Impfreihenfolge

Vorgezogene Corona-Impfung für Lehrer: Polizei in NRW reagiert wütend

Wer wann geimpft wird, ist in der Impfreihenfolge festgelegt. Doch Lehrer und Erzieher werden nun vorgezogen. Auf Kosten anderer? Ein Wettlauf hat begonnen.

NRW - Die Argumente, warum Lehrer und Erzieher nun früher als bislang in der Impfreihenfolge vorgesehen gegen Corona geimpft werden, sind klar: In Kitas, Grund- und Förderschulen arbeiten sie nahezu ungeschützt und im engen Kontakt mit den Kindern. Ähnlich ergeht es Polizisten: Im Einsatz bespuckt und angeschrien, können auch sie kaum vor einer Ansteckung geschützt werden. Doch die Polizei befürchtet nun, in der Impfereiehnfolge nach hinten zu rücken - zugunsten der Lehrer und Erzieher.

VirusCoronavirus/Sars-Cov-2
Impfstoffe vonAstraZeneca, Biontech/Pfizer, Moder u.a.
vollständig geimpfte Personen in Deutschland1.806.606 (22. Februar)

Corona-Impfreihenfolge geändert: Vorziehen von Lehrern und Erziehern entfacht Streit

Was die einen begrüßen, führt zu harter Kritik auf anderer Seite: Während sich die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft freut, dass dem Gesundheitsschutz in Kitas und Schulen mit der vorgezogenen Corona-Impfung Rechnung getragen wird, ist die Polizei empört. Auch der Ethikrat kritisiert die Änderung der Impfreihenfolge. Beginnt nun der Wettlauf um den begrenzten Impfstoff?

Schon im März könnte es für Lehrkräfte und dem Kita-Personal in NRW mit der ersten Impfung gegen Corona so weit sein. Gesundheitsminister Karl-Josef Lauman und Ministerpräsident Armin Laschet hatten am Dienstag (23. Februar) die Änderung der Impfreihenfolge für Grundschullehrer und Erzieher angekündigt. Und prompt einen Streit entfacht.

Denn die Polizei befürchtet, dass sie nun in der Impfreihenfolge gegen das Coronavirus nach hinten rutscht. Der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Erich Rettinghaus nannte die Änderung der Impfreihenfolge eine „krasse Fehlentscheidung“, berichtet die Deutsche Presseagentur (dpa). Denn anders als Schulen, könnten Polizeiwachen nicht geschlossen werden, wenn sich die Infektionslage verschlechtere. Ein Polizist könne seine Einsätze nicht von zuhause erledigen (mehr News zum Coronavirus in NRW auf RUHR24.de).

Corona-Impfung: Änderung der Reihenfolge macht Polizei in NRW wütend

Auch der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Michael Mertens ist wütend: „Dass jetzt die Polizisten nach hinten rutschen sollen, macht mich fassungslos.“ Keine einzige Wache hätte die Polizei geschlossen, keinen einzigen Einsatz abgesagt - obwohl Polizisten im Einsatz bespuckt und angeschrien würden.

Auch vonseiten des Deutschen Ethikrats kommt deutliche Kritik an der Änderung der Priorisierung der Lehrer und Erzieher. Man verabschiede sich damit von einem gut überlegten Prinzip, das vorsieht, zuerst die zu Impfen, die besonders gefährdet sind, erklärt die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats Alena Buyx im tagesspiegel.

Und das, obwohl Lehrer und Erzieher zwar eindeutig bei der Arbeit einem besonderen Risiko ausgesetzt seien, aber eben nicht so gefährdet seien wie andere Personen der Impfgruppe 2, wie zum Beispiel Menschen die eine Chemotherapie bekommen oder in Arztpraxen arbeiten. Doch genau in diese Priorisierungsgruppe rücken Lehrkräfte und Kita-Mitarbeiter nun auf.

Corona-Impfreihenfolge: Vorziehen einer Gruppe, lässt andere Gruppe nach hinten rutschen

Zudem: Eine Veränderung der Priorisierung bedeute immer, dass andere Menschen in der Liste nach hinten rutschen, so Buyx. Polizisten, die nach der Corona-Impfreihenfolge in der dritten Priorisierungsgruppe geimpft werden, bedeutet das: In der Gruppe zwei müssen nun mehr Menschen als bisher vorgesehen geimpft werden. Es dauert also länger, bis die Gruppe zwei durchgeimpft ist und die Gruppe 3 dran ist. Oder?

Polizisten bei einer Demo von Impfgegnern - ihr Schutz vor einer Corona-Infektion im Einsatz ist oft schwierig.

Stimmt so nicht, betont Armin Laschet laut dpa: Es werde keine Konkurrenz bei den Lehrer und Erzieher und den Polizisten um eine Corona-Impfung geben. NRW werde in wenigen Monaten so viel Impfstoffe haben, dass es zu keinen Kollisionen komme. Dann würde sich eher die Frage stellen, ob überhaupt alles verbraucht werden könne. Dennoch müsse genau geprüft werden, wann jemand vorgezogen werde. Das jeder für sich sagt: „Ich bin der Allerwichtigste und ich muss das kriegen“, sei kein Argument.

Gesundheitsminister Laumann hingegen räumte im WDR ein, dass durch das Vorziehen der Erzieher und Lehrer die Impfung für andere Berufsgruppen verzögert werde. Es rücke nun eine „gewaltige Berufsgruppe“ in die Gruppe der zweithöchsten Priorität. Und der Impfstoff werde nicht mehr. Für alle nachfolgenden dauere es daher länger. Deutlich sagte Laumann: „Ich kann nicht gleichzeitig Polizei und Lehrer impfen“.

Corona-Impfreihenfolge geändert: Verunsicherung und Benachteiligung drohen

Tatsächlich ist auch in den Kommunen große Verunsicherung ausgebrochen, wie bei der Impfung weiter vorgegangen werden soll. Städte wie Dortmund fordern eine klare Linie, um ein drohendes Chaos durch die geänderte Impfreihenfolge abzuwenden.

Doch nicht nur Lehrer und Erzieher, auch viele andere Berufsgruppen beanspruchen für sich, weiter nach vorne in die Impfreihenfolge zu gehören. Laut tagesspiegel berichtet die Vorsitzende des Ethikrats, dass auf ihrem Schreibtisch sich die Zuschriften von Gruppen stapeln würden, die „aus nachvollziehbaren Gründen sagen, sie müssten höherstehen in der Reihenfolge.“

Und selbst in der gleichen Berufsgruppe fühlen sich nun wiederum andere benachteiligt. So forderten die Grünen im Landtag, die vorgezogene Corona-Impfung nicht nur auf Grund- und Förderschullehrer zu beschränken. Denn: Untersuchungen zeigten, dass vor allem an weiterführenden Schulen eine erhöhte Infektionsgefahr besteht. Und auch Lehrer von Abschlussklassen seien nun zurück im Präsenzunterricht – vor vollen Klassen, in denen ausreichend Abstand kaum eingehalten werden kann.

Es scheint, als könnte Alena Buyx mit ihrer Befürchtung, dass mit dieser Entscheidung eine Büchse der Pandora geöffnet wurde recht behalten: Jeder will der Erste sein. Auch NRW-Innenminister Herbert Reul befürchtet, dass nun ein Wettlauf ausbricht – und übt damit indirekt Kritik an der Entscheidung die Impfreihenfolge zu ändern.

Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow/Christophe Gateau/dpa; Collage: RUHR24

Mehr zum Thema