Kommentar

Corona: Lauterbachs Ruf nach einem Lockdown ist ein Armutszeugnis für Deutschland

Wieder zurück in den Lockdown? Auch wenn Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (SPD) mit seiner Forderung wohl leider recht hat, ist die Tatsache, dass Deutschland nichts anderes einfällt ein Armutszeugnis, meint RUHR24-Redakteur Dennis Liedschulte.

Dortmund - SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach aus NRW ist aktuell nicht zu beneiden. Stetig stellt er unangenehme Forderungen, gibt seine Einschätzungen zur Corona-Lage und muss sich mit zahlreichen Anfeindungen auseinandersetzen. Doch leider hat er wohl recht. Denn Deutschland kann nichts anderes leisten als einen neuen Lockdown.

Corona-Neuinfektionen Deutschland17.482
Inzidenz95,6
Todesfälle226 (Stand: Freitag, 19. März)

Corona-Lockdown: Fällt Deutschland denn nichts anderes ein?

Dabei ist es eine Schande, dass einer der führenden Industrienation zum dritten Mal nichts anderes einfällt als ein kompletter Corona-Lockdown. Im Bundesland NRW sind schon erste Details durchgesickert, was auf die Bevölkerung beim kommenden Corona-Gipfel zukommen könnte.

Im März 2020 waren die Menschen besorgt. Dieses neue Coronavirus breitete sich aus. Wir sahen die Bilder. Zunächst aus Wuhan, dann aus Bergamo.

Eine Pandemie kündigt sich nicht an. Wissenschaftler müssen sich mit dem neuen Virus beschäftigen. Politiker müssen abwägen. Der erste Lockdown im Frühjahr 2020 war daher völlig okay.

Der Sommer fühlte sich dann so an, als hätte es das Coronavirus nie gegeben. Wir saßen in Restaurants und Cafés, trafen uns mit Familien im Garten. In Ländern wie Dänemark, die nicht einmal eine Maskenpflicht hatten, war das Virus fast überhaupt nicht präsent (alle News zu Corona in NRW auf RUHR24.de).

Corona-Lockdown: Im Frühjahr 2020 war diese strenge Maßnahme ja noch in Ordnung

Doch schon beim zweiten Lockdown, der zunächst von der Politik Anfang November 2020 als „Light“ verkauft wurde und sich dann zum kompletten Lockdown entwickelte, stellten sich unangenehme Fragen.

Was habt ihr den Sommer über gemacht, liebe Politiker? Urlaub? Ist die Antwort auf die zweite Welle nach sechs Monaten zwischen Juni und November 2020 wirklich ein zweiter Lockdown? Als hätten wir das alles nicht gewusst.

Zurück in den Lockdown - die erneute Forderung von SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (l.).

In der Geschichte haben Krisen wie Pandemien oder Kriege stets dafür gesorgt, dass sich die Menschheit weiterentwickelt hat. Stichwort Digitalisierung. Hätte man die Corona-Krise - besonders den Sommer - nicht nutzen können und sowohl Verwaltung als auch Bereiche wie Schule endlich richtig und nachhaltig zu digitalisieren?

Hätte man nicht schon im Sommer 2020 dafür sorgen können, dass man durch smarte Apps auf Mobiltelefonen Bereichen wie Kultur und Einzelhandel hilft, statt sie an die Grenze der Existenznot mit einem Lockdown zu bringen?

Corona-Lockdown: Deutschland würde etwas Digitales helfen - stattdessen faxen wir

Stattdessen gibt es noch immer Kommunen in NRW (und wohl auch in ganz Deutschland), die ein Faxgerät zur Kontaktverfolgung nutzen oder ihren Mitarbeitern unterstellen, sie würden im Homeoffice nur Netflix schauen oder bei Amazon bestellen.

In Düsseldorf ist zudem ein Schulministerium mit einer FDP-Ministerin, dass sich vehement dagegen gewehrt hat, Home-Schooling zu gewähren und es nicht schafft, Schulen zu digitalisieren. Und das, obwohl die FDP seit Jahren von Digitalisierung spricht.

Natürlich verlangt niemand von einem circa 50 Jahre alten Schulleiter, dass er im Alleingang eine komplette Schule digitalisiert. Auch ist eine IT-Abteilung einer Kommune nicht in der Pflicht, eine App zu generieren, die eine Innenstadt offen hält oder der Kontaktverfolgung dient. Aber ruft doch mal bei der Wirtschaft an. Vielleicht gibt es Experten, die dabei helfen können?

Corona-Lockdown: Eine nationale Kraftanstrengung hätte im Sommer 2020 kommen müssen

Nach vier Monaten in der zweiten Welle öffnete Deutschland wieder im Februar. Die versprochenen Impfstoffe und die angekündigten Schnell- und Selbsttests sollten den Bürgern eine Rückkehr zur Normalität gewähren. Das ist - mit tatkräftiger Unterstützung von „Ankündigungsminister“ Jens Spahn (CDU) - nicht passiert. Derweil verstricken sich die Parteien in übergreifende Grabenkämpfe - ist ja 2021 Wahlkampf.

Also bleibt SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach aus NRW wohl nichts anderes übrig, als noch einmal eine Rückkehr in den kompletten Lockdown zu fordern. Deutschland und auch das Bundesland NRW bekämpfen eine Pandemie im 21. Jahrhundert mit Mitteln aus Mitte des 20. Jahrhunderts und erinnert dabei ein wenig an Cervantes tragischen Romanhelden „Don Quijote“, der gegen „Windmühlen“ kämpfte.

Schon im vergangenen Sommer wäre es eigentlich an der Zeit gewesen, einen nationalen Plan zu entwickeln, um smarte Abläufe ins Leben zu rufen, um Einzelhandel und Kulturinstitutionen offenzuhalten, um die vulnerablen Gruppen zu schützen, die Impfproduktion (als klar war, dass es einen Impfstoff geben würde) zu forcieren und Tests zu organisieren. Stattdessen: Lockdown!

Der erneute Lockdown als Antwort auf die dritte Welle ist ein Armutszeugnis für Deutschland.

Dieser Kommentar entspricht der Meinung des Redakteurs und muss nicht unbedingt die Ansicht der gesamten Redaktion widerspiegeln.

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler, Bernd Thissen; dpa / Collage: RUHR24

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