COVID-19

Corona-Patienten auf Intensivstationen: Ärzte schlagen Alarm - „Wir müssen jetzt handeln“

Noch sind bundesweit viele Intensivbetten frei. Doch in NRW sind bereits zwei Drittel belegt - und nicht jedes freie Bett kann auch genutzt werden.

Update, Mittwoch (29. Oktober), 14 Uhr: In einer Pressekonferenz äußerten sich führende Ärzte aus Deutschland äußerst besorgt zu der aktuellen Covid-19-Situation „Wir wollen alle keine Panik machen, aber wir stehen unter Druck“, erklärte unter anderem Prof. Uwe Janssens, Präsident der DIVI (Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin).

Grund zur Sorge gäben die schwindenden Kapazitäten im intensivmedizinischen Bereich. So rechnet Prof. Stefan Kluge vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf vor, dass derzeit zwar noch über 7000 Betten frei wären, aber nicht alle bepflegbar“ seien - es fehle an Personal. So sei der bestehende Personalmangel lange bekannt. In den letzten Monaten seien aber nicht mehr Pflegekräfte dazu gekommen. Daraus ergebe sich eine Dunkelziffer: „Es gibt einen Unterschied zwischen den tatsächliche freien und den betreibbaren Betten. Den müssen die Kliniken noch melden“.

Kliniken in Deutschland mit Intensivbetten1.136
belegte Intensivbetten21.736 (Stand 23. Okt. 2020)
freie Intensivbetten7.784 (Stand 23. Okt. 2020)

Corona: Kliniken müssen Normalbetrieb wieder aufgeben

Zudem wiesen die Ärzte darauf hin, dass die aktuelle Corona-Welle in den Krankenhäusern erst noch ankommen werde. „Die heutigen Infektionszahlen sind ein Blick in die Vergangenheit, die Maßnahmen wirken sich erst in Zukunft aus“, erklärt Kluge. Demnach gingen er und seine Kollegen davon aus, dass die Fallzahlen in den Notaufnahmen der Krankenhäuser in den nächsten Wochen deutlich steigen werde. Zudem blieben die meisten Covid-19 Patienten dann sehr lange in der Intensivpflege. Dadurch würden die Intensivstationen regelrecht „verstopfen“.

Janssesns forderte dementsprechend, dass die Krankenhäuser wieder vom Normalbetrieb in den „Corona-Betrieb“ übergehen müssten und die Anzahl elektiver Eingriffe heruntergefahren werden müssten - wenngleich auch Patienten ohne Covid-19 weiter adäquat behandelt werden müssten.

Corona: Nach der Akutphase leiden Patienten unter Folgeschäden

Prof. Norbert Suttorp, von der Charité in Berlin beschrieb die gestern gefassten Beschlüsse zur Verschärfung der Corona-Regeln so auch als „richtig und wichtig“. Suttrop nannte die Beschlüsse zudem längst überfällig.

Prof. Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie der Münchener Klinik Schwabing wies zudem darauf hin, dass ein erheblicher Teil der Patienten die das Coronavirus bereits durchgemacht hätten, auch in den nächsten Wochen der Arbeitswelt nicht zur Verfügung stehen und krankgeschrieben sein würden. „Covid-19 ist nicht nur die Akutphase: 10 Prozent aller Patienten tragen Folgeschäden davon, wie zum Beispiel das Chronic Fatigue-Syndrom oder organische Störungen“, gibt der Mediziner zu bedenken.

Update, Mittwoch (28. Oktober), 10 Uhr: Die Zahl der COVID-19 Patienten, die intensivmedizinisch betreut werden müssen, steigt. Wie aus aktuellen Zahlen des DIVI-Intensivregister (Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin) hervorgeht, wurden gestern bundesweit 1.470 COVID-19 Patienten intensivmedizinisch behandelt - 108 Patienten mehr als am Vortag. Auch die Zahl der Patienten, die invasiv beatmet werden müssen, nimmt zu. Hier stieg die Zahl um 66 Patienten.

Dementsprechend sinkt auch die Anzahl freier High-Care-Betten. Von im Mai dieses Jahres 9240 bundesweit ursprünglich als frei gemeldeten Betten, sind aktuell noch 6.018 Betten nicht belegt. In NRW sind derzeit noch 22,7 Prozent aller Intensivbetten frei. Damit sind in NRW im Ländervergleich eher weniger freie Kapazitäten vorhanden. Nur in zwei Bundesländern, in Berlin und Hessen, stehen noch weniger freie Intensiv-Kapazitäten zur Verfügung.

Dennoch, auch wenn einzelne Kliniken bereits voll belegt sind, droht bislang kein landesweiter Engpass. Wie der WDR berichtet , könnten Krankenhäuser in NRW zudem innerhalb von sieben Tagen eine Notreserve von knapp 2.800 zusätzlichen Intensivbehandlungsplätzen schaffen - falls sich die Situation weiter zuspitzt.

