Kein Hochinzidenzgebiet mehr

Corona-Zahlen in Holland plötzlich im Sinkflug: NRW kann sich Beispiel daran nehmen

Nachdem die Corona-Infektionen in Holland zuletzt rasant angestiegen waren und das NRW-Nachbarland sogar zum Hochinzidenzgebiet erklärt wurde, sinken die Zahlen nun überraschend. Warum?

Holland/NRW – Mit einer Inzidenz von über 400 entwickelte sich Holland im Juli zum echten Corona-Hotspot in Europa. Nur Großbritannien toppte diesen Wert mit einer Inzidenz von 492,1. Am 27. Juli wurde Holland wegen seiner besonders hohen Infektionszahlen zum Hochinzidenzgebiet erklärt, wodurch sich die Einreiseregeln für Holland-Urlauber drastisch verschärften. Doch nun scheint sich das Blatt zu wenden. Die Inzidenz ist zuletzt drastisch gesunken und das ganz ohne Lockdown.

LandHolland
Bevölkerung17 Millionen
HauptstadtAmsterdam

Holland: Lockerung sämtlicher Corona-Regeln Ende Juni hatte enorme Folgen

Keine Masken, keine Abstände und ganz viel Party: Hollands Premier Mark Rutte hatte Ende Juni den Lockdown in den Niederlanden für beendet erklärt. Sämtliche Maßnahmen wurden vollständig aufgehoben: Nachtclubs durften öffnen und sogar Festivals konnten stattfinden. Doch die Lockerungsmaßnahmen blieben nicht lange ohne Folgen:

Mitte Juli lag die Sieben-Tage-Inzidenz im Nachbarland bei über 400. Zunächst folgte eine Einstufung als Risikogebiet, dann als Hochinzidenzgebiet. Mit der neuen Einstufung verschärften sich auch die Einreise-Regeln für Holland-Urlauber: Nicht-Geimpfte und Nicht-Genesene mussten nach der Rückkehr in Quarantäne. Das ist nun dank sinkender Infektionszahlen passé.

Inzidenz in Holland sinkt rapide, nachdem sie im Juni und Juli extrem angestiegen war

Seit Sonntag (8. August) gilt Holland nicht mehr als Hochrisikogebiet. Bei der Einreise ist für Personen ab zwölf Jahren nur noch ein Impf-, Test- oder Genesenennachweis nötig. Eine Anmeldepflicht via digitaler Einreiseanmeldung und eine Quarantäne ist nicht mehr erforderlich. Trotzdem müssen Urlauber noch immer ein paar Corona-Regeln beachten, wenn sie nach Holland reisen wollen.

Aber warum sind die Infektionszahlen so plötzlich wieder gesunken, nachdem sie vorab extrem angestiegen waren? Der Grund dafür ist, dass die Regierung kurzerhand die Notbremse gezogen hat. Mitte Juli entschuldigten sich Premier Rutte und Gesundheitsminister Hugo de Jonge für ihre voreilige Entscheidung, sämtliche Corona-Maßnahmen zu lockern und räumten ein, einen „Einschätzungsfehler“ gemacht zu haben.

Corona-Notbremse in Holland: Schließungen von Clubs führen zu sinkenden Infektionszahlen

Im Juli mussten deshalb wieder die Diskotheken schließen, Festivals waren ab sofort verboten und in der Gastronomie wurde ab 0 Uhr wieder eine Sperrstunde eingeführt. Und das löste offenbar die Wende bei den Infektionszahlen aus, analysiert das Institut für Gesundheit und Umwelt RIVM.

Während der Lockerungen hätten sich vor allem jüngere Menschen angesteckt: Clubs, Discos und Studenten-Partys waren in fast 40 Prozent der Fälle die Quelle der Ansteckung. Durch die Schließung der Discos seien die Ansteckungen bei den 18- bis 24-Jährigen extrem zurückgegangen, heißt es vonseiten der RIVM-Analysten (mehr Updates zur Corona-Lage in den Niederlanden bei RUHR24).

