Pandemie

NRW: 600er Inzidenz in Schulen – doch Ministerium irritiert mit Aussage

Inzidenzen von fast 600 an Schulen: Die Corona-Lage in NRW scheint zu eskalieren. Derweil nennt das Schulministerium die Schulen als „Hygienefilter“. Kann das sein?

NRW – Während die Corona-Zahlen in NRW explodieren, sind die Schulen geöffnet. Kinder und Jugendliche sitzen teils ohne Maske im Unterricht. Wer eine aufhat, tut dies freiwillig oder auf Anweisung der Schule. NRW-Gesundheitsministerin Yvonne Gebauer (FDP) bezeichnet die Schulen sogar als „Hygienefilter für Kinder und Jugendliche“. Wie kommt das?

7-Tage-Inzidenz in NRW274,2 (Stand: 26. November)
7-Tage-Hospitalisierungsinzidenz4,37
Anteil COVID-19-Patienten an betreibbaren Intensivbetten11,77 Prozent

NRW: Massive Corona-Inzidenzen an Schulen – immer mehr Kinder erkranken

Zur Einordnung: Die 7-Tage-Inzidenz in der Gruppe der 0- bis 19-Jährigen lag in NRW am Freitag (26. November) bei 408,7. Zum Vergleich: NRW-weit lag dieser Wert in der Gesamtbevölkerung bei 274,2. Am höchsten ist die Inzidenz derzeit in der Gruppe der 10 bis 14-Jährigen (592,2), dicht gefolgt von den 5- bis 9-Jährigen (565,7). Schüler von Grund- und weiterführenden Schulen sind also massiv von Corona-Infektionen betroffen.

Die Zahlen zeigen: Vor allem in der Gruppe der Grundschüler – also jener Bevölkerungsgruppe, für die es noch keine Corona-Impfung gibt – sind die Infektionszahlen in NRW am höchsten. Wie ein „Hygienefilter“ wirken die Schulen in diesem Bereich also eher nicht – viel mehr wie eine Virenschleuder.

Coronavirus an Schulen in NRW: Viele Tests decken Infektionen auf

Zur Wahrheit gehört aber auch: Wo viel getestet wird, werden natürlich auch viele Infektionen registriert. In keiner anderen Altersgruppe wird in NRW so viel auf Corona getestet, wie in der Gruppe der 0- bis 19-Jährigen. An NRW-Schulen müssen sich Kinder- und Jugendliche dreimal die Woche testen lassen. Logisch, dass dort Fälle zum Vorschein kommen, die in der Gesamtbevölkerung seltener aufgedeckt würden.

So wies RKI-Chef Lothar Wieler jüngst darauf hin, dass die Dunkelziffer der Corona-Infektionen in der Gesamtbevölkerung eigentlich doppelt bis dreimal so hoch sein müsste, wie die offiziellen Meldungen. Darum rät das RKI längst dazu, alle nicht notwendigen Kontakte zu reduzieren. Sofern Kontakte nicht gemieden werden könnten, sollten Masken getragen, Mindestabstände eingehalten und die Hygiene beachtet werden. Zumindest was die Masken betrifft, herrscht in NRW noch Sorglosigkeit im Schulministerium.

Corona-Impfung für Kinder in NRW: Kinderärzte sind skeptisch

Hilfe für die besonders von den hohen Inzidenzen betroffene Gruppe der 5- bis 11-Jährigen naht allerdings. Noch in 2021 könnte die Corona-Impfung für Kinder in diesem Alter in Deutschland zugelassen werden. Doch die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) und weitere Gesellschaften und Berufsverbände aus dem Bereich der Kindermedizin zeigen sich noch skeptisch (hier weitere Corona-News aus NRW bei RUHR24 lesen).

Bei einer Impfung von Kindern im Alter unter zwölf Jahren müsse der Nutzen für die Kinder im Mittelpunkt stehen. Aus Sicht der Kinder und Jugendlichen sei die Impfung aller Erwachsenen der Weg aus der Pandemie. So weisen die Kinderärzte darauf hin, dass die Krankheitslast bei Kindern mit Corona gering sei und die Übertragung des Virus von Kinder auf andere Menschen geringer als bei Erwachsenen.

Impfung von Kindern gegen Lockdown in NRW „nicht verhältnismäßig“

Die Annahme, dass die Impfung bei jungen Kindern einen anhaltenden Einfluss auf die Übertragungsrate des Virus nehmen würde, sei unbestätigt, so die DGKJ. Insoweit sei die Nutzen-Risiko-Abwägung bei jungen Kindern besonders sorgfältig zu überprüfen und nicht so offensichtlich wie bei der Impfung von Erwachsenen. „Die Forderung nach Impfungen der jungen Kinder zur Verhinderung eines allgemeinen Lockdowns ist nicht verhältnismäßig“, schreibt die DGKJ.

RKI-Chef Lothar Wieler zeichnete im Livestream mit dem sächsichen Ministerpräsidenten ein düsteres Bild des kommenden Corona-Winters.

Dennoch gibt es Kritiker, die eine „Durchseuchung“ der Kinder- und Jugendlichen mit dem Coronavirus zumindest für ethisch nicht vertretbar halten – zumal die Folgen einer Corona-Infektion (Stichwort Long Covid) für die Jungen noch nicht abschließend geklärt sind.

In Düsseldorf will man unterdessen nach wie vor am Präsenzunterricht festhalten. Der Tenor dort lautet: An den Schulen wird die Ausbreitung des Coronavirus nicht beschleunigt, sondern gebremst. Sollten dennoch weitere Maßnahmen nötig werden, so Yvonne Gebauer, „so wären diese vor allem auf das Verhalten von Erwachsenen zurückzuführen, da wir es nicht geschafft haben, in der Altersgruppe über 18 eine ausreichende Impfquote zum Schutz der Gesellschaft zu erreichen“.

Rubriklistenbild: © Ina Fassbender/AFP

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