Miserable Arbeitsbedingungen

Fleischindustrie nach Corona-Ausbruch auf dem Prüfstand: "Wohnverhältnisse müssen menschenwürdig werden"

Zuletzt war es der heftige Ausbruch des Coronavirus bei Tönnies, der die Aufmerksamkeit auf die Missstände in der Fleischindustrie lenkte. Doch es ist ein branchenweites Problem. Jetzt soll ein Plan für Arbeitsschutz des Umweltministeriums die miserablen Bedingungen richten.

  • Missstände in der Fleischindustrie werden für den heftigen Ausbruch des Coronavirus bei Tönnies verantwortlich gemacht.
  • Jetzt sollen Arbeitsbedingungen und Gesundheitsschutz, aber auch das Tierwohl verbessert werden.
  • NRW und Niedersachsen erarbeiteten dazu einen gemeinsamen Zehn-Punkte-Plan.

NRW - Mehr Tierwohl in Ställen, höhere Sozialstandards in Schlachtbetrieben, Preiswahrheit im Handel und verantwortungsvolle Verbraucher - nicht weniger als das ist vonnöten, um der Fleischindustrie einen Neustart zu ermöglichen. Einen Neustart, der auch das Vertrauen in die derzeit schwer angeschlagen Branche zurückbringen soll.

Unternehmen

Tönnies Holding

Zentrale

Rheda-Wiedenbrück

Leitung

Clemens Tönnies

Mitarbeiter

ca. 9000 (2018)

Es war wie ein Paukenschlag: Tausende Menschen im Kreis Gütersloh infizierten sich in den vergangenen Wochen neu mit dem Coronavirus. Die bereits niedergerungen geglaubte Pandemie in Deutschland flammte wieder auf - im Zentrum des Infektionsherdes stand niemand weniger als der Branchenriese Tönnies. Etliche Supermärkte, darunter Lidl und Aldi, haben bereits angekündigt, die Zusammenarbeit mit dem Betrieb stoppen oder einschränken zu wollen.

Tönnies/Fleischindustrie: Schlachten und Zerlegen am Fließband

In keinem anderen Schlachtbetrieb in Deutschland werden mehr Schweine geschlachtet und zerlegt als vom Marktführer Tönnies. Laut agrarheute schlachtet das Unternehmen nahezu jedes dritte deutsche Schwein. 

Die Massenabfertigung der Tiere erfolgt in den Fabriken im Akkord: Am Fließband stehen die Arbeiter nah beieinander. Doch näher zueinander rücken die Schlachter und Fleischzerleger in ihrem Feierabend, wenn sie in die engen Wohnungen zurückkehren, die die Firma für sie bereitstellt.

Werkverträge bei Tönnies: Kaum Stammbelegschaft in Fleischindustrie

Denn wie in der Fleischindustrie offenbar gängig, arbeiten viele Beschäftigte von Werkvertragsunternehmen in den Schlacht- und Zerlegebetrieben. Die Arbeiter stammen oftmals aus Rumänien oder Bulgarien. Beschäftigte, die teilweise in "unwürdigen Verhältnissen leben und arbeiten", heißt es in einer Mitteilung des Umweltministeriums NRW

Und so reichte womöglich ein einzelner, infizierter Mitarbeiter bei Tönnies um eine ganze Region in den Lockdown zurückzuversetzen. Alle Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit in NRW lag plötzlich auf dem Fleischfabrikanten. Dabei ist es nicht die Firma Tönnies allein, die so oder so ähnlich handelt. Ausbrüche bei Westfleisch, Wiesenhof oder bei einem Hersteller für Dönerfleisch zeigen: Die gesamte Branche ist betroffen. 

Umweltministerin: Fleischindustrie im Kampf um den günstigsten Preis

Dementsprechend spricht das Umweltministerium in NRW auch von "Missständen bei der Unterbringung und den Arbeitsbedingungen von Beschäftigten in der Schlacht- und Zerlegebranche". Es ist also die gesamte Branche, die durch den nun vorgelegten Zehn-Punkte-Plan erneuert werden soll - nicht nur eine einzelne Firma.

Aktuell ist in erster Linie die Schweinehaltung betroffen. Es ist die beliebteste Fleischsorte der Deutschen und in Supermärkten meist überaus günstig zu haben. Zu Günstig! Verbraucher, die solch' günstigen Preise fordern, sind vermutlich nicht ganz unschuldig an dem Skandal (ein Kommentar dazu auf RUHR24.de).

