Mehr als Tausend Delikte ungelöst

1.160 Morde aus NRW ungelöst – so will Reul die Fälle jetzt aufklären

Pressekonferenz zum Thema Cold Cases
+
Pressekonferenz zum Thema Cold Cases: NRW-Innenminister Herbert Reul gemeinsam mit Andreas Mueller vom LKA NRW (links) sowie Ingo Wuensch, Direktor des LKA NRW (rechts).

Insgesamt 1.160 Morde aus NRW blieben seit den 70er-Jahren bislang ungelöst. Der NRW-Innenminister will solche Delikte nun aufklären – dabei erhält das LKA Unterstützung.

NRW – Über das Vorhaben, alte, ungelöste Tötungsdelikte – sogenannte „Cold Cases“ – neu aufzurollen, informierte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Freitag (30. Juli). Das Land NRW will dabei ungewohnte Wege gehen: Insgesamt 28 pensionierte Mordermittler sollen das LKA bei den kniffligen Fällen unterstützen.

Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen (LKA NRW)Landesoberbehörde
Gründung1. Oktober 1946 als „Landeskriminalpolizeiamt Nordrhein-Westfalen“
DirektorIngo Wünsch

Mördern aus der Vergangenheit auf der Spur – NRW sucht pensionierte „Spürnasen“

Wer dabei hilft, die Mörder zu finden, steht aber noch nicht fest. Denn derzeit sucht das Land NRW noch interessierte Ex-Ermittler. Minister Reul erklärt dazu: „Wir suchen Leute mit einer immer noch guten Spürnase, die Lust haben, jeden Stein nochmal umzudrehen, um die Täter zu kriegen.“

Konkret sollen die Stellen mit ehemaligen Ermittlern besetzt werden, die Erfahrung in einem dieser Bereiche haben:

  • Tatortarbeit
  • Aktenführung
  • Leitung von Mordkommissione

Ungelöste Morde in NRW: Sonderkommission und Ex-Ermittler suchen Täter aus 50 Jahren

Aber weshalb setzt man bei solchen besonders schwierigen Mordfällen ausgerechnet auf bereits pensionierte Beamte? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Das Land hat nicht genug aktive Ermittler.

Der NRW-Innenminister erklärt dazu: „Es ist kein Geheimnis, dass Cold Cases neben dem Tagesgeschäft bearbeitet werden müssen.“ Mit einer besonderen Aufbauorganisation (BAO) – eine Cold-Case-Sonderkommission aus Ermittlern des Landeskriminalamtes und der Kreispolizeibehörden sowie den 28 Pensionären – sollen jetzt die ungelöste Fälle aus den vergangenen 50 Jahren wieder bearbeitet werden. „Vielleicht gibt es neue Erkenntnisse oder neue Techniken, vielleicht auch neue Rechtsgrundlagen, weshalb es sich lohnt, einen Fall wieder aufzurollen“, erklärte der NRW-Innenminister das Vorgehen.

Andreas Müller vom LKA NRW, Innenminister Herbert Reul und Ingo Wünsch, Leiter des LKA, am Freitag (30. Juli) bei der Pressekonferenz zum Einsatz pensionierter Ermittler in NRW.

Datenbank für Cold Cases – mehr als Tausend ungelöste Mordfälle in NRW

Dabei setzt man auch auf die Digitalisierung: Bereits seit 2017 baut das LKA in NRW eine Datenbank für ungeklärte Morde auf. In diese Cold-Cases-Datenbank sollen jetzt mithilfe der Sonderkommission schrittweise sämtliche der 1.160 ungelösten Tötungsdelikte seit 1970 aufgenommen werden.

Bislang wurden dabei erst 261 Fälle davon in die Datenbank aufgenommen – und 23 Fälle neu aufgerollt. Dabei konnte man aber sogar schon erste Erfolge erzielen: Zwei Mörder aus der Vergangenheit sind bereits gestellt worden.

Video – „Wer hat mich hier ermordet?“: Oberfränkische Polizei fahndet mit Plakat nach Täter

Cold Case in NRW – Mord an Schülerin wird nach 27 Jahren aufgeklärt

Bei einem dieser aufgeklärten Fälle um den Mord an einer 16-jährigen Dortmunder Schülerin Nicole Schalla. Der Mordfall ist bereits 27 Jahre her – und war als „Cold Case“ neu bearbeitet worden.

Überführt wurde der Mörder schließlich mit einer alten Hautschuppe, die dank neuester medizinischer Methoden analysiert werden konnte. Im vergangenen Januar wurde der Täter zu lebenslanger Haft verurteilt.

Der Angeklagte im Prozess um den Mord an Nicole Schalla – nach 27 Jahren wurde er im Januar 2021 verurteilt.

„Cold Cases“ Sonderkommission aus NRW – Mord an Elfjähriger wurde neu aufgerollt

Noch nicht aufgeklärt, aber ebenfalls bereits neu aufgerollt wurde auch der Mordfall Claudia Ruf. Wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet, war die damals Elfjährige vor 25 Jahren im rheinischen Grevenbroich entführt, missbraucht und umgebracht worden. An ihrer Leiche konnte DNA sichergestellt werden, die vermutlich vom Täter stammt. Vor etwa eineinhalb Jahren hätten sich die Ermittler auch diesen Fall wieder vorgenommen. Im Zuge der Ermittlungen sei ein großer Massen-DNA-Test gestartet worden, dessen „Ende ist noch offen“ sei, wie Innenminister Herbert Reul (68, CDU) erklärt.

Der Leiter der „Zentralstelle Cold Case“, Andreas Müller, erklärt gegenüber der dpa, er habe noch am Freitag (30. Juli) mit dem Vater von Nicole Ruf telefoniert, um ihn darüber in Kenntnis zu setzen, dass der Mordfall durch die Ermittlungsinitiative neue Aufmerksamkeit bekäme. Der Vater habe ihm versichert, er sei sehr froh, dass der Fall erneut aufgerollt werde, denn es sei für die Angehörigen wichtig, Gewissheit zu bekommen.

„Wir vergssen die Opfer nicht“: Der Leiter der „Zentralstelle Cold Case“, Andreas Müller (hier auf der Pressekonferenz zum Einsatz pensionierter Ermittler in NRW).

„Täter sollen sich fürchten müssen“ – NRW-Innenminister zeigt sich kämpferisch

Andres Müller zeigt sich dabei gegenüber der dpa entschlossen. Er erklärt: „Wir vergessen die Opfer nicht. Wir vergessen nicht, was die Täter getan haben.“

Und auch Herbert Reul (68, CDU) verdeutlicht: „Die Angehörigen und die Öffentlichkeit haben ein Recht darauf, dass die Fälle aufgeklärt werden“. Zugleich richtet er eine Kampfansage an die Mörder aus der Vergangenheit: „Die Täter sollen sich fürchten müssen“, so der NRW-Innenminister.

Mehr zum Thema