Kommentar

Der harte Lockdown muss jetzt kommen – ein Kommentar, nein, eine Wutrede 

Zu Zeiten des Lockdowns waren die Bahnhöfe meistens leer. Mittlerweile sind viele wieder trotz Coronavirus auf die Bahn angewiesen. 
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Zu Zeiten des Lockdowns waren die Bahnhöfe meistens leer. Mittlerweile sind viele wieder trotz Coronavirus auf die Bahn angewiesen. 

Es darf nicht noch länger gewartet werden. Der Lockdown muss jetzt kommen - findet unsere Redakteurin. Ein Kommentar.

NRW – 590 Menschen am Tag – so viele sterben derzeit an oder mit dem Coronavirus. Das sind Omas, Uropas, Ehemänner, Mütter oder auch nur einfach die liebe Nachbarin, die immer unsere Pakete entgegen genommen hat. 

VirusSars-Cov-2/Coronavirus
Infizierte gesamt seit Ausbruch der Pandemie1.272.078 (Stand 11. Dez.)
7-Tages-Inzidenz aktuell156 (Stand 11. Dez.)

Das Warten auf den Lockdown im Kampf gegen Corona kostet Menschenleben

Doch es scheint, als habe sich der Rest der gesunden Gesellschaft längst an solche Nachrichten gewöhnt. Corona halt... 590 Menschen! An einem Tag! Das ist, wie vor Kurzem der Direktor der Klinik für Anästhesiologie der Uniklinik Köln dem Spiegel erklärte, als wenn ein Jumbojet abstürzt und die Insassen sterben.

„Flugzeug stürzt über Deutschland ab - nur wenige Überlebende“ würden die Medien titeln und ein „oh wie schrecklich“-Raunen würde durch die Gesellschaft ziehen. 

Es würden Forderungen laut nach mehr Sicherheit, nach besseren Kontrollen. Und tatsächlich gibt es die auch in Bezug auf das Coronavirus, allerdings werden diese Stimmen erst allmählich etwas lauter: Weihnachtsferien vorziehen, Ferien verlängern, Lockdown nach Weihnachten, Lockdown ab dem 20. Dezember. 

Die härteste Forderung derzeit ist also der Lockdown ab dem 20. Dezember – er kommt aus dem Corona-Hotspot Berlin. Doch warum erst dann? Warum nicht jetzt? In NRW – so hieß es bislang – soll der Lockdown, wenn überhaupt ja erst nach Weihnachten kommen. Warum? 

Corona: Infektionszahlen hoch wie nie - doch der Lockdown wartet Weihnachten ab

Schon jetzt sind die Corona-Infektionszahlen irre hoch. Schon jetzt sterben täglich hunderte Menschen. Wann hören wir also endlich auf, das Leben unserer Lieben – oder auch unserer Nachbarn, Erzieher, Lehrer, Krankenpfleger und Ärzte, mit dem Weihnachtsgeschäft, welches nicht verloren gehen darf, gleichzusetzen. 

Warum sind die Sorgen um unseren Job so viel größer, als die Sorgen um die Gesundheit unserer Kinder, Eltern oder Großeltern? 

Dabei geht es gar nicht nur um den Worst-Case, um den Tod. Doch wie schön ist es denn, nur noch mit Atemnot, ständig Müde, Herzrasen oder mit einer der anderen Spätfolgen von Corona arbeitsunfähig durchs Leben zu taumeln? 

Der Lockdown-light, die Lockerungen an Weihnachten - das alles führt dazu, dass die Corona-Pandemie kein Ende nimmt. Ein herumdümpeln. Und damit stecken manche Berufsgruppen permanent in ihrem ganz persönlichen Lockdown fest: Theatertreibende, Kinobetreiber, Musiker – sie alle haben längst ihre berufliche, ihre wirtschaftliche Perspektive verloren. Weil der Rest der Gesellschaft keinen echten Lockdown für drei oder vier Wochen verkraftet, hängen sie nunmehr seit März dieses Jahres in einem fortwährenden Lockdown fest, der allerdings nur sie betrifft. 

Corona fordert nur nicht einfach nur die Leben, die sich dem Ende zuneigten

Dabei gibt es doch die Hardliner die behaupten: Alle die an Corona sterben, waren doch eh am Ende ihrer Tage angekommen. Wie lange hätte die 80-Jährige denn noch gelebt? Auf die paar Tage kommt es doch nicht an. 

Mal ganz davon ab, das eine 80-Jährige heute noch eine Lebenserwartung von rund 6 Jahren hat – Jahre, die sie mit ihren Kindern, Enkelkindern oder sogar Urenkeln beim Kuchen backen oder Vorlesen verbringen könnte, könnte man dieses Hardliner-Beispiel doch auch mal auf die Wirtschaft übertragen. 

Eine Firma, die einen Lockdown von drei Wochen nicht übersteht – war die nicht eh schon alt und kränklich, am Ende ihrer Tage angekommen? Müsste ein gesundes, auf soliden Beinen stehendes Unternehmen einen Lockdown von drei Wochen nicht irgendwie überstehen zu können? 

Lockdown jetzt

Ich bin weder Epidemiologin, noch Infektiologin, weder Statistikerin, noch Politikerin. Aber mich lässt folgendes Gedankenspiel nicht los: Wenn wir im November, als die Zahlen anfingen die, Experten zu alarmieren anders verfahren hätten. Wenn wir das Leben und die Gesundheit der Menschen nicht der Wirtschaft hinten angestellt hätten und drei Wochen in den harten Lockdown gegangen wären. Dann lägen wir jetzt vermutlich auf einem Infektionsniveau, mit dem es sich ganz gut im Lockdown-light bis zum Frühjahr weiterleben ließe. 

Mit der derzeitigen Situation funktioniert der Lockdown light allerdings nicht. Wenn das Uniklinikum Essen, der größte Klinikverbund im Ruhrgebiet, schon jetzt davor warnt, dass es an seine Grenze gelangt, dann können wir nicht mehr so weitermachen wie bisher. Auch nicht bis Weihnachten. 

Die Zahlen sind jetzt alarmierend. Also brauchen wir jetzt einen Lockdown. Und zwar nicht light, sondern tight. Um endlich mal wieder auf Spur zu kommen.  

Dieser Kommentar entspricht der Meinung der Autorin und muss nicht unbedingt die Ansicht der gesamten Redaktion widerspiegeln.

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