Corona-Hotspot NRW

Trotz Impfungen: Warum steigen die Corona-Zahlen aktuell so massiv?

NRW ist Spitzenreiter was die aktuelle Corona-Inzidenz betrifft. Gerät die Pandemie im bevölkerungsreichsten Bundesland erneut außer Kontrolle?

NRW – „Karl Lauterbach schlägt wegen steigender Infektionszahlen Alarm“, „die vierte Welle rollt“, „Inzidenz in NRW steigt auf den Höchstwert in Deutschland“ – Corona, so offenbaren es die aktuellen Schlagzeilen, nimmt wieder Fahrt auf. Insbesondere in NRW, berichtet RUHR24*. Doch warum ist das so? Das NRW-Gesundheitsministerium versucht sich in einer Erklärung.

Virus/ErkrankungCoronavirus, Sars-Cov-2/Covid-19
Inzidenz in NRW108,4 (Stand 24. August)
Covid-19-Patienten in NRW Krankenhäusern976, davon Intensivmedizinisch betreut: 253

Corona-Inzidenz in NRW: Doppelt so hoch wie in Gesamtdeutschland

Noch wird in Inzidenz-Werten gerechnet. Auch wenn die Bundesregierung bereits vorschlug, von der Inzidenz als Pandemie-Maßstab abzurücken. Doch es gibt Kritik an dem Vorhaben, die Inzidenz nicht mehr als wichtigsten Richtwert heranzuziehen und stattdessen die Hospitalisierungsrate zu beobachten. Und so führt der aktuelle Anstieg der Corona-Inzidenz weiter zu einer gewissen Nervosität, besonders in NRW, jenem Bundesland, welches jüngst aufs Neue die Corona-Inzidenz von 100 überschritt*.

Mit 108,4 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen liegt die Inzidenz in NRW am Dienstag, 24. August beinahe doppelt so hoch wie in Gesamtdeutschland mit nur 58. NRW ist damit zum Hotspot des Coronavirus* mutiert. Grund genug für Karl Lauterbach, Alarm zu schlagen: „NRW verliert die Kontrolle“ twitterte der Gesundheitsexperte der SPD bereits am 22. August.

Inzidenz in NRW steigt: Leverkusen über 200 Corona Neuinfektionen

In Leverkusen liege die Inzidenz bereits bei 190. Zwei Tage später, am 24. August, liegt sie laut RKI schon bei 202,8. Leverkusen ist kein Einzelfall in NRW. Viele Städte und Landkreise liegen weit über einer 100er Inzidenz. Dortmund bei 142,8, Mönchengladbach bei 155, Wuppertal bei 179,4. Dennoch wurden in NRW einzelne Corona-Maßnahmen wie die Kontaktnachverfolgung in Restaurants* bereits abgeschafft.

Stehen die Zeichen auf Entspannung der Lage? Nicht für Lauterbach. Er fordert angesichts der steigenden Zahlen, dass jetzt überall die 2G Regel angewandt werden müsse. Heißt: Nur Geimpfte und Genesene dürften dann noch Restaurants besuchen, im Fitnessstudio trainieren oder zu Konzerten gehen. Für alle anderen, auch wenn sie einen negativen Corona-Test vorweisen können, müssten harte Einschränkungen gelten.

Doch die Inzidenz soll in Kürze nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. So twitterte Jens Spahn zur Inzidenz*: „Sie war der Maßstab bei einer ungeimpften Bevölkerung. Als neuer Parameter gehört die Zahl der ins Krankenhaus aufgenommen COVID-Patienten ins Gesetz“. Für NRW macht das unterdessen kaum einen Unterschied, denn auch die Zahl der Corona-Patienten, die auf der Intensivstation behandelt werden müssen, steigt nach einer Übersicht des Landes NRW wieder an.

NRW: Bedarf an Corona-Tests sinkt – Inzidenz steigt

Und trotzdem stellen gerade jetzt zahlreiche Corona-Teststellen in NRW* ihren Betrieb ein. Der Bedarf an Corona-Tests sinkt, zum einen, weil viele geimpft sind, zum anderen, weil der Test ab dem 11. Oktober nicht mehr gratis ist. Aber auch, weil Kinder und Jugendliche unter 16 laut der neuen Corona-Schutzverordnung in NRW keinen gesonderten Nachweis mehr benötigen, dass sie unter die 3G-Regel fallen – es reicht der Schülerausweis. Für alle anderen jedoch wird es schwieriger, kurzfristig einen Corona-Test zu machen.

In NRW ist die Gastronomie weiterhin eingeschränkt. (Symbolfoto)

Für Lauterbach scheint das nicht unbedingt von Nachteil. Sowieso ist es für den Gesundheitsexperten offenbar fraglich, ob die 3G-Regel überhaupt ausreicht, um Corona auf Lange Sicht in Schach zuhalten. Stattdessen sei es für ihn unabdingbar, die 2G-Regel überall dort anzuwenden, wo es möglich sei – besonders jetzt, wo die Inzidenz wieder steige.

Doch woran liegt der – innerhalb Deutschlands – auffällige Anstieg der Corona-Inzidenz in NRW? Nach Ansicht des Gesundheitsministeriums ginge das auf mehrere Faktoren zurück, berichtet die dpa. So hätten die Ferien im Vergleich zu anderen Bundesländern früher begonnen, und seien damit auch früher geendet.

Steigende Corona-Inzidenz in NRW: Mehrere Faktoren spielen eine Rolle

Der Anteil der Infektionen im Ausland spiele demnach eine Rolle. Sind es also die Reiserückkehrer, die die Zahlen nach oben treiben? Auch in Dortmund lag die Inzidenz zu Beginn der Sommerferien bei rund 5,8. Jetzt, gut sechs Wochen später, ist sie unter anderem durch viele zurückgekehrte Urlauber auf 142,8 hochgeschnellt*.

Oder sind es doch die vielen jungen Menschen, die sich wieder häufiger auf Partys und bei Freunden treffen? Denn auch die Infektionsrate unter jungen Menschen in Ballungsräumen, von denen es besonders in NRW viele gibt, sei besonders hoch.

Bemerkenswert: Gerade in NRW ist die Impfquote hoch. Bereits 61,7 Prozent der Menschen in NRW seien laut RKI vollständig geimpft. Doch offensichtlich reiche selbst die hohe Impfquote für eine Herdenimmunität nicht aus, so ein Sprecher des Ministeriums. Die viel betitelte vierte Welle, die derzeit rollt, treffe insbesondere die Ungeimpften: „85 Prozent der Personen, die mit einem schweren Krankheitsverlauf in die Kliniken eingeliefert werden, haben keinen vollen oder einen unbekannten Impfschutz*,“ so der Sprecher.

Die wichtigste Maßnahme gegen Corona sei daher, das Impfen weiter zu forcieren. Eine noch höhere Impfquote soll insbesondere mit niederschwelligen Angeboten erreicht werden. Allerdings, der Vorschlag von Yvonne Gebauer (FDP), Corona-Impfungen an Schulen anzubieten, sorgte unter Kinderärzten für Kritik*: Zu hoch der Gruppenzwang, zu wenig Zeit für gute Aufklärung, so der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ).

Dabei sei man nicht grundsätzlich gegen die Corona-Impfung von Kindern und Jugendlichen. Das sich die Ärzte trotzdem gegen Schul-Impfungen auflehnen zeigt: Mit der Brechstange geht es eben auch nicht. *RUHR24 ist Teil des Redaktionsnetzwerks von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/dpa

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