Kommentar

Coronavirus-Demos: Gefährliche Stimmungsmache - viele Teilnehmer haben zentrale Aspekte nicht verstanden

Tausende Menschen demonstrieren derzeit gegen die Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie. Und verhalten sich dabei verantwortungslos. Ein Kommentar.

  • Am Wochenende gingen Tausende Menschen auf die Straße, um gegen die Coronavirus-Schutzverordnung zu demonstrieren.
  • In einigen NRW-Städten verstießen die Teilnehmer der Corona-Demos gegen die derzeitigen Schutzmaßnahmen.
  • RUHR24-Redakteurin Lisa Bender hält das Verhalten für verantwortungslos, unangebracht und gefährlich.

Dortmund - "Hygiene-Demos", "Widerstand 2020" oder "Nicht ohne uns" - egal unter welchem Motto die Demonstranten in NRW und in ganz Deutschland auf die Straße gehen, sie stehen alle für eine Kritik an den Coronavirus-Auflagen. Unter dem Dach dieser Proteste formiert sich aber eine Ansammlung an extremen Ansichten, kuriosen Meinungen und eine wilde Mischung von Teilnehmern.  

Coronavirus-Demos: Rechtsextreme, Verschwörungstheoretiker und Impfgegner zusammen

Es tummeln sich Rechtsextreme, Verschwörungstheoretiker, Esoteriker, Impfgegner und angebliche Freiheitsrechtler bei den Demos gegen die Coronavirus-Auflagen - und sie machen vermeintlich gemeinsame Sache. Sie halten die Corona-Schutzverordnung für einen Eingriff in die Grundrechte oder sehen die Maskenpflicht als eine Verschwörung von Politik, Bill Gates und Wirtschaft. 

Oft richtet sich die Kritik der Proteste nicht gegen eine konkrete Einschränkung, sondern vielmehr gegen die Art, wie die Regierung Entscheidungen trifft und durchsetzt. Viele sehen sich davon übergangen, ihn ihrer Freiheit eingeschränkt und halten die Beschlüsse grundsätzlich für falsch.  

Coronavirus-Demos: Im Internet macht sich Unmut gegen die Proteste breit

Und während die einen in Deutschland auf die Straße gehen, um gegen das Infektionsschutzgesetz und die derzeitigen Coronavirus-Auflagen zu demonstrieren, entsteht im Internet unter dem Hashtag #Covidioten eine Welle der Empörung genau gegen diese Demonstranten.

Da sich viele Teilnehmer der Corona-Proteste nicht an die Corona-Auflagen zu halten scheinen, wird ihnen Verantwortungslosigkeit und ein Verhalten vorgeworfen, das in der aktuellen Situation nicht angebracht ist.

Coronavirus-Demos verzerren Realität 

Sicherlich können einige der Coronavirus-Maßnahmen kritisch hinterfragt oder über den Zeitpunkt bestimmter Lockerungen diskutiert werden. Auch wäre es falsch die demonstrierenden Gruppen per se als Spinner abzutun, aber aktuell für die Wahrung der Grundrechte auf die Straße zu gehen und die Schutzmaßnahmen als weltpolitische Verschwörung abzustempeln, ist gefährliche Stimmungs- und Meinungsmache. Es verzerrt das immer noch brisante Problem, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen.

Denn selten wurden politische Entscheidungen so transparent kommuniziert wie in den letzten Wochen der Coronavirus-Pandemie. Die Menschen konnten in unzähligen Pressekonferenzen und Live-Tickern mitverfolgen, wie sich die Fallzahlen entwickelten, wie die Politik über weitere Maßnahmen in der Coronavirus-Pandemie diskutierte und warum welche Auflagen eingeführt oder eben wieder gelockert wurden.

Coronavirus-Demos: Teilnehmer fordern das Recht sich mit Covid-10 anstecken zu dürfen

Doch das scheinen viele der Demonstranten anders zu sehen. Sie wollen schnellstmöglich ihre Freiheit zurück und fordern sogar das Recht sich mit Covid-19 anstecken zu dürfen. 

Gegen die Corona-Schutzmaßnahmen zu demonstrieren hält RUHR24-Redakteurin Lisa Bender für unangebracht und falsch.