Intensivbetten: Auslastung in den Krankenhäusern steigt

Erstmeldung, Sonntag (25. Oktober), 17.30 Uhr: NRW - Das Deutsche Gesundheitssystem ist gut gerüstete, es gehört zu den Besten weltweit. Über 29.000 Intensivbetten stehen in den Kliniken des Landes zur Verfügung - für COVID-19-Patienten und andere Notfälle. Statistiken zeigen nun aber, dass einige Kliniken bereits ausgelastet sind oder erste Engpässe melden müssen. Hinzu kommt noch ein ganz ander Problem: Die Personalnot.

Intensivbetten: Nicht jedes hat eine Beatmungsmöglichkeit

In NRW gilt ein Großteil der Städte und Kreise bereits jetzt als Hotspot. Das ganze Ruhrgebiet und nahezu ganz NRW gelten (Stand 25. Oktober) als Risikogebiet. Jeden Tag meldet das RKI viele Neuinfektionen - und die Sorge darum, dass alle Patienten die notwendige medizinische Hilfe erhalten, die sie brauchen, steigt. Ist diese Sorge begründet?

Vorab gilt es sowieso zu unterscheiden, denn nicht jeder Patient kann in jeder Art von Intensivbett behandelt werden. So gibt es sogenannte Low-Care-Betten ohne invasive Beatmungsmöglichkeit und High-Care oder ECMO-Betten in denen eine invasive Beatmung möglich ist.

Deutschlandweit sind noch die Hälfte aller High-Care-Intensivbetten frei, zeigen Statistiken auf statista.com. Noch besser sieht es bei den technisch noch besser ausgestatteten ECMO-Betten aus: Hier sind 80 Prozent aller Betten derzeit noch frei. Doch die Zahl der COVID-19-Patienten, die intensiv betreut werden müssen, steigt. Auch, weil Deutschland inzwischen wieder seinen Nachbarländern solidarisch unter die Arme greift, in denen die Pandemie die Kliniken bereits wieder über ihre Kapazitätsgrenzen hinaus gebracht hat.

Kliniken in NRW nehmen Patienten aus Holland auf

Erst am Freitag (23. Oktober) wurden die ersten Corona-Patienten aus den Niederlanden nach Deutschland geflogen. Wie die Bild berichtet, würden Patienten in einigen Regionen in Holland bereits jetzt nicht mehr aufgenommen werden können. Die Lage in den Krankenhäusern gilt in Holland bereits als bedrohlich. Viele Krankenhäuser halten derzeit Kapazitäten für mögliche Aufnahmen aus dem Ausland bereit. In NRW werden 80 Betten vorgehalten. In NRW werden derzeit bislang 353 COVID-19-Patienten aus dem In- und Ausland in Kliniken betreut (mehr Nachrichten aus NRW auf RUHR24.de)

Doch auch in Deutschland melden erste Krankenhäuser ihre Auslastung. In NRW sind bereits 75 Prozent aller Intensivbetten belegt. 6809 Intensivbetten stehen in dem Bundesland zur Verfügung. Rund 30 Kliniken in NRW geben nach einer bundesweiten Auswertung der Berliner Morgenpost an bereits völlig ausgelastet zu sein, darunter zwei Kliniken in Dortmund - das Knappschaftskrankenhaus Lütgendortmund und das Marien-Hospital Dortmund-Hombruch.

Viele Kliniken melden zudem erste Engpässe. Darunter viele im Ruhrgebiet. Doch weit mehr Kliniken melden gleichzeitig, noch genügend freie Kapazitäten zu haben. So zum Beispiel das Klinikum Dortmund Mitte oder das Universitätsklinikum Essen.

Corona: Nicht nur ein Bettenengpass kann bedrohliche werden

Dabei ist sowohl in den europäischen Nachbarländern wie auch in Deutschland nicht einzig die Anzahl der Betten entscheidend. In vielen Ländern fehlt schlicht auch das Personal. Denn nicht jeder Pfleger hat die nötige Qualifikation, Patienten zu betreuen, die beispielsweise beatmet werden müssen. So berichtet der Focus, dass Intensivmediziner bereits mit Sorge auf die Betreuung der Intensivpatienten blicken würden.

Denn, zur Bewertung der Situation dürfe man nicht nur auf die Anzahl der freien Betten schauen. Stattdessen fehle auch einfach das Personal, um die Patienten in den Betten zu pflegen, so der Mediziner gegenüber Focus. Zudem geht der Intensivmediziner Stefan Kluge vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) davon aus, dass sich die Infektionszahlen erst mit zwei Wochen verzögerung in den Krankenhäusern bemerkbar mache.

Rubriklistenbild: © Axel Heimken/dpa

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