Intensivstationen

„Irrglaube!“: Chefarzt aus NRW benennt zwei große Corona-Fehler der Politik

Die Corona-Lage auf den NRW-Intensivstationen ist ernst. Ein Chefarzt aus Düsseldorf attackiert nun die jüngsten Beschlüsse der Politik – sie basierten auf einem „Irrglauben“.

Düsseldorf – Um die Krankenhäuser angesichts der angespannten Corona*-Lage vor einem Kollaps zu bewahren, sollen diese „nicht dringend medizinisch notwendige Eingriffe und Behandlungen“ verschieben. Das haben die Gesundheitsminister der Länder jüngst beschlossen – und bringen einen Chefarzt aus NRW* damit auf die Palme. RUHR24* erklärt, was den Mediziner stört.

7-Tage-Inzidenz in NRW288,1
7-Tage-Hospitalisierungsinzidenz4,11
Anteil COVID-19-Patienten an betreibbaren Intensivbetten13,48 Prozent

Corona: Krankenhäuser in NRW sollen Intensivbetten freihalten – Arzt aus Düsseldorf tobt

Durch die Verschiebung der nicht dringenden Eingriffe solle Platz für an Covid-19 Erkrankte geschaffen werden, so der Plan der Gesundheitsminister. Um etwaige leer bleibende Betten und nicht durchgeführte Operationen finanziell aufzufangen, sollen die Krankenhäuser Ausgleichszahlungen sowie einen sogenannten „Ganzjahresausgleich“ vom Staat bekommen. Kann dieser Plan aufgehen?

Prof. Dr. Manuel Wenk, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie im Düsseldorfer Florence-Nightingale-Krankenhaus, tobt: Es gäbe seitens der Politik „offensichtlich mangelnde Kenntnis der Situation in den Krankenhäusern“. Diese, so Wenk, führe wiederum zu Unruhe in den Betrieben.

Chefarzt aus NRW kritisiert Corona-Politik in Deutschland

Im Prinzip kritisiert Wenk zwei Dinge: Zum einen sei das Pandemie-Geschehen regional sehr unterschiedlich. Es könne also sein, dass eine Klinik, in deren Umgebung der Bedarf an Intensivbetten für Covid-19-Patienten nicht so hoch sei, Betten aber trotzdem freihalten müsse. „Wer erklärt das (...) den abgesetzten Patienten?“, fragt sich Wenk (Hier weitere Corona-News aus NRW* bei RUHR24 lesen).

Zum anderen bezeichnet es der Düsseldorfer Chefarzt es als „Irrglaube“, dass man durch die Verschiebung nicht zwingend notwendiger Operationen ausreichend Kapazitäten auf den Intensivstationen schaffen könne. Es sei zwar ein „initial gutes Mittel, um Druck aus dem System nehmen“. Aber: Gerade im Winter müssten manche Atemwegserkrankungen* trotzdem intensivmedizinisch behandelt werden. Hinzu kämen Herzinfarkte, Schlaganfälle, Unfälle und sonstige akute Erkrankungen.

Viele Intensivpatienten in NRW wurden zuvor gar nicht operiert

Ein großer Teil der Intensivpatienten seien laut Wenk tatsächlich nicht-operative Patienten, deren Behandlung man nicht verschieben könne. Zudem komme hinzu, dass Menschen, die nach einer Operation auf die Intensivstation müssten, ja auch behandelt werden müssten – etwa bei Krebserkrankungen oder lebensbedrohlichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das Fazit Wenks: Der Nettogewinn an Betten bleibe letztlich doch überschaubar.

Zudem warnt der Intensivmediziner davor, zu glauben, man könne einfach so das Personal für Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen umschichten. Fakt sei, dass diese Patienten einen deutlich höheren Arbeitsaufwand hätten und andere Bereiche im Krankenhaus durch Personalabzug litten. Zudem seien Teile des Personals unter Stress, weil sie Aufgaben machen müssten, für die sie ursprünglich gar nicht ausgebildet seien.

NRW: Verlegung von Covid-19-Patienten könne Problem laut NRW-Arzt nicht lösen

Und auch die hochkomplexe Verlegung von Covid-19-Intensivpatienten in andere Teile Deutschlands kritisiert Manuel Wenk. Erst kürzlich etwa waren Corona-Patienten durch die Bundeswehr aus Bayern nach NRW geflogen worden*, wo es noch Intensiv-Kapazitäten gibt.

Ein solcher Airbus A-310 MedEvac hilft derzeit dabei, Corona-Intensivpatienten nach NRW zu bringen.

Es sei laut dem Mediziner aber „absurd“, der Bevölkerung zu suggerieren, dass diese Flüge das Problem lösen könnten. „Ein Massenanfall ist damit nicht zu beheben.“ Dieser sei nur vor Ort, lokal, in den Krankenhäusern zu managen und auch nur dort, wo das Personal mit „allen Mitteln, die es erlauben“, entlastet würde.

Und wie soll das funktionieren? Wenk: „Wir brauchen echte Rückendeckung und Sicherheit durch die Politik und nicht bloß Verordnungen, deren Umsetzung und die daraus resultierenden potenziellen Konsequenzen uns überlassen werden. Solidarität geht anders.“ *RUHR24 ist Teil des Redaktionsnetzwerks von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa, Florence-Nightingale-Krankenhaus; Collage: RUHR24

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