Machtgehabe und Männerklüngel

NRW-Kommunalwahl: Politikerinnen berichten von schockierenden Vorfällen 

Kommunalpolitikerinnen in Deutschland sind Chancenungleichheit, Sexismus und Klüngelei ausgesetzt. Eine Befragung offenbart erschreckende Hintergründe.

  • Bei der Kommunalwahl in NRW 2020 stehen noch immer weniger Frauen als Männer zur Wahl.
  • Eine Umfrage ging der Frage auf den Grund, warum der Frauenanteil in der Kommunalpolitik so gering ist.
  • Sexismus und Diskriminierung können als wichtige Gründe für das Fehlen von Frauen in der Politik angesehen werden.

NRW – Zum Wahlkampfauftakt vor der anstehenden Kommunalwahl in NRW am 13. September 2020 zeigte sich Armin Laschet auf einem Pressefoto umringt von anderen hochrangigen Kommunalpolitikern. Das an sich harmlose Foto wurde prompt zum Politikum. In erster Linie wegen dem, was auf dem Foto nicht zu entdecken war: Frauen.

Wahl

Kommunalwahl und Wahl des Ruhrparlaments

Termin

13. September 2020

Anteil Frauen in NRW-Parlamenten

24 Prozent

Kommunalwahl NRW: Frauenanteil besonders im ländlichen Raum niedrig

Nun könnte man meinen, das es Zufall war, das an diesem Tag keine Frauen hinter dem NRW-Ministerpräsidenten für das Foto posierten. Doch eine Recherche des Redaktionsnetzwerks Correctiv ergab ein anderes, ernüchterndes Bild: In allen Kommunalparlamenten in NRW sitzen weniger Frauen als Männer. 

Den größten Frauenanteil hatte dabei noch der Stadtrat in Halle/Westfalen. Aber auch hier lag der Anteil der Frauen nur bei 44 Prozent. Trauriges Schlusslicht ist das ländliche Sauerland: In Winterberg liegt der Frauenanteil beispielsweise bei nur drei Prozent.

Kommunalwahl NRW: Dortmund besser aufgestellt als Bochum

In Dortmund sind zwar immerhin 39 Prozent aller Ratsmitglieder Frauen - Dortmund gehört damit zu den besser aufgestellten Gemeinden in NRW - doch auch hier entscheiden hauptsächlich Männer über wichtige Fragen. Etwa: Wie ausreichend Kitaplätze geschaffen werden oder neue Unternehmen in der Gemeinde angesiedelt werden können. Und auch in Dortmund sind zehn der zwölf Kandidaten für das Oberbürgermeister-Amt Männer.

Und auch in den Nachbarorten im Ruhrgebiet sieht es kaum anders aus. In Bochum stellen die Frauen 29 Prozent des Rates, in Witten sogar nur 25 Prozent. Unna kommt auf 34 Prozent, während es in Essen nur 30 Prozent sind. Schlusslicht im südlichen Ruhrgebiet ist Sprockhövel: Der Frauenanteil liegt hier bei 17 Prozent.

Kommunalwahl NRW: Frauenanteil in der Politik bleibt gering

"Je kleiner die Gemeinde, desto niedriger zumeist der Frauenanteil im Stadt- oder Gemeinderat", bestätigen sodann auch Paula Schweers und Stefanie Lohaus von der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF) gegenüber Correctiv

Doch woher kommt es, dass Frauen in der Kommunalpolitik auch im Jahr 2020 noch völlig unterrepräsentiert sind? Dazu befragte Correctiv 570 Kommunalpolitikerinnen und -politiker aus NRW. Auch 141 Männer machten ihre Angaben in der, nicht repräsentativen, Umfrage (mehr Nachrichten aus NRW auf RUHR24.de).

Kommunalwahl NRW: Fehlendes Engagement oder Männerklüngel?

Warum Frauen seltener in der Kommunalpolitik vertreten sind, bewerten die unterschiedlichen Geschlechter laut den Ergebnissen der Umfrage allerdings ganz unterschiedlich. Während die Frauen eher Männerklüngel und die bessere Vernutzung unter den Männern als Grund sehen, gehen die männlichen Teilnehmer der Befragung eher davon aus, dass sich schlicht zu wenige Frauen in der Politik engagieren. 

Armin Laschet und seine männliche Gefolgschaft beim Wahlkampfauftakt der CDU Ruhr.

Es könnten also die "Seilschaften alter weißer Männer" sein, die es nicht nur Frauen, sondern auch Transgender oder Politikern mit Migrationshintergrund schwer machen, überhaupt in der Politik Fuß zu fassen.

Kommunalwahl NRW: Sexismus in der Politik an der Tagesordnung

Gefragt wurde unter anderem auch, ob die Politiker schon einmal Diskriminierung aufgrund Ihres Geschlechts und/oder Sexismus erlebt hätten. Ob es zu abwertenden Witzen, anzüglichen Kommentaren oder sogar unangemessenen Berührungen bei Wahlkampfveranstaltungen, Ratssitzungen oder auch beim "Bier nach der Sitzung" gekommen wäre.

Dass sie schon einmal Diskriminierung oder Sexismus erfahren haben, konnten 57 Prozent der befragten Frauen bestätigen. Immerhin 35 Prozent der Männer teilen diese negative Erfahrung mit ihren Kolleginnen.

Doch wie genau sehen solche Erfahrungen aus? Die SPD-Politikerin Julia Klewin kandidiert für den Stadtrat in Essen. Gegenüber Correctiv berichtet die Politikerin zum Beispiel von Nachrichten auf Facebook, die ihr ein 20 Jahre älterer Kollege geschrieben habe. "Er forderte mich nachts auf, bei ihm vorbeizukommen oder schrieb, dass er mir gerne seine Muschis zeigen würde, er meinte seine Katzenbabys", erinnert sie sich.

Kommunalwahl NRW: Unangemessen bis übergriffig - Frauen berichten von Erfahrungen

Acht Prozent der befragten Frauen berichteten sogar, bei ihrer politischen Arbeit schon einmal unangemessen berührt worden zu sein. Die Hand des Kollegen, die vom Rücken langsam Richtung Po rutscht oder der einfach viel zu weit oben getätschelte Oberschenkel - gerade wenn Alkohol im Spiel ist, scheint Übergriffigkeit zum Problem zu werden.

Doch auch die kleinen Bemerkungen über das Aussehen, über das zu kurze Kleid oder die Haarfarbe, machen es den Frauen offenbar nicht leicht im politischen Alltag zu bestehen. Zudem ist nicht nur Klewin überzeugt, dass sie als Frau ständig mehr leisten muss als Männer. "Mir wird öfter ins Wort gefallen oder Männer hören mir nicht zu. Meine Kompetenz wird immer hinterfragt, meine Erfahrungen werden nicht ernst genommen." Diese Einschätzung teilen ganze 30 Prozent aller befragten Frauen der Correctiv-Recherche.

Rubriklistenbild: © Soeren Stache/dpa