„Beobachten wir mit Sorge“

NRW-Corona-Experten zittern jetzt vor neuer Entwicklung – doch es gibt eine Lösung

Die Corona-Inzidenz in NRW sinkt zwar, aber ein inzwischen viel wichtigerer Wert steigt drastisch. Experten beobachten die Entwicklung „mit Sorge“.

Dortmund – Die Corona*-Inzidenz in NRW* ist nicht mehr die allerwichtigste Zahl bei der Bewertung der Pandemie-Lage. Der aktuell sinkende Wert von 120 (Stand 2. September) lässt angesichts der aktuellen Impfquote von 63 Prozent längst nicht mehr die Massen bibbern. Mit Sorge blicken Mediziner jetzt aber auf eine andere Zahl: die der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen. Der Wert steigt drastisch – und immer mehr jüngere Menschen sind betroffen, weiß RUHR24*.

Corona-Inzidenz in NRW120 (Stand 2. September)
Zahl der infizierten Personen47.000
Bislang genesene Personen833.500

NRW: Corona-Inzidenz zwar hoch, aber Zahl der Intensivpatienten besorgt mehr

Erstmals seit dem 18. Juni waren am Mittwoch (1. September) wieder mehr als 1.000 Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen in Deutschland – 399 davon in NRW. Das meldet das Deutsche Intensivbettenregister (DIVI). Zum Vergleich: Am 29. Juli lag dieser Wert in NRW bei 67.

Ein Blick auf die Entwicklung der Zahl lässt also nichts Gutes erahnen. Die Kurve in der DIVI-Grafik zu den belegten Intensivbetten in NRW kennt seit Ende Juli nur eine Richtung: steil nach oben.

Die Grafik zeigt die Anzahl gemeldeter intensivmedizinisch behandelter Covid-19-Fälle in NRW.

Laut Professor Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), sei die Situation aktuell noch zu bewältigen. Mit Sorge sei aber zu beobachten, dass es regional jetzt schon zu erheblichen Belastungen der Intensivmedizin mit Patienten komme, die nicht an Covid-19 erkrankt sind.

Corona: Anteil der jungen Covid-19-Patienten auf Intensivstationen in NRW nimmt zu

Bedenklich stimmen auch die Zahlen der jungen Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen. Der Anteil der 18- bis 29-Jährigen an allen Covid-19-Patienten auf Intensivstationen in Deutschland hat sich von Ende April 2020 von einem Prozent auf vier Prozent Anfang September gesteigert.

„Bei uns liegen derzeit vor allem jüngere Menschen auf den Intensivstationen, viele zwischen 20 und 30, ohne Vorerkrankungen“, sagte Christian Karagiannidis, Leiter des DIVI-Intensivregisters, jüngst dem WDRDie meisten seien ungeimpft, aber „immer davon ausgegangen, dass sie nicht schwer krank würden“. Grund für diese Entwicklung sei die Delta-Variante des Coronavirus.

Schon wenige Impfungen gegen Coronavirus helfen, Zahl der Intensivpatienten zu drücken

Um die also ohnehin teils vollen Intensivstationen nicht noch mehr zu füllen, müsse Deutschland noch mehr Menschen gegen das Coronavirus impfen. Eine nur um wenige Prozentpunkte gesteigerte Impfquote habe laut Gernot Marx eine große Auswirkung auf die Zahl intensivpflichtiger Covid-19-Patienten.

„Nur eine zehnprozentige Steigerung der Impfquoten bei den über 35-Jährigen sowie den über 60-Jährigen führt zu einer erheblich verringerten Intensivbettenbelegung“, sagt Mathematiker Professor Andreas Schuppert, Leiter des Instituts für Computational Biomedicine an der RWTH Aachen. Schuppert hat an einer Studie zu besagten Impf-Intesiv-Korrelationen mitgearbeitet.

Impfquote der über 35-Jährigen in NRW spielt entscheidende Rolle in der Corona-Pandemie

Vor allem die Impfquote der über 35-Jährigen sei für die Intensivmedizin von entscheidender Bedeutung, so die Studienautoren. Es müsse also darum gehen, in den kommenden Wochen weiter die Impfakzeptanz zu steigern*. „Jeder kann durch eine Impfung dazu beitragen, das Pandemiegeschehen und dessen Auswirkungen unter Kontrolle zu bekommen“, erklärt DIVI-Präsident Marx.

„Wer sich jetzt impft, kann die Mortalitäts- und Morbiditätsraten verringern – also die Häufigkeit der Erkrankungen, die Zahl der schweren Verläufe und die daraus resultierenden Todesfälle“, so der Mediziner. „Leben retten zu können oder schwere Covid-19-Fälle zu verhindern, das ist ein sinnvoller Anreiz für eine Impfung.“

Auch wenn der September in Sachen Corona noch glimpflich verlaufen könnte, zittern Mediziner schon jetzt vor der kalten Jahreszeit, wenn sich wieder mehr Menschen in Innenräumen aufhalten. *RUHR24 ist Teil des Redaktionsnetzwerks von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © DIVI, Rolf Vennenbernd/dpa; Collage: RUHR24

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