Tierwohl und faire Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie

So fordert Bundesernährungsministerin Julia Klöckner in einem Gespräch mit den Landwirtschaftsministerinnen aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen zur Zukunft der Fleischbranche: "Wir brauchen bessere Preise für Fleisch! Preise, die möglich machen: eine Haltung im Stall mit mehr Tierwohl, möglichst kurze Transportzeiten, faire Arbeitsbedingungen und vor allem ein nachhaltiges Einkommen für unsere Bauern."

Schweinehälften passieren ein Kontrollterminal in einem Schlachthof. Der Arbeitsschutz in Schlachthöfen ist verbesserungswürdig.

Das Ringen um den günstigsten Preis falle am Ende auf die Landwirte und Tiere zurück, so NRW-Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser. Gleichzeitig bewegen die Arbeits- und Landwirtschaftsminister der beiden Länder aber auch die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten in der Branche. Denn das billige Schweinefleisch sorgt auch hier für ziemlich miserable Bedingungen.

Plan für Fleischindustrie: Wohnverhältnisse verbessern und Verantwortung übernehmen

So haben die Arbeits- und Landwirtschaftsminister der von dieser Entwicklung besonders betroffenen Länder Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen das Zehn-Punkte-Papier gemeinsam auf den Weg gebracht. Es soll konkrete Vorschläge für einen Systemwechsel in der Branche und klare rechtliche Vorgaben beinhalten.

Zentrale Punkte des Plans sehen zum Beispiel vor, die Wohnverhältnisse der Beschäftigten zu verbessern. Auch das Schlachten und die Zerlegung des Fleisches soll ab 2021 nur noch durch Arbeitnehmer des eigenen Betriebes erlaubt sein. Werksunternehmen, auf die die Verantwortung für die Arbeiter zuletzt oft übertragen wurde, wären somit außen vor.

Unwürdige Verhältnisse für Arbeiter in der Fleischindustrie

Dazu erklärt NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU): "Zu lange hat für einige Betriebe eine organisierte Verantwortungslosigkeit gegolten. Zu lange ist der Gesundheits- und Arbeitsschutz der Beschäftigten von Werkvertragsunternehmen in der Fleischindustrie nicht ernst genug genommen worden."

Der Politiker geht sogar so weit, von unwürdigen Verhältnissen zu sprechen, in denen die Beschäftigten lebten und arbeiteten. Nur absolute Transparenz könne jetzt das verloren gegangene Vertrauen in die Fleischindustrie wieder herstellen. Der Discounter Aldi warnt jetzt sogar davor, Fleisch zu kaufen.

Klare rechtliche Rahmenbedingungen für Fleischindustrie gefordert

"Die Unternehmen der Schlachtbranche tragen eine große Verantwortung - und zwar auch für ihre Beschäftigten", erklärt zudem Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast. Dafür brauche es konkrete rechtliche Vorgaben und klare Rahmenbedingungen.

Und das sieht der Zehn-Punkt-Plan vor: 

  • Geschäftsmodell von intransparenten Werkvertragsgestaltungen und Subunternehmerstrukturen soll beendet werden.
  • Auch in der Fleischindustrie soll zukünftig gelten: gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Ungerechtfertigt hohe, pauschale Abzüge für beispielsweise die Unterbringung darf es nicht mehr geben.
  • Arbeitszeiten müssen elektronisch erfasst werden, damit Arbeitszeitregeln nicht missachtet werden können.

Fleischindustrie: Hygienstandards müssen verbessert werden

  • Verbesserung der Hygienestandards, die auch spezielle Filteranlagen umfassen, sowie verpflichtende, regelmäßige Corona-Tests.
  • Für Werkvertragsarbeiter muss jedes Unternehmen ein Melderegister führen.
  • Die Unterbringung in hygienekritischen und sanierungsbedürftigem Wohnraum zu völlig überteuerten Preisen muss ein Ende haben.
  • Schärfere und häufigere Kontrollen, die auch für die Wohnverhältnisse der Arbeiter gelten.

Bußgelder für Fleischindustrie sollen erhöht werden

  • Abgestimmtes Vorgehen von Arbeitsschutz, Zoll, Gesundheitsämtern und Veterinärbehörde für effektive Kontrollen.
  • Bußgelder für rechtswidrige Zustände sollen deutlich erhöht werden.

Neben den großen Zukunftsplänen für die Fleischbranche bewegte die Landwirtschaftsministerinnen bei ihrem Treffen aber auch ein ganz akutes Problem, das gelöst werden will: Denn durch die vielen geschlossenen Schlachthöfe verblieben viele schlachtreife Tiere in ihren Ställen und würden einfach nicht abgeholt. Doch wohin mit dem ganzen Schlachtvieh, während täglich neue Ferkel in den Aufzuchtbetrieben angeliefert werden?

Rubriklistenbild: © Federico Gambarini/dpa