Richtwert in der Pandemie

Corona: Immer neue Grenzwerte erfunden? Warum die Aussagen Armin Laschets irritieren

Erst war es die 50er-Inzidenz, jetzt die 35: Erfindet Deutschland immer neue Grenzwerte in der Corona-Pandemie? Warum die Aussagen Armin Laschets billiger Populismus sind.

Düsseldorf - Gebannt schaut gefühlt ganz NRW derzeit auf die Entwicklungen der Corona-Inzidenz-Zahlen. Von ihnen hängt ab, wie wir unser Leben gestalten dürfen. Warum aber nur versteift sich das Land auf genau diese Ziffern - wo Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) jüngst sogar die Orientierung an „immer neuen Grenzwerten“ kritisierte*? RUHR24.de* erklärt, was hinter den Zahlen steckt - und warum die Kritik Laschets populistisch wirkt.

NameArmin Laschet
PositionMinisterpräsident in Nordrhein-Westfalen
Alter und Partei60, CDU

Inzidenzwerte von 50 und 35: Warum orientiert sich NRW daran?

Die magische 50, beziehungsweise der Wert von 35 ist laut den Gesundheitsämtern in NRW ein Wert, mit dem die Nachverfolgung von Corona-Kontakten noch gewährleistet werden kann.

Die Rechnung: Infizieren sich in sieben Tagen nur 35 Menschen pro 100.000 Einwohner in einer Stadt, können alle Kontakte dieser 35 Menschen informiert und in Quarantäne geschickt werden. Die ungewollte Ausbreitung kann damit bestenfalls gestoppt werden. So zumindest das Credo der Politik und der Gesundheitsämter.

Corona: Neben den Inzidenzwerten schaut NRW auch auf die Reproduktionszahl

Wissen die Gesundheitsämter, wer Kontaktpersonen von Corona-Infizierten sind, lässt sich damit bestenfalls auch die sogenannte Reproduktionszahl - der sogenannte R-Wert - drücken. Er gibt an, wie viele Menschen eine mit dem Coronavirus infizierte Person im Schnitt ansteckt.

Ohne Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen oder Maskenpflicht beträgt dieser Wert laut Robert-Koch-Institut (RKI) bei SARS-CoV-2 zwischen 3,3 und 3,8. Das heißt, jeder Infizierte steckt im Mittel zwischen drei und vier Personen an.

Corona: Schlimmstenfalls exponentielles Wachstum in NRW

Ohne Gegenmaßnahmen würde die Zahl der Infektionen also rasch exponentiell ansteigen und laut RKI erst stoppen, wenn bis zu 70 Prozent der Bevölkerung eine Infektion beziehungsweise Erkrankung durchgemacht haben. Zeitgleich würden viele ältere und schwache Menschen an Corona sterben.

Das Ziel ist es laut RKI also, den R-Wert unter 1 zu halten, um eine sinkende Anzahl an Corona-Neuinfektionen zu erreichen.

Armin Laschet über Corona: NRW sollte auch auf Gesellschaft und Wirtschaft schauen

So weit die Theorie. Aber ist diese auch für unser tägliches Leben praktikabel? NRW-Ministerpräsident Armin Laschet verwies jüngst darauf, man müssen neben den Grenzwerten auch die Schäden durch den Lockdown etwa für die Gesellschaft und die Wirtschaft im Blick haben.

Warum also hält NRW noch an den zwei Werten fest? Geregelt sind sie im Infektionsschutzgesetz - und zwar im neuen Paragrafen 28a. Dieser wurde im November 2020 durch Bundestag und Bundesrat beschlossen und für ganz Deutschland eingeführt. NRW hat seinerzeit also auch zugestimmt.

In dem Paragrafen sind die zwei Inzidenzwerte von 35 und 50 bereits fest verankert. Der Wortlaut:

  • Bei Überschreitung eines Schwellenwertes von über 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen sind umfassende Schutzmaßnahmen zu ergreifen, die eine effektive Eindämmung des Infektionsgeschehens erwarten lassen.
  • Bei Überschreitung eines Schwellenwertes von über 35 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen sind breit angelegte Schutzmaßnahmen zu ergreifen, die eine schnelle Abschwächung des Infektionsgeschehens erwarten lassen.

Liegt die 7-Tage-Inzidenz unter 35, „kommen insbesondere Schutzmaßnahmen in Betracht, die die Kontrolle des Infektionsgeschehens unterstützen“.

Immer neue Corona-Grenzwerte? Warum NRW-Ministerpräsident Armin Laschet übertreibt

Dass „immer neue Grenzwerte“ erfunden würden, so wie Armin Laschet es jüngst sagte, ist also nicht richtig - so denn Laschet mit „Grenzwerten“ jene der Inzidenz-Zahlen meint. Die Grenzwerte bestehen seit November 2020 und sind durch die Bundesländer legitimiert*. Also auch durch NRW und damit Armin Laschet.

Armin Laschet (CDU) will sich nicht nur starr an Grenzwerte richten.

Laschet sagte jüngst auch, er wolle keinen einseitigen Fokus auf die Inzidenz-Werte legen. Doch auch das ist sehr stark zugespitzt. Denn seit Beginn der Pandemie analysiert das Robert-Koch-Institut eine ganze Salve an Daten zur Entwicklung der Corona-Pandemie. Dazu gehören:

  • Fall- und Todeszahlen,
  • geografische Verteilung,
  • zeitlicher Verlauf,
  • betroffene Altersgruppen,
  • Lage in Krankenhäusern,
  • besondere Ausbrüche,
  • Covid-19-Patienten auf Intensivstationen,
  • in Deutschland insgesamt durchgeführten Labortests auf SARS-CoV-2.

Dass sich also nur auf die Inzidenzen versteift wird, ist nicht korrekt und erscheint von Armin Laschet wie eine billige Form des Populismus. Denn am Ende sind es nur die Inzidenz-Zahlen, die in der breiten Öffentlichkeit diskutiert werden. Analysiert wird im Hintergrund aber deutlich mehr. Nachzulesen ist das täglich im Situationsbericht des RKIs.

Bund und Länder - also auch Armin Laschet aus NRW - orientieren sich an Corona-Empfehlungen

Diese und weitere Informationen werden der Politik zur Verfügung gestellt - also auch Armin Laschet. Bei den Bund-Länder-Konferenzen orientieren sich dann der NRW-Ministerpräsident und seine Länderkollegen bei ihren Entscheidungen über Lockerung oder Lockdown daran (hier mehr Corona-News aus NRW auf RUHR24.de* lesen).

Dass neben den epidemiologischen Kennzahlen auch jene der Wirtschaft oder der Gesellschaft betrachtet werden müssen, ist allerdings auch nicht falsch. Daran besteht aktuell die Problematik der Politik - und damit jener des potenziellen CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet. *RUHR24.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Marcel Kusch/dpa

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