Kommentar

Corona-Chaos: Hört auf, gegen Ungeimpfte zu hetzen

Ungeimpfte sind unsolidarisch, die vierte Welle nur ihre Schuld – das schreien viele Geimpfte wütend in die Welt hinaus. Und vergessen: Hetze gegen eine kleine Bevölkerungsgruppe ist genauso falsch. Ein Kommentar.

Dortmund – Die Corona-Pandemie ist zu einer Pandemie der Ungeimpften geworden. So der allgemeine Tenor in der Öffentlichkeit. Sie sind es, die die Verantwortung dafür tragen, dass die Zahl der Neuinfektionen von einem Rekordhoch zum nächsten klettert, dass Ärzte und Pfleger aus Erschöpfung und Verzweiflung ihre Jobs reihenweise hinschmeißen. Das mag stimmen. Doch ist es wirklich in Ordnung, eine kleine Gruppe Menschen öffentlich derart an den Pranger zu stellen?

ImpfstoffBiontech, Modern, Astrazeneca, Johnson&Johnson u.a.
NebenwirkungenSchmerzen an der Einstichstelle, Kopfschmerzen, Müdigkeit und Muskelschmerzen; selten Fälle von Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen, Blutgerinnsel
vollständig Geimpfte (Deutschland)67,5 Prozent

Ungeimpft in der Corona-Pandemie: Wie Aussätzige behandelt

Nein! Doch zunächst einmal eine Klarstellung: Ich, die ich hier diesen Kommentar verfasse, gehöre zu den größten Befürwortern der Impfung. Ich bin eine der ersten gewesen, die sich die Spritze in den Oberarm hat jagen lassen. Und ich wäre froh, wenn sich jeder in Deutschland so solidarisch zeigen würde, und sich die Impfung injizieren lassen würde, um Corona den Garaus zu machen (mehr News zur Coronapandemie in NRW auf RUHR24).

Doch während ich diese Zeile schreibe, die klarstellen sollen, auf welcher „Seite“ ich stehe, fühle ich mich in etwa so seltsam, als würde ich schreiben: „Ich bin weiße Europäerin und heterosexuell.“ Auch in diesen Fragen halte ich es nicht für angebracht, die Gesellschaft in Zugehörigkeits-Gruppen zu unterteilen, die sich mit hasserfülltem Blick gegenüberstehen.

Fast 90 Prozent aller Covid-Patienten sind nicht geimpft und belegen unnötig viele Betten auf der Intensivstation, rechnet nicht nur das Gesundheitsamt in Dortmund vor. In den meisten Städten gleicht sich das Bild. Und so ist die Wut und das Ohnmachtsgefühl jedes Pflegers und jedes Arztes in seiner ganzen Fülle nachvollziehbar, der auf der Intensivstation zwischen hauptsächlich ungeimpften Corona-Patienten steht und sagt: „Wir schaffen das nicht mehr, wir haben keine Kraft mehr. Und trotzdem werden wir euch weiter versorgen – egal wie dumm ihr es angestellt habt“.

Ungeimpfte in der Corona-Pandemie: An den Rand der Gesellschaft gedrängt

Was aber nicht in Ordnung ist: Warum gibt es in aller Öffentlichkeit inzwischen ein allgemein akzeptiertes „Ungeimpften-Bashing“? Wie kann es sein, dass eine Gruppe Menschen an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt wird, die sich innerhalb der Freiheit, die uns allen zusteht, gegen etwas entschieden hat?

In Deutschland sind auch viele 12 bis 17-Jährige noch nicht geimpft.

Wann ist es salonfähig geworden, dass sich Hinz und Kunz mit seinem Kissen ins Fenster legt und lauthals auf „die“ Ungeimpften schimpft. Jeder, der vielleicht selbst an anderer Stelle nicht die größtmögliche Solidarität zeigt, die irgendwie möglich ist – weil er Raucher ist, oder einen dicken SUV fährt, Fleisch isst oder bei Amazon bestellt.

Als ob diejenigen, die jetzt noch aus Überzeugung ungeimpft sind, dadurch zu einer Impfung bewegt werden könnten. Werden sie nicht durch den Hass, der ihnen nun entgegenschlägt, nur noch mehr in die Ecke gedrängt, in der sie sich es jetzt schon gemütlich eingerichtet haben: Der Ecke der Protestler, der Opfer, der Andersdenkenden?

Zumal nicht jeder gewollt Ungeimpfte in diese Ecke gehört. Schließlich lassen sich einige aus anderen Gründen, wie der Angst vor dem Unbekannten nicht impfen – und nicht etwa, weil sie „gegen das System“ sind. Es kann nicht sein, dass wir aus jedem Ungeimpften eine Persona non grata machen.

Impfung gegen Corona: Ungeimpfte werden so nicht überzeugt

Doch auch in Bezug auf echte Impfgegner muss doch selbst dem letzten und größte Kritiker der Ungeimpften klar sein, dass man die Menschen nicht zur Impfung bringt, indem man gegen sie hetzt: Ein gewollt Ungeimpfter wird sich nicht impfen lassen, weil sein Nachbar ihn beschimpft, weil Politiker und Medien ihn verhöhnen. So wird einzig die Spaltung der Gesellschaft mit großem Erfolg vorangetrieben.

Stattdessen sollten wir ihnen die Hand reichen. Erklären, warum wir für eine Impfung sind. Auch, wenn wir das natürlich bereits tausende Male gemacht haben – auch Kinder müssen bestimmte Dinge hunderte Male hören, bis sie verstehen und akzeptieren. Nur gemeinsam können wir einen Weg aus der Pandemie finden. Gehen wir, die Geimpften, doch weiter mit gutem Beispiel voran!

Corona: Ungeimpfte müssen sich ihrer Verantwortung bewusst werden

Allen gewollt Ungeimpften auf der anderen Seite muss allerdings auch etwas klar werden: Seine Freiheit zu leben bringt eine große Verantwortung mit sich, gegenüber sich selbst und allen Mitmenschen. Werdet euch darüber bewusst und handelt so!

Wer sich also dafür entscheidet, den angebotenen Schutz für sich und andere nicht zu nutzen, der muss im Interesse Anderer den Schutz auf andere Art gewährleisten: In dem er eine Maske trägt, sich testen lässt oder auch einfach mal draußen bleibt, wenn es nicht möglich ist, auf diese Weise vor dem Besuch in Restaurants, Kinos oder auf Konzerten größtmögliche Sicherheit zu bieten.

2G oder 3G – damit werden Kinder, ungewollt Ungeimpfte und sogar Geimpfte geschützt. Und so können Ungeimpfte auf ihre Art Solidarität zeigen. Das muss dann auch drin sein! Dafür hören andere dann bestimmt auch auf, öffentlich zu hetzen. Dieser Kommentar entspricht der Meinung der Autorin und muss nicht zwingend die Ansicht der gesamten Redaktion widerspiegeln.

Rubriklistenbild: © Roland Weihrauch/dpa

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