In Chemie-Werk

Leverkusen-Explosion: Gift in Grundwasser gelangt? Expertin vermutet Schreckliches

Die Explosion von Leverkusen könnte für massive Folgen in der Umwelt sorgen. Eine Expertin warnt jetzt vor Gift im Grundwasser.

Leverkusen – Wenige Tage nach der Riesen-Explosion in einem Chemiewerk in Leverkusen* bangt ganz NRW* vor den Folgen der giftigen Rauchwolke. Die Freisetzung lebensgefährlicher Substanzen in die Umwelt könnten fatale Auswirkungen haben, warnt eine österreichische Toxikologin jetzt. RUHR24* fasst ihre Aussagen zusammen.

StadtLeverkusen
OrtSondermüll-Verbrennungsanlage im Chempark Leverkusen
Datum27. Juli 2021

Leverkusen: Riesige Explosion in Chemiewerk in NRW könnte für Grundwasserverschmutzung sorgen

In einem Interview mit dem Spiegel befürchtet Professorin Doris Marko, das Grundwasser rund um den Chempark in Leverkusen könnte durch die freigesetzten Gifte kontaminiert werden. „Diese organischen Lösungsmittel (Anm. d. Redaktion: Drei Tanks mit jeweils Hunderttausenden Litern von chlorierten Lösungsmitteln sind explodiert) geraten leicht ins Grundwasser. Man wird sehr intensiv nach dem Verbleib eventuell chlorierter Verbindungen suchen müssen“, so die Toxikologin.

Gleichzeitig beruhigt sie die Bevölkerung. Die Wasserversorgung in der Umgebung sei nicht gefährdet, da die örtlichen Wasserwerke das Wasser gut kontrollieren würden. Kritischer seien die Folgen für die Nutzer von Brunnen. Etwa solche zum Gießen des eigenen Gemüsegartens. Diese Menschen könnten mit vergiftetem Grundwasser in Berührung kommen.

Leverkusen-Explosion laut Expertin ein „echtes Drama“

Die Explosion von Leverkusen hält Doris Marko für ein „echtes Drama“ und „eines der übelsten Dinge, die überhaupt passieren können.“ Eine brennende Sondermüllanlage mit „riskantestem“ Abfall habe schließlich unkontrolliert Schadstoffe ausgestoßen.

Nun sei zu klären, was überhaupt in Brand geraten sei und was davon freigesetzt worden ist. Die Expertin hält es für nicht ausgeschlossen, dass Substanzen in die Umwelt abgegeben worden seien, die sich nur sehr langsam abbauen ließen und gefährlich für die menschliche Gesundheit seien.

Toxikologin vergleicht Leverkusen-Explosion mit Katastrophe in Seveso im Jahr 1976

Schlimmer noch: Läuft es ganz schlecht, müsse großflächig dekontaminiert werden. Die Abtragung des Erdreichs wäre dann die einzige Möglichkeit, die freigesetzten Dioxine wieder zu entfernen. „Denken Sie an Seveso 1976“, verweist Marko im Spiegel auf einen Chemieunfall, der sich seinerzeit nördlich von Mailand ereignete.

Dort war nach einer Explosion giftiges, weil krebserregendes Dioxin freigesetzt worden. Jene Substanz, die auch bei der Chemie-Katastrophe in Leverkusen in die Luft gelangt sein soll*. Die Folgen in Italien waren dramatisch. Wohngebiete wurden evakuiert, Schwangeren zur Abtreibung geraten. Erst sechs Jahre später war die Beseitigung der Schäden abgeschlossen.

Leverkusen: Dioxine aus Explosion in Chempark müssen analysiert werden

Ob die Situation in Leverkusen ähnlich ist, ist derzeit noch völlig unklar. Grundsätzlich sei es laut dem nordrhein-westfälischen Landesumweltamt (LANUV) so, dass Dioxine bei jedem Brand in mehr oder weniger hohen Konzentrationen entstünden. Wie hoch die vorhandenen Rückstände mit diesen Substanzen belastet sind, werde sich erst nach der aufwendigen Auswertung zeigen.

In der NRW-Stadt haben inzwischen die Aufräum- und Bergungsarbeiten begonnen. Keine großen Hoffnungen gibt es indes für die fünf als vermisst geltende Mitarbeiter der Chempark-Betreiberfirma Currenta. Zwei Menschen wurden bereits tot geborgen.

NRW-Landesumweltamt analysiert Stoffe, die nach Explosion freigesetzt wurden

Das nordrhein-westfälische Landesumweltamt arbeitet unterdessen weiter an einer Analyse der Stoffe, die mit der Rauchwolke nach der Explosion in die umliegenden Wohngebiete getragen wurden. „Bislang liegen aus diesen Untersuchungen noch keine Ergebnisse vor“, hatte das Umweltamt am Mittwochabend (28. Juli) betont. Ergebnisse seien erst Ende der Woche zu erwarten.

Die Rauchwolke nach der Explosion in Leverkusen zog auch in Richtung Ruhrgebiet. In Dortmund löste die Warn-App NINA aus.

Dioxin-, PCB- und Furanverbindungen, so das Amt, seien laut ersten Einschätzungen freigesetzt worden. Laut Currenta sei nun „entscheidend“, wie hoch die Konzentration dieser Stoffe sei, die in die Luft abgegeben worden ist.

Leverkusen-Katastrophe: Bevölkerung in NRW nach Explosion gewarnt

Die Bevölkerung rund um das Chemiewerk in Leverkusen ist indes gewarnt. Die Stadt empfahl ihren Einwohnern bis zu einer abschließenden Klärung unter anderem, kein Obst oder Gemüse aus dem Garten zu essen, auf dem sich Partikel abgelagert hatten. Auch sollte der Ruß nicht in die Wohnungen getragen werden. Wer dringend im Garten arbeiten müsse, sollte dabei vorsorglich Handschuhe tragen. mit dpa-Material. *RUHR24 ist Teil des Redaktionsnetzwerks von IPPEN-MEDIA.

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