Mutationen auf dem Vormarsch

NRW auf Mutanten-Suche: Sind Corona-Varianten jetzt nicht mehr zu stoppen?

Die Virus-Mutationen bereiten den Experten aktuell große Sorgen. Nordrhein-Westfalen hat jetzt ein Projekt gestartet, um die Mutanten aufzuspüren.

NRW – Das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS NRW) hat das Modellprojekt „Molekulare Surveillance von Sars-CoV-2-Varianten in NRW“ ins Leben gerufen. Damit soll die Verbreitung der mutierten Virus-Varianten in NRW erfasst werden. Von aufhalten ist in der Pressemitteilung dabei keine Rede. Auch viele Experten gehen mittlerweile davon aus, dass wir zumindest die britische Corona-Variante nicht mehr stoppen können.

Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales in NRWOberste Landesbehörde
BehördenleitungKarl-Josef Laumann (63, CDU)
HauptsitzDüsseldorf

Corona-Mutationen in NRW – Suche legt Schwerpunkt auf die Grenzregion

Untersucht werden soll vor allem, in welchem Umfang in NRW eventuell bereits jetzt Varianten des Coronavirus Sars-CoV-2 wie beispielsweise die britische Variante B.1.1.7 oder die südafrikanische Mutation B.1.351 vorkommen. Auch, ob es noch ganz neue Mutationen gibt, soll geklärt werden. Ein Fokus soll dabei auf die Grenzregion gelegt werden. Denn die britische Mutation ist in den Niederlanden bereits stärker verbreitet als in Deutschland.

Der NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (63, CDU) führt an: „Mir ist es ein besonderes Anliegen, zu untersuchen, ob sich die Varianten in Nordrhein-Westfalen unterschiedlich verbreitet haben, beispielsweise in den Grenzregionen zu den Niederlanden. Noch diese Woche wird damit begonnen, rund 1.000 positive Sars-CoV-2 Proben insbesondere aus dieser Region zu sammeln und auszuwerten“ (alle Infos zum Coronavirus in NRW auf RUHR24.de).

Corona-Mutationen: Überwachungsprojekt in NRW soll Aufschluss geben

Leiter des Projekts ist Professor Alexander Mellmann vom Institut für Hygiene des Universitätsklinikums Münster. Zu seinen Projektpartnern zählen Professor Alexander Dilthey vom Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene und Professor Jörg Timm vom Institut für Virologie des Universitätsklinikums Düsseldorf.

Professor Alexander Mellmann sieht in dem Modellprojet einen „Kraftakt, der aber notwendig ist, um über die gegenwärtige Verbreitung der Sars-CoV-2-Mutationen näheren Aufschluss zu bekommen.“ NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (59, CDU) hatte in den letzten Wochen immer wieder vor allem vor der neuen Bedrohung durch die Corona-Mutationen gewarnt. In diesen Virus-Varianten liegt derzeit demnach die größte Gefahr. Sie sind auch der Hauptgrund für den verschärften Lockdown in NRW.

Twitter: Modellprojekt in NRW zum Erfassen der Virusmutationen

Tweet der Uniklinik Münster zum Modellprojekt Molekulare Surveillance von Sars-CoV-2-Varianten in NRW.

Mutationen in NRW: noch nicht verbreitet – aber neue Fälle schockieren

Am 27. Januar gab es in NRW elf Nachweise über Genomsequenzierung der britischen B.1.1.7 Variante und drei Nachweise der südafrikanischen Corona-Mutante. Ebenfalls am 27. Januar wurde diese südafrikanische Variante in einer Behinderteneinrichtung im Kreis Viersen nachgewiesen. Die Behörden gehen dabei davon aus, dass es sich um 24 Fälle handelt.

Dass es in Zukunft mehr Fälle geben wird, gilt als sicher. Das liegt auch daran, dass ab sofort mehr sequenziert werden soll, also die genaue Abfolge der Virus-RNA bestimmt wird. Denn in Deutschland liegen derzeit keine aussagekräftigen Daten zu Mutanten vor, da hierzulande – anders als in Großbritannien – bislang nur selten sequenziert wurde.

Das soll sich jetzt ändern: Waren bislang lediglich 0,2 Prozent aller positiven Corona-Proben auf Mutationen untersucht worden, soll sich das nun deutschlandweit auf fünf bis zehn Prozent der Proben steigern. Vermutlich werden sich zudem die Befürchtungen vieler Experten bewahrheiten – und die Mutanten werden sich auch in Deutschland und NRW weiter ausbreiten.

+++ ANZEIGE +++

Hochwertige und zertifizierte FFP2-Masken mit Anti-Fake-Label für den Alltag - online in günstigen Mehrfach-Boxen schon ab 17,99 Euro für 10 Stück kaufen. Wir verraten euch, worauf ihr dabei achten solltet.

