden der Ukraine wurde Anfang März ein Ausbildungszentrum beschossen. Die Arbeiter werden seitdem gewissermaßen als Geiseln gehalten. Laut dem Bundesumweltministerium bewegen sich „alle radiologischen Messwerte weiterhin im normalen Bereich“.

Russische Truppen haben auf das Atomkraftwerk Saporischschja in der Ukraine geschossen.

Karte zeigt radioaktive Strahlung in Europa, Deutschland und NRW an

Neben rund 1.700 Messpunkten in Deutschland wird die natürliche radioaktive Strahlung in der Umwelt auch europaweit überwacht. Gemessen wird dabei auch in NRW die Gamma-Ortsdosisleistung (ODL), also die Intensität der radioaktiven Gamma-Strahlung. Sie ist sehr energiereich und durchdringt auch Kleidung und die Haut.

Fast jede Stadt in Nordrhein-Westfalen hat einen eigenen Messpunkt für die aktuelle Strahlendosis. In Dortmund steht die Sonde etwa an der A1 in Lichtendorf. In Bochum wird nahe dem Forsthaus in Sundern gemessen. Sollten die Werte hier über einen gewissen Grenzwert ansteigen, würde sofort der Notfallschutz aktiviert, teilt das Bundesamt für Strahlenschutz mit.

Diese Karten zeigen die aktuelle radioaktive Strahlung in Deutschland und Europa an:

Die radioaktive Strahlung in Europa wird laufend gemessen.

Atomunfall in der Ukraine: Bundesministerium schätzt radiologische Auswirkungen ein

Auch das Bundesumweltministerium hat die nukleare Sicherheit in der Ukraine im Blick. Nach dem russischen Angriff werde die Lage dort „intensiv beobachtet“, schreibt das BMUV am Montag (14. März) auf seiner Internetseite.

Doch wie wahrscheinlich ist es, dass sich eine nukleare Katastrophe auch auf Deutschland und NRW auswirkt? „Radiologische Auswirkungen auf Deutschland sind nach aktuellem Stand der verfügbaren Informationen nicht zu befürchten“, heißt es dazu vom BMUV. Bei Atomraketen, die auch Berlin erreichen können, sähe das sicher anders aus.

Ukraine: 15 Atomreaktoren sind aktuell in Betrieb – Liste aller AKWs

Dennoch sorgt der Krieg in der Ukraine bei Beobachtern für große Sorge. Die Internationale Atombehörde (IAEA) befürchten, dass das übermüdete Sicherheitspersonal fatale Fehler machen könnte, die zu einer Katastrophe führen.

IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi warnt vor einem Atomunfall in der Ukraine.

Generaldirektor Rafael Grossi äußerte am Samstag (12. März) große Sorge um die Sicherheit der ukrainischen Atomanlagen. Die derzeitige Situation verletze eine der sieben unverzichtbaren Säulen der Nuklearsicherheit, warnte er.

Liste der Atomkraftwerke in der Ukraine:

  • Saporischschja (6 Blöcke)
  • Riwne (4 Blöcke)
  • Südukraine (3 Blöcke)
  • Chmelnyzkyj (2 Blöcke)
  • Tschernobyl (4 Blöcke, stillgelegt)

Radioaktive Strahlung in NRW: In welcher Einheit wird sie gemessen?

Radioaktive Strahlung wird in der Einheit „Sievert“ (Sv) gemessen. Benannt ist sie nach dem schwedischen Mediziner Rolf Sievert. Ein Sievert (entspricht 1.000 mS und 1.000.000 µS) ist jedoch bereits eine sehr große Strahlendosis. Daher werden in der Regel Werte im Bereich von bis zu einigen hundert Mikrosievert (µSv) bis Millisievert (mSv) angegeben, bei denen bereits starke Strahlenschäden auftreten können.

Dazu gehören zunächst Übelkeit und Fieber sowie Rötungen der Haut. Weil die ionisierende Strahlung auch das Erbgut verändert, treten später häufiger Krebserkrankungen und Tumore auf. Die Folgen richten sich jedoch unter anderem nach Dauer, Art und Stärke der Strahlung.

Dabei gelten folgende Grenzwerte, bei denen in der Regel bestimmte Folgen für den Menschen eintreten:

StrahlungBeispiel und Folgen
5 µSvKieferröntgen
80 µSvTransatlantik-Flug
700 µSvnatürliche Strahlendosis pro Jahr
20 mSvmax. Dosis für Arbeitnehmer in Europa (pro Jahr)
200 mSvakute Strahlenschäden im Blut
500 mSvkeine akuten Beschwerden
1 Svakute Strahlenkrankheit
5 Sv50 Prozent Sterblichkeit binnen 30 Tagen
80 Svsofortiger Tod
Quellen: kkg.ch; gov.uk

Gefahr von Atomunfall in der Ukraine: Was bringen Jodtabletten?

Viele Menschen haben sich aus Sorge vor einem Atomunfall in der Ukraine bereits mit Jodtabletten eingedeckt. Sie sollen die Anreicherung von radioaktivem Jod in der Schilddrüse verhindern. Das ist jedoch für gesunde Menschen nicht nötig, schreibt auch das Bundesumweltministerium: „Derzeit gibt es keinen Anlass für die Einnahme von Jodtabletten.“

Das ehemalige Atomkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine ist wieder am Stromnetz.

Aktuell sorgen diese unnötigen Hamsterkäufe von Jod-Medikamenten sogar für Engpässe. Deshalb können chronisch kranke Menschen nicht mehr mit den benötigten Tabletten versorgt werden.

Denn die im Handel erhältlichen Pillen enthalten nicht annähernd genug Wirkstoff. Stattdessen können sie zu Schilddrüsen-Problemen führen. Im Falle einer nuklearen Katastrophe werden hochdosierte Jodtabletten von den Behörden verteilt, die dann zum richtigen Zeitpunkt eingenommen werden müssen.

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