Mehrheit der Holländer will nach Inzidenz-Anstieg nur noch langsame Lockerungen

Die Sieben-Tage-Inzidenz ist zuletzt immer stärker gesunken. Aktuell liegt sie bei 112,5 (Stand 10. August). 2.754 Menschen haben sich in den vergangenen sieben Tagen im Schnitt mit dem Coronavirus infiziert. Der Höchststand war am 12. Juli mit knapp 12.000 Neuinfektionen erreicht worden.

Ein anderer Grund für die rückläufigen Infektionszahlen ist die gut voranschreitende Impfkampagne in den Niederlanden: Fast zehn Millionen der 17 Millionen Einwohner sind vollständig geimpft. Wie es nun weitergehen soll, will die Regierung am 13. August entscheiden. Die Mehrheit sprach sich in einer jüngsten Umfrage dafür aus, Corona-Regeln nur langsam zu lockern. Jeder Dritte will sogar wieder eine Maskenpflicht einführen.

NRW: Impfquote bei den unter 18-Jährigen vergleichsweise niedrig

In Nordrhein-Westfalen sind derzeit 65,9 Prozent der Bevölkerung einmal gegen Corona geimpft. 57, 1 Prozent haben mittlerweile einen vollständigen Schutz und sind zweifach geimpft. Damit liegt das Bundesland im bundesweiten Vergleich über dem Durchschnitt.

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts ist der größte Anteil an geimpften Personen bei den über 60-Jährigen: Von ihnen sind derzeit 89,1 Prozent mindestens einmal gegen Corona geimpft. Bei den 18 bis 59-Jährigen sind es 66,9 Prozent und bei den 12- bis 17-Jährigen gerade mal 25 Prozent.

In Deutschland sind viele 12 bis 17-Jährige noch nicht geimpft.

Kinder und Jugendliche sollen sich laut Stiko nur unter bestimmten Bedingungen impfen lassen

Der Grund für den vergleichsweise geringen Anteil an jugendlichen Geimpften ist, dass lange Zeit nicht ausreichend Impfstoff zur Verfügung stand: Erst waren besonders alte Menschen dran, dann Personen mit besonderen Vorerkrankungen und schließlich Angehörige aus Berufen mit kritischer Infrastruktur, wie etwa dem Lebensmitteleinzelhandel. Erst seit Kurzem gibt es genug Impfstoff, damit sich auch Kinder und Jugendliche impfen lassen können (mehr Nachrichten zum Coronavirus in NRW auf RUHR24).

Dazu kommt, dass die Ständige Impfkommission (Stiko) den Corona-Impfstoff nicht für alle Personen unter 18 empfiehlt: Lediglich für solche mit Vorerkrankungen, erhöhtem Ansteckungsrisiko oder Kinder und Jugendliche, im Umfeld von Personen, die sich nicht selbst schützen können. Zum Beispiel Schwangere.

Ungeimpfte Jugendliche können Coronavirus weitergeben – Öffnungen in NRW wie in Holland verschieben?

Das Problem: Als Ungeimpfte können Kinder und Jugendliche das Coronavirus viel einfacher weitergeben als Geimpfte. Und bald gehen wieder die Schulen los. Außerdem dürfen bei einer Inzidenz von unter 35 ab dem 27. August auch die Innenbereiche der Clubs wieder öffnen. Zum Teil ist der Einlass schon für Personen ab 16 Jahren erlaubt, die bis dahin möglicherweise noch nicht geimpft sind.

Vorschnelle Öffnungsschritte wie in den Niederlanden zeigen, wie rasant sich das Infektionsgeschehen ändern kann. Eine anhaltende Schließung der Clubs und Diskotheken über den 27. August hinaus könnte sich auch in Deutschland als sinnvoll erweisen – zumindest so lange, bis mehr Jugendliche geimpft sind.

Rubriklistenbild: © Friso Gentsch/dpa, Bernd Thissen/dpa; Collage: RUHR24