Mutierte Corona-Viren auf dem Vormarsch – wie eine „zweite Pandemie“

Denn auch dass die britische sowie die südafrikanische Variante deutlich ansteckender sind, gilt derzeit als sicher. Die ersten Politiker gehen daher davon aus, dass sich die britische Mutante auf jeden Fall in Deutschland durchsetzen wird. Gesundheitsminister Jens Spahn (40, CDU) warnte bereits davor, die Corona- Mutationen seien wie „eine zweite Pandemie“.

Kanzleramtschef Helge Braun (48, CDU) erklärte in einer Talkshow, dass die britische Mutation in Deutschland „ganz sicher“ die vorherrschende Form werde. Der Kanzleramtschef sprach sich in diesem Zusammenhang für stärkere Maßnahmen sowie das weitere Aussetzen der Präsenzpflicht an Schulen aus, um die Varianten „so lange wie möglich“ aufzuhalten.

Neue Gefahr: Virus-Mutationen eventuell ansteckender für Kinder

Denn das weitere große Problem bei den Mutationen ist: Sie scheinen auch für Kinder deutlich ansteckender zu sein als der Wildtyp. So spricht Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité davon, dass das britische Coronavirus in Großbritannien „auf einer Schulwelle gesegelt“ sei. Es sei von den Schulen aus in die weiteren Bevölkerungsgruppen übergesprungen.

In Deutschland schockiert in diesem Zusammenhang eine Nachricht aus Freiburg: In einer Freiburger Kita wurde die Mutante ebenfalls nachgewiesen. Die Schul- und Kitaöffnungen, die Baden-Württemberg als einziges Bundesland geplant hatte, sind damit vorerst vom Tisch.

Virus-Mutationen in Deutschland noch aufzuhalten? Einschätzung von Sandra Ciesek – Flugverkehr spielt zentrale Rolle

Christian Drostens Kollegin Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt, die zusammen mit ihm den NDR-Podcast Coronavirus-Update ins Leben gerufen hat, warnt davor, man müsse aufgrund der neuen Gefahr durch die Mutationen jetzt schnell handeln.

In Folge 73 des Podcast „Dem Virus zuvorkommen“ zeigt sie sich einigermaßen zuversichtlich, dass man die südafrikanische Variante oder auch die brasilianische Mutation noch kontrollieren könne. Dabei sei vor allem die Kontrolle an den Flughafen wichtig, denn alle Fälle seien importierte Fälle. Ihre Aussagen im Podcast spreche damit ganz klar für eine drastische Reduzierung des Flugverkehrs, wie sie die Bundesregierung derzeit diskutiert.

Experten-Meinungen von Drosten und Ciesek: Aufhalten der britischen Mutation wird schwierig

Die britische Variante sei aufgrund der geografischen Nähe und dem stärkeren Reiseverkehr ein größeres Problem. Die Virus-Variante hätte damit einen „wahnsinnigen Vorteil“. Christian Drosten selbst hatte in der vorherigen Folge noch davon gesprochen, dass Deutschland mit strikten Maßnahmen ein „Gelegenheitsfenster“ hätte, um die britische Corona-Mutation jetzt noch aufzuhalten.

Wichtig sei dabei vor allem die Einhaltung der Lockdown-Maßnahmen. Ohne Maßnahmen warnt der Virologe, könne man im Sommer schlimmstenfalls bis zu 10.000 Neuinfektionen am Tag verzeichnen. Denn durchsetzen wird sich im Endeffekt die Variante, die am ansteckendsten ist, erklärt Christian Drosten an anderer Stelle. Mit anderen Worten bedeutet das: Können wir die britische Mutation nicht aufhalten, wird sie auch in Deutschland die vorherrschende Variante werden.

Grafik: Mutationen können für Viren vorteilhaft sein

Verbreitung der Virus-Mutationen in Deutschland: die nächsten Wochen entscheidend

Fakt ist: Die nächsten Wochen werden wohl entscheidend sein im Kampf gegen die Mutationen. Auch wird sich in der nächsten Zeit zeigen, wie weit die drei Mutanten in Deutschland schon vorgedrungen sind. Denn die Fälle aus Freiburg oder dem Kreis Viersen zeigen, dass eine Dunkelziffer durchaus wahrscheinlich ist.

Anzunehmen ist, dass wir mit weiteren Schlagzeilen über neue Fälle rechnen müssen. Die Nachweise von Mutationen werden durch die stärkere Sequenzierung bundesweit zunehmen. Doch nur so kann man auch schnell handeln. In NRW hat das Modellprojekt zum Erfassen der Virus-Varianten daher besondere Bedeutung.

Rubriklistenbild: © Marcel Kusch/dpa, Peter Mindek/dpa; Collage: RUHR24

Mehr zum Thema