Allein mit 17 Kindern

Desaströse Situation in NRW-Kitas: Personal schlägt Alarm

In den Kitas von NRW fehlt Personal. Dramatisch viel Personal. Die Erzieher bringt der Fachkräftemangel an ihre Grenzen. Auf Wünsche der Kinder einzugehen, ist kaum noch möglich.

NRW – Die Lage in den Kitas in NRW scheint dramatisch. Viele Erzieher sehen sich im Joballtag an ihrer Belastungsgrenze, ihren eigenen Ansprüchen an eine gelungene pädagogische Arbeit werden sie kaum noch gerecht. Die Befragung von tausenden Mitarbeitern ergibt laut der Gewerkschaft Verdi eine desaströse Situation: rund jeder zweite Befragte gibt an, dass für einen reibungslosen Betrieb in seiner Kita rund drei bis fünf Mitarbeiter fehlen.

GewerkschaftVerdi
BerufsgruppenDienstleistungsgewerkschaft
SitzBerlin

Kitas in NRW: Ein Erzieher für mehr als ein Dutzend Kinder – Wünsche der Kinder kommen zu kurz

Insgesamt fehlen laut Verdi in ganz Deutschland 173.000 Fachkräfte in den Kitas. Für die verbleibenden Mitarbeiter in den Einrichtungen bedeutet das eine kaum zu beziffernde Mehrbelastung. Das hat eine bundesweite Befragung von 19.000 Beschäftigten ergeben, die Verdi in einem Zeitraum von fünf Wochen in Kitas und online durchführte. Rund 4000 Befragte kamen aus NRW.

Dabei geben viele Erzieher an, mit der vorherrschenden Arbeitssituation nicht zufrieden zu sein. Besonders ihren eigenen Ansprüchen an eine gelungene pädagogische Arbeit werden viele nicht mehr gerecht.

Unter den gegebenen Umständen überrascht das kaum. Denn wenn eine Erzieherin mitunter für mehr als ein Dutzend Kinder gleichzeitig da sein muss, bleibt für jedes Einzelne nur noch wenig Zeit. Erst recht keine Aufmerksamkeit – 42 Prozent der Befragten in NRW gaben an, dass sie zeitweise für 17 und mehr Kinder am Tag gleichzeitig verantwortlich seien, 6 Prozent waren sogar für mehr als 28 Kinder zuständig.

Kitas in NRW: Erzieher an der Belastungsgrenze – Personalmangel lässt Unzufriedenheit wachsen

Dabei liegt es kaum am Engagement der Erzieher, wenn aus einem pädagogischen Auftrag, den sie eigentlich haben, schnödes „Kinder hüten“ wird. Doch für viele Mitarbeiter in den Kitas von NRW scheint sich der Alltag genau so zu gestalten – es bleibt häufig nur noch Zeit für das Allernötigste: 46 Prozent der Befragten in NRW gaben an, dass besonders die Wünsche und Bedürfnisse derjenigen, um die es eigentlich geht – den Kindern – im Kita-Alltag kaum noch genug Platz zu finden.

Spielen, toben, lernen? Der Personalmangel in NRW-Kitas ist groß, manches pädagogische Angebot bleibt auf der Strecke.

Besonders in der zurückliegenden Zeit, unter den veränderten Betreuungsbedingungen während der Corona-Pandemie, verschärfte sich die Situation in den Kitas zusätzlich. Wie in vielen anderen sozialen Bereichen wirkte die Pandemie wie ein Brennglas für bestehende Probleme. Und so berichtet die WAZ bereits im Dezember vergangenen Jahres von einer Kita mitten im Ruhrgebiet, in der Erzieher am Rande der Erschöpfung durch die Pandemie taumelten (mehr News aus dem Ruhrgebiet auf RUHR24).

NRW: Kita-Mitarbeiter brauchen Entlastung – mehr Personal dringend nötig

Auch dort kam es vor, dass eine Erzieherin allein mit 19 Kindern dasaß. „Das ist schlimm“, betont einer der Erzieherinnen aus der Wittener Kita. Auch die Mitarbeiter dieser Kita mussten einsehen, dass an pädagogische Arbeit unter den damals gegebenen Umständen nicht mehr zu denken war. „Es ist eben mehr, als einfach nur ein bisschen spielen“, betont auch die Leitung der Wittener Kita, Sabine Jungermann.

Bei der Verdi-Befragung gaben fast 60 Prozent der Teilnehmer an, dass sie ihren eigenen pädagogischen Ansprüchen im Alltag nicht immer gerecht werden können. Dabei gibt es auch für Kitas in NRW Bildungspläne – doch die darin vorgesehene frühkindliche Bildung kommt aktuell offenbar deutlich zu kurz.

Abgesehen davon, dass die Corona-Regeln in den Kitas zumindest für den Sommer etwas gelockert werden konnten, hat sich seit Dezember an der Situation nicht viel geändert, insbesondere nicht an der Personalnot. „Dieses Ergebnis ist traurig und dramatisch zugleich“, sagt Marlene Seckler von der Projektstelle Sozial- und Erziehungsdienst bei Verdi.

Die Situation müsse für alle dringend verbessert werden: „Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass die Kolleginnen und Kollegen dringend entlastet werden müssen. Nur mit mehr Personal können sie gute Arbeit leisten.“ Die Verdi-Befragung soll bis September durch die Hochschule Fulda wissenschaftlich ausgewertet und anschließend ausführlich vorgestellt werden.

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