Hohe Infektionsrate

Coronavirus-Krise in NRW: Erkenntnis über Migranten bestürzt Ärzte

Coronavirus - Intensivstation in Thüringen
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Sozial benachteiligte Menschen landet deutlich häufiger auf der Intensivstation, als andere Covid-Patienten.

Unter Einwanderern infizieren sich besonders viele Menschen mit Corona. Das zeigen vor allem Beobachtungen von Ärzten. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Update, Dienstag (27. April): Offenbar stellte inzwischen auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) fest, dass es Probleme gibt, Menschen mit Migrationshintergrund für die Impfung zu gewinnen. Das berichtet die Bild. Der Bundesgesundheitsminister soll das in der CDU-Konferenz am Montag (26. April) angedeutet haben. Das Problem ist auch hier: die Sprachbarriere. „Menschen mit Sprachbarrieren in bis zu 23 Sprachen zielgruppengerecht aufzuklären, ist eine Herausforderung“, erklärte die Staatssekretärin für Integration, Annette Widmann-Mauz, gegenüber der Zeitung. Und ohne Aufklärung bleiben Vorbehalte gegenüber der Impfung.

Erstmeldung, Sonntag (7. März): NRW – Fünf Millionen Menschen in NRW haben einen Migrationshintergrund. Das sind 29,3 Prozent der gesamten Bevölkerung, die entweder selbst Migrationserfahrung haben oder deren Eltern einst als Einwanderer nach Deutschland kamen. Sie alle haben offenbar ein höheres Corona-Infektionsrisiko, berichtet RUHR24.de*. Auch auf den Intensivstationen sind sie überrepräsentiert, berichten Ärzte. Doch mit ihrer Herkunft allein kann dieses Risiko nicht erklärt werden.

PolitikerAli Ertan Toprak
Gerboren1969 in der Türkei
ParteiCDU

Corona in NRW: Keine belastbaren Zahlen zu Neuinfektionen unter Migranten vorhanden

Belastbare Zahlen, dass es unter Migranten gehäuft zu Corona-Neuinfektionen kommt, gibt es bisher nicht, berichtet das ZDF. Doch es gibt vielfältige Hinweise, dass es sich genau so verhält. Studien belegen, dass es Unterschiede zwischen den einzelnen Gesellschaftsschichten gibt. Auch, dass sozial benachteiligte Menschen, insbesondere mit Migrationshintergrund, ein höheres Risiko haben, sich mit Corona zu infizieren.

Das ZDF berichtet weiter, dass es einige Intensivmediziner und Lungenärzte gäbe, die gegenüber Thomas Voshaar, dem Leiter der Lungenklinik Moers bestätigt hätten, dass sie auf den Intensivstationen besonders viele Menschen mit Migrationshintergrund behandeln müssten. Auch andere Medien, wie der Focus, berichten über ähnliche Beobachtungen von Ärzten. Eine verlässliche Datengrundlage zu diesen Berichten gebe es laut Fachverband Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) allerdings nicht.

Liegt es daran, dass es rassistisch ist, sich die Frage zu stellen, warum sich Menschen mit Migrationshintergrund häufiger mit Corona anstecken als andere? Ja, sagt der frühere DIVI-Präsident Prof. Uwe Janssens und erinnert daran, dass das Virus als Gesellschaft gemeinsam bekämpft werden müsse und es nicht nütze, mit dem „Finger auf bestimmte Bevölkerungsgruppen zu zeigen“.

Corona-Neuinfektionen in NRW: Infektionsrisiko für Migranten erhöht

Doch die fehlende Datengrundlage wird zunehmend zum Problem. Denn was man weiß: Offenbar ist es weniger die Herkunft, als ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die das Infektionsrisiko für viele Migranten(-kinder) erhöhen. Und einige Probleme die sich daraus ergeben, können gezielt angegangen werden, wenn sie als diese erkannt werden.

Auch Ali Ertan Toprak (CDU), Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände, kritisiert in einem Interview mit dem Focus, dass das Migranten-Phänomen in Bezug auf Corona unter den Teppich gekehrt würde. Er plädiert dafür, die Dinge offen zu debattieren – und kein Tabu zu formen. Der Politiker ist kurdischer Abstammung, lebte aber in seiner Kindheit im Ruhrgebiet, studierte später unter anderem auch dort Rechts- und Sozialwissenschaften.

Video: Merkels Versuch zu erklären - so kompliziert sind die Corona-Lockerungen

Toprak mahnt, dass Ärzte und Virologen sich nicht trauten, dieses Phänomen öffentlich anzusprechen, aus Angst vor der drohenden Rassismus-Debatte. Dabei gibt es aus seiner Sicht klar zu erkennende Problemfelder: So erreichen deutschsprachige Medien viele türkischstämmige Bewohner offenbar nicht. Viele würden sich eher in türkischen Medien über die Corona-Lage informieren, als in den deutschen. Doch Maßnahmen und Regeln, wie sie hierzulande gelten, würde da keine Rolle spielen.