Wirft man dabei einen Blick auf andere Länder in Europa, wie zum Beispiel nach Italien, Spanien oder Frankreich, können diese Forderungen nicht mehr als ein schlecht gemeinter Witz sein. So waren in den genannten Ländern die Corona-Schutzmaßnahmen wesentlich strenger und die Freiheit der Menschen mehr eingeschränkt. Wir können uns seit Wochen immerhin - wenn auch nur zu zweit - draußen bewegen oder einkaufen gehen. 

Coronavirus-Demos sind ein Hohn für die Risikogruppe

Außerdem sind diese Forderungen ein Hohn für alle Erkrankten und die Risikogruppe. Bilder der Coronavirus-Demos zeigen Menschen, die sich demonstrativ umarmen und behaupten Covid-19 sei nicht schlimmer als eine Grippe, während viele Menschen auf Intensivstationen um ihr Leben kämpfen und die Infektionszahlen bereits wieder steigen. Das ist paradox und in solch einer ernsten Situation schlichtweg unangebracht

Coronavirus-Demos: Was die Teilnehmer wohl in der Corona-Krise nicht verstanden haben

Was bei den Demonstrationen wohl viele an der Coronavirus-Krise nicht verstanden haben, ist, dass die Coronavirus-Auflagen nicht gegen ihren Willen oder etwa um ihnen zu schaden, entstanden sind, sondern zu ihrem Schutz. Auch würde keine Wirtschaft dieser Welt freiwillig einen solchen Einbruch mit Absicht riskieren. 

Was viele außerdem wohl nicht verstanden haben ist, dass es in Zeiten einer solchen Ausnahmesituation wie der Coronavirus-Pandemie nicht mehr vorrangig um die Befindlichkeiten des einzelnen Individuums geht, sondern um ein gesamtgesellschaftliches Handeln - ja, in diesem Fall sogar um eine globale Angelegenheit. 

Coronavirus-Demos: Mundschutzmaske tragen zum Schutz der Gesellschaft nicht des Einzelnen

Denn nach Heinsberg oder dem Einbruch der Wirtschaft wissen wir wie verheerend die Auswirkungen der Ausbreitung des Virus für uns alle waren - und spätestens nach den Vorfällen in den Schlachthöfen in Coesfeld (alle Entwicklungen zum Coronavirus in NRW in unserem Live-Ticker) werden wir wieder daran erinnert, wie schnell sich das Coronavirus ausbreiten kann und wie verheerend die Auswirkungen immer noch sein und wieder werden können. 

Was kostet es mich also, mich für einige Zeit an gewisse Abstandsregeln zu halten und beim Einkaufen eine Mundschutzmaske zu tragen, wenn ich dafür die Ausbreitung eines gefährlichen Virus und damit die Erkrankung vieler Menschen verhindern kann? Nur weil die Coronavirus-Pandemie in Deutschland vergleichsweise glimpflich gelaufen ist, ist es dennoch kein Grund, die Regeln aus Wut und Desinformation zu missachten und dafür das Wohl vieler Menschen zu gefährden und ein Gesundheitssystem erneut auf den Prüfstand stellen zu wollen.

Coronavirus-Demos per se nicht falsch, aber bitte ohne Populismus

Es ist per se nichts falsch daran, von seinem Grundrecht auf Versammlungsfreiheit Gebrauch zu machen - aber wie es auch zahlreiche Demonstrationen in NRW zeigen, geht das auch mit 1,5 Meter Abstand. Es ist nichts falsch daran, in Zeiten der Coronavirus-Pandemie zu demonstrieren - aber es haben uns Proteste wie zum Beispiel von Fridays for Future, den Gastronomen oder den Mitarbeitern der Tourismusbranche gezeigt, dass es auch andere, neue Formen des zivilen Ungehorsams gibt. Die sind durchaus ein gutes Mittel zum Zweck - auch unter Beachtung der Corona-Auflagen. 

Es ist also nichts falsch daran, auf Missstände oder  politische Fehlentscheidungen mittels Demonstrationen aufmerksam zu machen - aber bitte ohne Formen des Populismus, rechtsextremer Stimmungsmache und gezielter Desinformation, bei der noch zahlreiche andere Menschen gefährdet und die Infektionsrate mit dem Coronavirus wieder in die Höhe getrieben werden. 

Dieser Kommentar entspricht der Meinung der Autorin und muss nicht unbedingt die Ansicht der gesamten Redaktion widerspiegeln.

Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow/dpa