Mittelalter

NRW: Archäologen bergen Boot aus dem Mittelalter – und werden überrascht

Teile des gefundenen Bootes in der Lippe
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Die einzelnen Wrackteile sind mit kleinen Info-Zetteln markiert.

2020 wurde ein 850 Jahre altes Boot aus der Lippe gezogen. Archäologen wollen dem Fund jetzt mehr Informationen über das mittelalterliche Westfalen entlocken.

Münster – Im Jahr 2019 ist in der Lippe bei Lippetal-Herzfeld im Kreis Soest ein mittelalterliches Bootswrack entdeckt worden. Erst im Jahr 2020 konnten die Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) und speziell ausgebildeten Unterwasserarchäologen die Reste des Wracks aus dem Fluss bergen.

FlussLippe
Länge220 Kilometer
MündungRhein
Städteu.a. Paderborn, Hamm, Wesel

Mittelalterliches Boot aus der Lippe geborgen: Untersuchungen werden Jahre dauern

Seit November 2020 lagert das Boot, welches aus altem Eichenholz besteht, in der LWL-Archäologie für Westfalen in Münster. Dort wurde das Wrack gründlich untersucht. „Der Fund des Wracks ist auch drei Jahre nach seiner Entdeckung immer noch hoch faszinierend und von großer Bedeutung für die Archäologie Westfalens. Wir werden in den kommenden Jahren noch viele Geheimnisse lüften können, denn die Forschungsarbeit hat gerade erst begonnen“, sagt LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger.

Dendro-Archäologe Dr. Thorsten Westphal untersucht das 850 Jahre alte Boot.

Schnell war den Experten klar, dass das Boot von Fachleuten umfangreich konserviert werden muss. Prof. Michael Baales, Leiter der LWL-Archäologie-Außenstelle in Olpe, dazu: „Es hat erste Analysen der Moose aus der Kalfatmasse gegeben, also der Dichtmasse zwischen den Fugen der einzelnen Planken.“

Münster: Holz von mittelalterlichem Boot sollen nun untersucht werden

Für die Dichtmasse sollen mehrere Moosarten zum Einsatz gekommen sein, die zu der damaligen Zeit in NRW noch heimisch waren. Das würde auch dafür sprechen, dass das Boot in Westfalen hergestellt worden sei, so die erste Einschätzung. Untersuchungen zur Altersbestimmung des Holzes haben erstaunliches ergeben: „Die ersten Datierungen wiesen ja auf die Mitte des 12. Jahrhunderts als Bauzeit. Das konnte durch die Analyse weiterer Holzproben bestätigt werden“, so Baales.

Dr. Thorsten Westphal, Dendroarchäologe an der Universität Köln, konnte ermitteln, dass die Eichen in den Jahren zwischen 1132 und 1164 gefällt wurden. Ein Stück Holz, welches in einer großen Seitenplanke eingesetzt worden war, liegt mit einem Fälljahr von 1147 genau in diesem Zeitraum (alle News aus NRW bei RUHR24).

Archäologen untersuchen jetzt 850 Jahre altes Boot aus der Lippe

Bisher dachten die Archäologen, dass das eingesetzte Holzstück eine Reparaturmaßnahme gewesen sei. Doch das hat sich nicht bewahrheitet: „Zu vermuten ist, dass gut gelagerte Eichen verbaut wurden und dass der vermeintliche Reparatureinsatz gar keiner ist, sondern eine von vorn hinein problematische Wuchsstelle in der Eiche für die Seitenplanke verbessert wurde“, erklärt Baales.

Für die Aufbereitung des Holzes ist nun Chef-Restaurator Sebastian Pechtold zuständig: „Das Holz wurde hier in Leitungswasser gelagert, um es bis zum Transport zu den Kollegen in Schleswig (das Schiff wurde am 18. Januar nach Schleswig transportiert Anm. d. Red.) fit zu halten“, so Pechtold.

Das Eichenholz wird zur Beprobung aus den Wasserbecken geholt, in denen es bis zum Transport nach Schleswig bei der LWL-Archäologie lagerte.

Transport nach Schleswig: Bootswrack soll über Jahre konserviert werden

In Schleswig soll das Bootswrack in einem großen Konservierungsbecken über Jahre konserviert werden. „Dazu sind hohe und weite Räume mit großen Becken und Hebeeinrichtungen nötig, und wir freuen uns über die Unterstützung“, erklärt Pechtold.

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Was danach mit dem Boot passieren wird, ist letztendlich noch nicht ganz geklärt. Rüschoff-Parzinger dazu: „Wo und wie das Wrack nach seiner Konservierung einmal ausgestellt werden wird, steht noch nicht fest. Sicher ist aber, dass es für die Westfalen und Westfälinnen zugänglich gemacht werden soll.“

Nach Renovierungsarbeiten: Boot aus dem Mittelalter soll in NRW ausgestellt werden

Doch bevor die Besucher das Boot aus dem 12. Jahrhundert bewundern können, müssen noch weitere Untersuchungen gemacht werden. Anhand des Wuchsmusters des Holzes hoffen die Fachleute, dass sie rekonstruieren können, welche Teile aus den Eichenstämmen zum Bau des Bootes genutzt wurden.

Das sei besonders wichtig, erklärt Prof. Michael Baales: „Das würde uns mehr Informationen über die Baugeschichte des Lippeschiffes bringen. Außerdem erhofft sich das Team weitere Erkenntnisse aus anstehenden Pollenanalysen durch die Universität Köln. Dann könnten sich Fragen zum botanischen Umfeld der Wuchsstandorte der genutzten Moose klären: Wie hat die Umwelt vor rund 850 Jahren ausgesehen, als die Menschen in den westfälischen Wald gingen, um die Eichen für das Lippeboot zu schlagen?“ Bis das geklärt ist und man das Boot aus der Lippe in einer Ausstellung sehen kann, werden allerdings noch einige Jahre vergehen.