Coronavirus-Pandemie

Ärger um Corona-Impfungen: NRW-Landrat macht klare Ansage – „dann läuft was falsch!“

Leere Impfzentren, Chaos bei der Terminvergabe für Impfungen: Dem Landrat von Heinsberg (NRW), Stephan Pusch (52, CDU), reicht es langsam. Er fordert pragmatische Lösungen.

Heinsberg/Düsseldorf – „Der Impfstart ist gelungen“, sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (59, CDU) Ende Januar, während gleichzeitig zahlreiche ältere Menschen verzweifelt versuchten, einen Termin für ihre Impfung gegen das Coronavirus zu bekommen. Dem Landrat von Heinsberg, Stephan Pusch (52, CDU) reicht es jetzt offenbar (alle Infos zum Coronavirus in NRW auf RUHR24.de).

KreisHeinsberg
BundeslandNordrhein-Westfalen
LandartStephan Pusch (CDU)

Corona-Impfungen: Landrat von Heinsberg (NRW) mit harter Kritik in Facebook-Video

Denn von einem gelungenen Impfstart kann aus seiner Sicht keine Rede sein. Bereits bei der Vergabe der Impftermine gebe es Probleme: „Hier rufen Leute bitter weinend an, die sich darüber beklagen, dass wenn sie dann endlich mal durchkommen, sie die Mitteilung bekommen, dass es für den Kreis Heinsberg gar keine Impftermine gebe.“ Kurz darauf könne das aber wieder ganz anders aussehen.

Viele Grundvoraussetzungen seien nicht richtig erfüllt worden, von der Software bis zur Vergabe. „Aber dass dann auch noch erzählt wird, das Ganze sei optimal gelaufen und man solle froh sein, dass so viele Bürger schon einen Impftermin bekommen haben, das ist ein Ablenkungsmanöver“, findet Pusch in dem Video. Man habe schließlich wochenlang Zeit dafür gehabt.

Stephan Pusch kritisiert Bundesgesundheitsminister Jens Spahn für Impfstoff-Engpässe

Auslöser für den Rant auf Facebook ist auch: Die Kommunen und vor allem deren Angestellten bekommen die Wut der Bürger ab. „Meine Mitarbeiter sind im Moment Prellbock und Seelentröster.“ Wenn diese dann irgendwann selbst weinend am Telefon sitzen, „dann läuft irgendwas falsch!“, bemängelt Pusch. Er bittet daher um klare Kommunikation und pragmatische Lösungen bei der Vergabe der Impfstoffe.

Bei diesem „Schwarzer-Peter-Spiel“ würde derzeit jeder die Schuld auf den anderen schieben. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (40, CDU) etwa würde den Engpass bei den Impfstoffen auf die Hersteller abwälzen. „Dann habe ich den Eindruck, dass man darüber hinwegtäuschen will, dass man selber offenbar sehr naiv an etwas herangegangen ist.“ Jeder Landwirt im Kreis Heinsberg hätte das besser verhandelt, sagt Stephan Pusch.

NRW: Landrat von Heinsberg fordert pragmatische Lösungen in der Corona-Krise

Denn: Dass es einen weltweiten Run auf Impfstoffe geben würde, sei doch klar gewesen. Doch was tun? Unter anderem in einem Interview mit dem Express fordert Stephan Pusch am Sonntag (31. Januar) gleich mehrere Verbesserungen:

1. Eine funktionierende Meldelogistik für Impfungen und Termine.

Man müsse sicherstellen, dass Menschen bei der Anfrage von Impfterminen nicht zehnmal die Ansage bekommen, es gebe keinen Termin und dann aus dem System fliegen. „Es geht hier doch nicht um die Vergabe von Theaterkarten.“ Es gebe heutzutage bessere Möglichkeiten, ein funktionierendes System zu programmieren.

Zudem sei längst bekannt gewesen, wie viele 80-Jährige es gibt, die zuerst geimpft werden sollen. Einen Zusammenbruch des Systems könne man „nicht damit entschuldigen, dass viele Leute auf einmal anrufen.“ Pusch hofft trotz Engpässen beim Impfstoff und Problemen der Terminvergabe auf den Start des Impfzentrums im Kreis Heinsberg am 8. Februar.

2. Öffnung der Schulen nach dem 14. Februar.

Draußen spielen? Nicht möglich. Sport im Verein? Nicht erlaubt. Also hängen die Kinder nach den Hausaufgaben vor dem Fernseher oder spielen am Tablet. „Wer soll es ihnen denn verdenken?“, fragt Pusch.

Daher müssten die Schulen in zwei Wochen wieder öffnen, fordert er. „Da bitte ich um kreative Lösungen wie Wechselunterricht. Die Kinder müssen, zumindest teilweise, wieder in die Schule.“ Sonst würden Familien und Eltern kaputtgehen.

3. Intelligentere Konzepte im Einzelhandel, statt Ladenschließungen.

Statt alle Läden zu schließen, schlägt Pusch künftig sogenannte Einkaufskorridore vor. Im Interview mit dem Express sagt er: „Vielleicht richtet man zum Schutz von Rentnern in Supermärkten bestimmte Slots für ein paar Stunden täglich ein, der Rest geht zu anderen Zeiten einkaufen.“ Ihm sei unverständlich, warum Lokale geschlossen wurden, die nachweislich keine Treiber der Corona-Pandemie seien.

Impf-Debakel: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn reagiert auf harte Kritik

Folgen hatte das Facebook-Video für Pusch bereits: Er wurde zu einem Gespräch mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (40, CDU) gebeten. Dort kritisierte er wegen des Impf-Debakels erneut Jens Spahn für seine Beschaffungspolitik der Corona-Impfstoffe. Er verstehe, dass man die Vergabe der EU überlassen hatte, verstehe aber nicht, dass man den Herstellern dann hinterherlaufen müsse. Um das Vertrauen der Bürger wiederzugewinnen, müsse man jetzt Manöverkritik machen und dann nach vorne schauen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (40, CDU) gerät wegen Problemen mit Corona-Impfstoffen zunehmen in die Kritik.

Jens Spahn begrüßte die Kritik bei einem Bild-Gespräch am Sonntag. Er halte den Weg der Impfstoff-Bestellung über die EU-Kommission jedoch weiterhin für richtig. Eine einheitliche Richtung zu finden, sei bereits mit Bund und Ländern mühsam genug. „Das Gleiche ist es auch mit den 27 Mitgliedsstaaten der EU“, sagte Spahn. Auch er wolle schneller Impfen. Am Montag (1. Februar) treffen sich Bund und Länder zum Impfgipfel. Dort soll die Lage neu bewertet werden.

Einige Tage vor Ende des Lockdowns am 14. Februar werde man zudem über die weiteren Schritte sprechen. Das Ergebnis sei aber abhängig davon, wie sich die Infektionszahlen in den nächsten Tagen entwickeln. Mit Lockerungen, sofern sie möglich werden, wolle man im Bereich der Kitas und Grundschulen beginnen, kündigte Spahn an.

Rubriklistenbild: © Henning Kaiser

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