Corona-Infektionsgeschehen in NRW: Viele Patienten aus einfachen Verhältnissen

Hinzu kommt das Problem, dass schwere Verläufe häufiger bei Patienten aus einfachen Verhältnissen auftreten. Zum einen, weil sie gesundheitlich weniger gut versorgt sind. Zum anderen, weil sie laut einer vom ZDF zitierten Studie vom Berliner Senat häufig in engen, prekären Wohnverhältnissen leben. Auch der Anteil der Arbeitslosen hängt demnach offenbar stark mit höheren Corona-Neuinfektionen zusammen.

Beobachtet werden kann das erhöhte Infektionsgeschehen bei Migranten ganz konkret in einigen Städten in NRW. Hagen weist zum Beispiel laut IT.NRW den höchsten Anteil von Personen mit Migrationshintergrund in NRW auf (2018: 41,9 Prozent). Die Inzidenz in der am südlichen Rand des Ruhrgebiets liegenden Stadt ist im Verlauf der Pandemie häufig deutlich höher gewesen, als in anderen Städten – Hagen, der Corona-Hotspot im Ruhrgebiet* (mehr News zur Corona-Pandemie im Live-Ticker* auf RUHR24.de).

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei dem Versuch, die komplizierten Öffnungschritte nach dem Corona-Gipfel zu erklären.

Noch kleinteiliger wird es, schaut man sich einzelne Stadtteile genauer an, wie die Dortmunder Nordstadt, die ebenfalls stets höhere Corona-Zahlen aufweist, als andere Stadtteile*. Die hohe Einwohnerzahl pro Quadratmeter als treibender Faktor ist hier nur einer von mehreren Gründen, für die höhere Inzidenz.

Dortmund/NRW: Viele Corona-Infektionen in Stadtteil mit vielen Migranten

Ein Problem: Viele Menschen in der Nordstadt haben einen Migrationshintergrund, manche sind der deutschen Sprache nicht mächtig. Die Gefahr einer Infektion und die empfohlenen Maßnahmen würden möglicherweise nicht verstanden, mutmaßt auch Voshaar im Gespräch mit dem ZDF (mehr News zu Corona in Dortmund* auf RUHR24.de).

Die Stadt Dortmund jedenfalls erkannte das Problem, und begann verstärkt die Menschen auch in ihrer Muttersprache über die Lage in Dortmund zu informieren. Und weil das Verständnisproblem nicht nur ein Problem ist, welches Fremdsprachige haben, bietet unter anderem das RKI Informationen auch in Leichter Sprache und Gebärdensprache an.

Beide Beispiele zeigen zudem: Infektionsraten sind in Einwanderervierteln oder in Städten mit hohem Migrantenanteil deutlich höher. Zu diesem Ergebnis kommt laut Tagesspiegel auch eine umfangreiche Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Corona: Riskiofaktor soziale Benachteiligung

Doch neben beengten Wohnverhältnissen und der Sprachbarriere, gibt es einen weiteren Faktor, der das Infektionsrisiko vieler Migranten in die Höhe treibt: Viele von ihnen arbeiten in Berufen, in denen es per se ein höheres Risiko gibt – wie in Pflegeberufen – oder in denen es nicht möglich ist, im Homeoffice zu arbeiten – wie in Berufen in der Produktion oder der Industrie*. Auch die OECD-Studie ergab: Einwanderer arbeiten oft in Jobs, in denen das Abstandhalten schwieriger ist.

Zudem belegt die Studie: Einwanderer-Familien sind häufiger einkommensschwach und leben häufiger auf engem Raum – ein Faktor, der wiederum das Infektionsrisiko erhöht. Am Ende sei das Infektionsrisiko von Menschen mit Migrationshintergrund mindestens doppelt so hoch wie bei der alteingesessenen Bevölkerung. Doch nicht die Herkunft an sich, sondern soziale Faktoren scheinen das Risiko, sich mit Corona zu infizieren, zu erhöhen.

„Nicht der Migrationshintergrund per se ist ein Risikofaktor, sondern definierte Lebensbedingungen, wie etwa beengte Lebensräume oder fehlende Möglichkeiten der Home-Office-Tätigkeit“, erklärt auch Beatrice Moreno, Ärztin und Hochschullehrerin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin gegenüber dem Tagesspiegel. Es ist also offenbar weniger ein Problem mit dem „Multikulti-Erfolgsmodell“ wie es die AfD in einem Tweet behauptet, sondern ein Problem, welches alle sozial benachteiligten Menschen, ungeachtet ihrer Herkunft, trifft. *RUHR24 ist Teil des Redaktionsnetzwerks von IPPEN.MEDIA.

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