Kommentar

Promi-Diskussion im WDR über Soßen-Bezeichnung wird zum Desaster

Das WDR-Studio und eine Flasche Zigeuner-Soße.
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Was passiert, wenn fünf weiße privilegierte Menschen im WDR über Rassismus sprechen? Eine hanebüchene Diskussion entbrennt, meint RUHR24-Autorin Anna Quasdorf. Ein Kommentar.

Köln – Fünf weiße privilegierte Menschen sprechen über Rassismus im Alltag – finde den Fehler. Den scheint der WDR in der vergangenen Woche in der Talkshow „Die letzte Instanz“ nicht gefunden zu haben. Und so plauderten die Gäste Janine Kunze (46), Thomas Gottschalk (70), Micky Beisenherz (43) und Jürgen Milski (57) zusammen mit Moderator Steffen Hallaschka (49) in wunderbarster Stammtisch-Manier über ein Thema, bei dem sie anscheinend viel Gesprächsbedarf hatten: Darf man eine Zigeuner-Soße noch so nennen?

„Die letzte Instanz“ (WDR): Prominente Gäste wie Janine Kunze haben keine Ahnung von Rassismus

Ein für viele Menschen vielleicht albernes Thema, jedoch mit einem ernsten Hintergrund, denn: Auch Alltags-Rassismus ist Rassismus. Das Problem an dieser Runde ist jedoch, dass keiner der anwesenden Gäste im WDR auch nur einen sinnvollen Beitrag zu Rassismus liefern konnte, denn sie haben Rassismus noch nicht erlebt.

Dass hier keine Ahnung von der Thematik vorherrscht, zeigt ein Wortbeitrag von Janine Kunze. Die Schauspielerin habe bereits in der Vergangenheit viele Probleme in der Richtung gehabt – wegen ihrer größeren Oberweite. Sprüche auf dem Pausenhof tun weh, keine Frage. Und man sollte diesen Schmerz, den sie vielleicht auch heute noch spürt, nicht kleinreden.

Unfassbarer Vergleich von Janine Kunze in WDR-Talkshow „Die letzte Instanz“ mit Steffen Hallaschka

Nur sind Sprüche wegen einer größeren Oberweite etwas völlig anderes als systematischer Rassismus gegen Menschen einer (vermeintlich) anderen Herkunft oder mit einer nicht-weißen Hautfarbe. Sie vergleicht Äpfel mit Birnen. Gegen die Oberweite gehen keine Menschen auf die Straße, es werden keine Parteien gegen Oberweiten gebildet und auch Kunze muss nicht wegen ihrer Oberweite in Angst leben. Sie wird bei Bewerbungsgesprächen nicht wegen ihrer Oberweite abgewiesen oder auf der Straße bespuckt.

Janine Kunze ist Schauspielerin („Die Dreisten Drei“) und Werbegesicht. Aber auch in Talkshows, wie bei „Die letzte Instanz“ (WDR) ist sie ein gern gesehener Gast.

Eine Sache scheinen weder Janine Kunze, noch der Rest der Stammtisch-Gruppe im WDR bedacht zu haben: Sie sind Prominente und egal, weshalb sie in der Öffentlichkeit gelandet sind, sie haben eine Verantwortung und sind Vorbilder. Menschen sind Wesen, die es gerne einfach haben möchten. Viele arbeiten den ganzen Tag, kümmern sich dann noch um die Familie und die Haustiere. Hobbys müssen auch noch untergebracht werden.

Nicht nur im WDR: Prominente Menschen sind Vorbilder für viele Zuschauer

Das wirkliche Auseinandersetzen mit schwierigen Themen geht im stressigen Alltag einfach unter. Wenn man sich nun abends erschöpft auf dem Sofa eine Talkshow anschaut, und Menschen mit vermeintlich viel Ahnung sprechen hört, ist es einfach und bequem, deren Meinung anzunehmen.

Vor allem Thomas Gottschalk und Micky Beisenherz sind zwei Menschen, die in Deutschland oft gelobt werden. Sei es für ihre eigenen Moderationen oder ihre starke Meinung in Talkshows. Menschen orientieren sich an diesen Prominenten. Was Gottschalk, Beisenherz und Co. erläutern, wird ungefragt angenommen. Doch auch sie sind nicht perfekt. Und so kann es passieren, dass Alltags-Rassismus weitergetragen wird – in die Köpfe der nicht wenigen Zuschauer.

Diskussion im WDR um Zigeuner-Soße: Sprache befindet sich in einem ständigen Wandel

Der Tenor der Diskussions-Runde war klar: Die Zigeuner-Soße darf nicht umbenannt werden. Schließlich heißt sie ja schon immer so. Doch nicht nur die Gesellschaft befindet sich in einem ständigen Wandel, sondern auch Sprache. „Blümerant“, „Fisimatenten“ und „Hagestolz“ – die Wörter sagen euch nichts? Richtig, denn sie sind veraltet, die Sprache hat sich gewandelt.

Wörter wie etwas „googeln“, „chillen“ oder „Single“ wird vermutlich jeder kennen, egal welches Alter. Wenn solche Wörter im deutschen Sprachgebrauch jedoch ohne Probleme ausgetauscht werden können, wieso drehen dann viele Deutsche bei dem Wort „Zigeuner-Soße“ so durch?

Appell an den WDR: Macht die Zigeuner-Soßen-Diskussion in „Die letzte Instanz“ erneut

Sie haben das Gefühl, dass ihnen etwas genommen wird. Ein Wort, welches eigentlich gar nicht ausstirbt, weil es keiner mehr sagt, sondern ein Wort, welches noch im Sprachschatz von (zu vielen) Menschen ist und sie nun Angst haben, dass es ihnen von der „Rassismus-Polizei“ geklaut wird.

Video: Nach Rassismus-Kritik – „Die letzte Instanz“-Promis äußern sich

Dabei geht es den Menschen aber wohl nicht nur um das Wort an sich, sondern auch um das Gefühl, besser zu sein als andere. Doch wie könnte man es jetzt besser machen? Statt dass die Promis Entschuldigungs-Schreiben auf Instagram veröffentlichen – zeichnet die Sendung noch einmal neu auf.

Mehr Diversität in Talkshows: Neue Folge von „Die letzte Instanz“ (WDR) mit betroffenen Menschen

Nehmt euch zwei der Promis und setzt sie noch einmal in die Show. Und daneben zwei Menschen, die seit jeher mit Rassismus kämpfen müssen. Lasst sie miteinander reden, tauscht gegenseitig eure Geschichten aus, sprecht über eure Gefühle bei gewissen Wörtern.

Nur dann bewegt man etwas in den Köpfen der Menschen. Nicht nur in den veralteten Köpfen der anwesenden Promis, sondern auch bei den Zuschauern. Lasst die Menschen selber denken.

Dieser Kommentar entspricht der Meinung der Autorin und muss nicht unbedingt die Ansicht der gesamten Redaktion widerspiegeln.