Verrohung der Gesellschaft

Mafia-Hetze und Drohungen gegen Frau und Kinder: NRW-Bürgermeister will nicht mehr

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Bürgermeister will nicht mehr - Drohungen waren zu viel

Nach vermehrten Drohungen gegen die Familie des Bürgermeisters von Kerpen (NRW) will Dieter Spürck nicht erneut antreten. Auch andere Politiker sind betroffen.

  • Schrammen am Auto und Drohungen gegen die Familie sind für einen Bürgermeister zu viel.
  • Der Bürgermeister von Kerpen möchte bei der nächsten Wahl nicht antreten.
  • Drohungen gegen Kommunalpolitiker kommen immer häufiger vor.

Kerpen - Schrammen am Auto, die Drohung, die Mafia auf ihn anzusetzen und wiederholte Drohungen gegen seine Familie - das ist zu viel für den Bürgermeister von Kerpen (NRW). Dieter Spürck (CDU) will nicht erneut für das Amt kandidieren.

Bürgermeister von Kerpen - Drohungen gegen Frau und Kinder

Im Gespräch mit dem Kölner Stadt-Anzeiger und der Kölnischen Rundschau spricht der derzeitige Bürgermeister davon, dass die zunehmende Verrohung der Gesellschaft ein tragbares Berufsrisiko für ihn sei. "Aber nicht für meine Frau und meine Kinder", erzählt er im Interview.

Die Drohungen kamen von beiden Seiten: Einerseits wurde dem 53-Jährigen gedroht, würde er sich nicht mehr für den Hambacher Forst einsetzen, würden es seine Kinder zu spüren bekommen. Der umkämpfte Hambacher Forst liegt teilweise auf dem Gebiet der Stadt Kerpen. Und auch Gegner der Flüchtlingspolitik hätten ihm gedroht, dass wenn nur einem Kind in Kerpen etwas geschehen würde, werde es den Kindern des Bürgermeisters ebenfalls so ergehen.

Mafia-Drohungen gegen Bürgermeister und Schrammen am Auto

"Es gab Ankündigungen, mir die Mafia auf den Hals zu hetzen oder sich bei mir zu Hause einzuquartieren. Einmal ist mir ein Auto langsam gefolgt, als ich zu Fuß von einem Termin wegging", sagt der Bürgermeister der rheinischen Stadt Kerpen im Interview. Außerdem soll er vermehrt Schrammen am Auto gefunden haben. 

Dieter Spürck (CDU) berichtet außerdem davon, dass Unbekannte vor seiner Haustür die Luft aus seinem Autoreifen gelassen hätten. Beim Amtsantritt hätte er die Beeinträchtigung seines Privatlebens nicht einschätzen können. 

Bürgermeister fühlt sich nicht sicher und beantragt Waffenschein

Als Reaktion auf das Bürgermeister-Interview twitterte die SPD-Vorsitzende Saskia Esken: "Wir dürfen nicht zulassen, dass sich hier ein Klima aus Hass und Angst breit macht. Ob gegen Politik, Medien, Staat, ob gegen Minderheiten oder Andersdenkende - gewalttätiger Hass muss bestraft werden!"

Eine bundesweite Debatte um die Sicherheit von Kommunalpolitikern löste erst kürzlich der Bürgermeister von Kamp-Lintfort, Christoph Landscheidt (SPD), aus. Nach der Bedrohung aus der rechten Szene, hatte er angekündigt, einen Waffenschein beantragen zu wollen.

Lügde-Bürgermeister Heinz Reker tritt nicht erneut an

Auch ein anderer Bürgermeister in NRW möchte bei der nächsten Kommunalwahl nicht erneut antreten. Heinz Reker (66), der parteilose Bürgermeister der Stadt Lügde, geht im Oktober 2020 im Alter von 67 in Rente, das sagte er gegenüber dem Westfalenblatt

Der im vergangenen Jahr öffentlich gewordene Missbrauchsfall auf einem Campingplatz in Lügde habe dem derzeitigen Bürgermeister mehr Kraft gekostet als erwartet. "Dass es nichts gab, was die mit den Mädchen nicht gemacht haben - das hat mich fertiggemacht", sagte der 66-Jährige gegenüber der Zeitung. 

Die schlimmen Vorfälle hätte er nicht nur abends mit in den Schlaf genommen. Auch, dass die Stadt in Sippenhaft genommen wurde, hat Spuren hinterlassen. Die Leute wussten ja nicht, "dass wir in Lügde kein Jugendamt haben und dass ich auch nicht der Chef der Polizei bin", sagte der Bürgermeister gegenüber dem Westfalenblatt und berichtet von Hassmails und Bedrohungen.

Video: Lügde und Bergisch Gladbach - gibt es einen Zusammenhang?

In dem Fall Lügde geht es um jahrelangen schweren Kindesmissbrauch. Im September hat das Landgericht Detmold zwei Angeklagte zu Freiheitsstrafen von 12 und 13 Jahren verurteilt. Außerdem wurde eine anschließende Sicherheitsverwahrung angeordnet.

Allerdings betont der derzeitige Lügde-Bürgermeister, dass der Missbrauchsskandal nicht der Grund dafür sei, dass er nicht erneut antreten möchte. Wegen seines Alters hätte er ohnehin aufgehört.