Ein Kommentar

Corona-Lockerungen: NRW macht sich mehr denn je zum Sklaven der Inzidenz

NRW lockert die Corona-Regeln ab Freitag (28. Mai) erneut und verspricht eine „klare Perspektive“. Doch die fehlt völlig, findet RUHR24-Autor Christian Keiter.

Düsseldorf – In Nordrhein-Westfalen werden die Corona-Regeln weiter gelockert. „Wir haben die dritte Welle gebrochen“, erklärte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Mittwoch (26. Mai). Die Coronaschutzverordnung wurde deshalb überarbeitet und tritt am Freitag (28. Mai) in Kraft. Dieser Schritt war angesichts der jüngsten Pandemie-Entwicklung geboten. Die Umsetzung ist allerdings enttäuschend.

BundeslandNordrhein-Westfalen
LandeshauptstadtDüsseldorf
RegierungschefMinisterpräsident Armin Laschet (CDU)
Regierende ParteienCDU und FDP

Corona-Lockerungen in NRW: „Klare Perspektive“ angekündigt – doch die fehlt

Denn statt die in der Pressemitteilung groß angekündigte „klare Perspektive“ aufzuzeigen, werden die Corona-Regeln komplizierter denn je. Die Landesregierung führt eine vierte Inzidenzstufe ein. Besonders die zweite Stufe (Inzidenz zwischen 50 und 35,1) ist dabei derart klein gehalten, dass man sie sich auch gleich hätte sparen können.

Natürlich braucht es Kennziffern, um das Infektionsgeschehen zu bewerten und Maßnahmen zu treffen. Zu Beginn der Corona-Pandemie war es der R-Wert, über den mittlerweile niemand mehr spricht. Seit Monaten ist es nun die Sieben-Tage-Inzidenz, die bei jeder Pressekonferenz dogmatisch rauf- und runtergerechnet wird. Aber ist das überhaupt noch zeitgemäß?

NRW lockert Corona-Regeln in Abhängigkeit der Inzidenz – doch die ist zunehmend unbrauchbar

Die Risikogruppen sind mittlerweile weitgehend geschützt. Halten der Bundesgesundheitsminister und die Impfstoff-Hersteller ihr Wort, steigt die Zahl der gelieferten Impfdosen in den kommenden Wochen massiv. Unter diesen Vorzeichen resultiert aus einem hohen Inzidenzwert längst keine zwangsläufig hohe Sterblichkeit mehr. Das macht ihn als Parameter zunehmend unbrauchbar (mehr Corona-News aus NRW auf RUHR24).

Das Coronavirus wird nicht verschwinden. Zero-Covid-Gedankenspiele wurden verworfen, noch bevor sie überhaupt ernsthaft diskutiert wurden. Deutschland will die Pandemie stattdessen mit Impfungen und einer natürlichen Durchseuchung beenden. Es wird also auch in Zukunft weiterhin Infektionen und nach lokalen Ausbrüchen steigende Inzidenzwerte geben. Doch wie schlimm sind die, wenn angesichts der zunehmenden Impfungen die Sterblichkeit mehr und mehr sinkt und schwere Verläufe weniger werden?

Die NRW-Landesregierung lockert die Corona-Regeln zum 28. Mai.

Es wäre daher viel mehr geboten, die Pandemie anhand anderer Kennziffern – etwa der Zahl der Corona-Patienten auf Intensivstationen – zu bewerten. Dass Nordrhein-Westfalen stattdessen bei den neuen Corona-Regeln die Inzidenzstufen in noch kleineren Abständen aufdröselt und sich mehr denn je zum Sklaven dieser zunehmend unbrauchbaren Kennziffer macht, ist nur schwer zu begreifen.

NRW versklavt sich der Sieben-Tage-Inzidenz: Was hat das mit einer „klaren Perspektive“ zu tun?

Inwiefern bietet es einer Diskothek eine „klare Perspektive“, wenn sie nach fünf Tagen unterhalb einer Inzidenz von 35 den Außenbereich öffnen darf, selbigen möglicherweise aber schon nach drei Tagen mit einer Inzidenz von 40 wieder schließen muss? Wie sollen Club-Besitzer den Betrieb ihrer Lokale planen können, wenn ständig dieses Damoklesschwert der nächsthöheren Inzidenzstufe über ihrem Kopf schwebt?

Fast schon dreist ist derweil die Ankündigung der Landesregierung, „besonders infektionsrelevanten Angeboten wie Großveranstaltungen“ eine Perspektive aufzeigen zu wollen – natürlich einmal mehr in Abhängigkeit von der Sieben-Tage-Inzidenz. Als Datum wird hier der 1. September 2021 genannt.

Corona-Lockerungen in NRW: Das Hoffen auf die richtige Inzidenzstufe beginnt

Es ist beinahe vermessen zu glauben, man könnte die Entwicklung der Pandemie angesichts der vielen Unwägbarkeiten hinsichtlich der Impfstoff-Lieferungen oder möglicher neuer Mutationen über einen Zeitraum von über drei Monaten seriös voraussagen. Vor diesem Hintergrund ist der 1. September keine „Perspektive“, sondern einfach nur ein leeres Datum und bloße Hinhaltetaktik.

Es bleibt zu hoffen, dass sich die Landesregierung bei der nächsten Aktualisierung der Coronaschutzverordnung weniger auf den Inzidenzwert versteift und ihren Worten tatsächlich Taten folgen lässt. So lange müssen die Branchen, die von den Lockerungen profitieren, wohl oder übel gut im Kopfrechnen bleiben und hoffen, dass sie auf der richtigen der vier Inzidenzstufen stehen.

Dieser Kommentar entspricht der Meinung des Autors und muss nicht zwangsläufig die Meinung der gesamten Redaktion widerspiegeln.

Rubriklistenbild: © Marcel Kusch/AFP-Pool

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