Weniger Verkehr in der Region

Das Coronavirus sorgt für bessere Luft in NRW - doch die Messwerte sind mit Vorsicht zu genießen

Das Coronavirus hat auch seine guten Seiten: Durch weniger Verkehr ist die Luft in NRW derzeit sauberer. Doch bei den Zahlen ist Obacht geboten.

  • Weniger Verkehr wegen der Covid-19-Pandemie scheint derzeit in NRW zu niedrigeren Stickstoffdioxidwerten zu führen.
  • Die bessere Luftqualität ist offenbar auch auf den Coronavirus*-Lockdown zurückzuführen.
  • Bei Betracht der Werte und Zahlen ist aber Vorsicht geboten.

Dortmund - Bei allen traurigen Meldungen zum Coronavirus sorgte diese Nachricht des NRW-Umweltministeriums in dieser Woche für gute Gefühle: "Weniger Verkehr führt zu niedrigeren Stickstoffdioxidwerten in NRW". Oder anders gesagt: Die Coronavirus-Pandemie sorgt dafür, dass in Nordrhein-Westfalen aktuell die Luft frischer ist, als sonst.

Wie kommt das? Eine Beantwortung der Frage scheint nicht ganz so einfach, wie man denkt, weiß RUHR24.de*.

Coronavirus: Shutdown sorgt für bessere Luft in NRW

Auf den ersten Blick scheint klar zu sein: Der Shutdown am 16. März 2020 aufgrund des Coronavirus sorgte dafür, dass weniger Menschen zur Arbeit fuhren. Auf den Straßen waren weniger Autos zu sehen - auch wenn Städte wie Bochum mit Parkvergünstigungen Anreize setzten, um mit dem Auto in die Stadt zu fahren. Der Verkehr, so lautet eine erste Schätzung des NRW-Umweltministeriums, nahm um bis zu 30 bis 50 Prozent ab.

Szenen wie solche auf der B1 in Dortmund gab es nach dem Corona-Shutdown nur wenige in NRW.

Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) maß daraufhin die Stickstoffdioxidwerte (NO2) an den vielen Messstellen in NRW und stellte fest, dass die NO2-Belastung in der Luft abgenommen hatte. 

Zum Verständnis: Hauptausstoßquelle des schädlichen Reizgases NO2 ist der Straßenverkehr, insbesondere Fahrzeuge mit Dieselmotoren. Vor allem bei vorgeschädigten Atemwegen wirkt es problematisch, da es zu Bronchienverengungen oder Entzündungen kommen kann.

Die Experten des LANUV verglichen in ihrer Studie zwei Zeitabschnitte: den Zeitraum vom 16. März bis 14. April 2020 mit dem Mittelwert derselben Abschnitte der Jahre 2015 bis 2019. 

In seinem Bericht spricht das LANUV von einer "deutlichen Abnahme" der NO2-Konzentration in der Luft. "Die für den Verkehr typischen NO2-Maxima am Morgen und Nachmittag sind nach wie vor erkennbar, jedoch niedriger als sonst", heißt es zudem in dem Bericht. Das Fazit des LANUV: Weniger Verkehr führt zu niedrigeren Stickstoffdioxidwerten.

Die Grafik zeigt die NO2-Werte in NRW für den Zeitraum 16. März 2020 bis 14. April 2020 (gestrichelte Linie) im Vergleich zum selben Zeitraum in den Vorjahren 2015-2019 (durchgehende Linie).

Während die Schlussfolgerung untermauert, dass weniger Verkehr für bessere Luft im Westen sorgt, ist Vorsicht geboten. Denn wie die Experten der Studie erklären, sei der Zeitraum von vier Wochen für die Untersuchungen zu gering für eine statistische Auswertung.

Experten aus NRW: Auch das Wetter beeinflusst die Luftqualität

Außerdem stellen die Autoren der Studie klar, dass die Luftschadstoffkonzentration von mehreren Faktoren abhänge - etwa dem Wetter. Nasse, windige Monate wie zum Beispiel der diesjährige Februar würden zu niedrigen Schadstoffwerten führen, Inversionswetterlagen zu hohen Werten. Auch die Maßnahmen der Luftreinhalteplanung spielen eine Rolle. So wurden und werden in Städten wie Dortmund Hauptverkehrsstraßen in Tempo-30-Zonen umgewandelt* - was sich auch auf die Werte auswirken kann. Datenmengen von mindestens einem Jahr seien also für eine genaue Beurteilung der Luftqualität notwendig.

Dennoch: Der Vergleich der LANUV-Messwerte für einzelne Städte des Monats März mehrerer Jahre zeigt, dass die NO2-Belastung im Jahr 2020 im Vergleich zum Jahr 2019 um etwa 20 Prozent gesunken ist - auch wenn noch nicht ganz klar ist, welchen Anteil daran der Corona-Lockdown hat. Modellrechnungen für das Beispiel Gladbecker Straße in Essen zeigen, dass der Verkehr 50 Prozent Anteil an den ausgestoßenen Stickoxiden hat.

Europa: Auswirkungen des Corona-Lockdowns sind zu sehen

Dass der Corona-Lockdown nicht nur in Deutschland seine Wirkung auf die Luft zeigt, beweisen Luftbilder der Europäischen Weltraumorganisation (ESA). Experten verglichen dort Luftbilder großer europäischer Metropolen wie Paris, Madrid und Rom vor und nach dem Lockdown. Dabei stellten sie in all diesen Regionen "einen signifikanten Rückgang der Stickstoffdioxidkonzentrationen" fest.

Diese Bilder zeigen unter der Verwendung von Daten des Satelliten Copernicus Sentinel-5P die durchschnittlichen Stickstoffdioxidkonzentrationen vom 14. bis 25. März 2020 im Vergleich zu den monatlichen Durchschnittskonzentrationen von 2019 in Frankreich.

Aber auch hier ist Vorsicht geboten: Diese Bilder entstehen bei Aufnahmen in den kurzen Zeiträumen des Überflugs durch den Satelliten. Sie basieren für viele Luftschadstoffe, wie zum Beispiel NO2, auf Messung einer Luftsäule über mehrere Kilometer vertikaler Ausdehnung und sind damit nicht ein zu eins auf die bodennah gemessenen Konzentrationen übertragbar, warnt das LANUV.

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