Lieferdienst in der Kritik

Flaschenpost: Mitarbeiter bekommt Abmahnung – das Netz tobt

Flaschenpost Auto Getränke-Lieferdienst Münster
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Die Oetker-Gruppe hat Flaschenpost aufgekauft. Viele Mitarbeiter haben nun ihre Kündigung erhalten.

Das Unternehmen Flaschenpost aus Münster hat einen Mitarbeiter wegen einer minimalen Verspätung abgemahnt. Das Schreiben wurde öffentlich und sorgte für Aufregung.

Münster – Das klingt rekordverdächtig: Für eine Verspätung von nur zwei Minuten hat sich ein Mitarbeiter des Lieferdienstes Flaschenpost aus Münster (NRW) eine Abmahnung eingefangen. Er machte den Fall am Wochenende öffentlich und löste so einen Shitstorm aus. Jetzt regierte das Unternehmen.

UnternehmenFlaschenpost
SitzMünster, NRW
Mitarbeiterca. 8.000

Flaschenpost mahnt Mitarbeiter für Verspätung ab – und erntet Shitstorm auf Twitter

Was war passiert? Ein Mitarbeiter des Bringdienstes Flaschenpost ist Anfang vergangener Woche offenbar ein wenig zu spät zur Arbeit erschienen. Um genau zu sein: zwei Minuten zu spät. Am Donnerstag (17. Juni) bekam er dafür eine Abmahnung.

In dem Schreiben, das am Wochenende auf Twitter öffentlich gemacht wurde, steht: „Sie waren zu einer Schicht um 14:00 Uhr eingeteilt. An diesem Tag sind Sie jedoch erst gegen 14:02 Uhr zur Arbeit erschienen und waren damit 2 Minuten zu spät.“

Darin sehe das Unternehmen einen Verstoß gegen die arbeitsvertraglichen Pflichten, steht in der Abmahnung. Sollte das wiederholt vorkommen, droht Flaschenpost dem Mann zudem eine fristlose Kündigung an. Das ist jedoch typisch für Abmahnungen. Zudem landet die Abmahnung in der Personalakte.

Flaschenpost-Mitarbeiter macht Abmahnung auf Twitter öffentlich

Auf Twitter macht der offenbar bei Flaschenpost angestellte Nutzer am Sonntagnachmittag (20. Juni) seinem Ärger Luft und veröffentlicht das geschwärzte Dokument. Ob es sich dabei wirklich um den Betroffenen handelt, ist unklar.

Er kommentiert die Abmahnung mit den Worten: „Falls sich jemand denkt: ‚Hey die Flaschenpost scheint gut zu wachsen und wirkt wie ein junges modernes Unternehmen, durch die Pandemie sind die Jobangebote begrenzt und die suchen Leute...‘ Lasst es, kenne keine*n der/die dort glücklich ist, da zu arbeiten.“

Der Beitrag wird am Wochenende über 1.300-mal retweetet. Darunter wird die Kritik – twitter-typisch – rasch größer und unflätiger. Neben weiteren Beispielen für ein angeblich schlechtes Arbeitsumfeld wird gar zum Boykott aufgerufen.

Flaschenpost zieht Abmahnung zurück: „Unglücklicher Vorfall“

Unsere Redaktion hat bei Flaschenpost nachgefragt, wie es zu der Abmahnung kam. Das Unternehmen antwortet schnell, schickt nach ein paar Stunden aber nur eine Standardantwort, die genau so bereits auf Facebook zu lesen ist.

Darin spricht Flaschenpost von einem „unglücklichen Vorfall, der so nie hätte passieren dürfen“. Nach interner Prüfung sei die Mahnung bereits am Montag (21. Juni) wieder zurückgenommen worden, man habe sich bei dem betroffenen Mitarbeiter entschuldigt. Sowas gehöre nicht zur Kultur von Flaschenpost.

Dennoch sei ein „pünktlicher Arbeitsbeginn als Lieferdienstunternehmen sehr wichtig, da sich alle Mitarbeitenden einer Schicht aufeinander verlassen können müssen“, schreibt das Unternehmen. Nur so könne man auch das Kundenversprechen einhalten: Getränkelieferung innerhalb von 120 Minuten nach der Bestellung.

Die Oetker-Gruppe hat Flaschenpost aufgekauft.

Flaschenpost aus Münster: Unternehmen bekommt über Twitter Wind von dem Shitstorm

Auf telefonische Nachfrage von RUHR24 spricht die Pressestelle anschließend von einem „Einzelfall“, räumt aber auch ein, dass es einen gewissen Kontext gebe. Wie genau es zu dem Vorfall kam und ob der abgemahnte Mitarbeiter bereits zuvor unpünktlich gewesen sei, könne man aus datenschutzrechtlichen Gründen jedoch nicht sagen.

Klar ist jedoch der Anlass für den Rückzieher: „Zwei Minuten Verspätung sind kein Grund für eine Abmahnung“, sagte Martin Neipp, Pressesprecher von Flaschenpost, gegenüber RUHR24. Hier habe es einen Fehler gegeben, auf den man selbst über die sozialen Netzwerke aufmerksam geworden sei (alle News aus NRW bei RUHR24).

Flaschenpost mahnt Mini-Verspätung an: Gericht nennt ähnlichen Fall „unverhältnismäßig“

In einem früheren Fall aus dem Jahr 2014 hatte ein Unternehmen eine Angestellte abgemahnt, weil sie 13 Minuten zu spät zur Arbeit erschienen war. Ein Gericht in Leipzig urteilte damals: Dies sei zwar ein Pflichtverstoß, eine Abmahnung sei jedoch unverhältnismäßig. Eine Ermahnung müsse in einem solchen Fall genügen. Kommt jemand regelmäßig zu spät, kann das jedoch anders aussehen.

Der Fall wirft jedoch erneut kein besonders gutes Licht auf das Unternehmen und die Lieferbranche als ganzes. Neben Flaschenpost soll auch Lieferando bereits gegen die Gründung von Betriebsräten vorgegangen sein.

Erst Anfang 2021 hatte Dr. Oetker das Unternehmen Flaschenpost übernommen. Hundert Mitarbeiter des Lieferdienstes „Durstexpress“ in Bochum hatte das den Job gekostet.