Angst vor den kommenden Monaten

Hilferuf aus dem Frauengefängnis wegen Corona-Lockdown: „Uns wurden unsere Rechte komplett genommen!“

Wochenlang sah sie ihre Kinder nicht, hörte nur ihre traurigen Stimmen am Telefon: Eine Inhaftierte mit Freigang berichtet vom ersten Lockdown im Gefängnis.

NRW - Die Insassen der Gefängnisse in NRW traf schon der erste Lockdown hart. Nun droht ein zweites Mal ein harter Einschnitt für die Häftlinge. Für die Insassen selbst, aber auch für deren Familien, eine quälende Zeit. Doch sie wollen nicht ungehört bleiben.

JVAJustizvollzugsanstalt Bielefeld-Senne
ArtAnstalt des offenen Vollzuges
LageAnstalt mit ihren Außenstellen liegt im Großraum Bielefeld/NRW

NRW: Insassen der JVA verloren unter erstem Lockdown viele Haftlockerungen

Warum sie „einsitzt“, darüber möchte sie nicht reden. Auch ihren Namen möchte sie öffentlich nicht nennen. Doch soviel ist klar: Seit nunmehr über einem Jahr darf sie - nennen wir sie Angela - ihre Haftstrafe in der einer Außenstelle der JVA Bielefeld-Senne im offenen Vollzug absitzen. Ihre Kinder sieht sie normalerweise regelmäßig. Auch einer Arbeit außerhalb der Gefängnismauern geht sie normalerweise nach. Für das kommenden Jahr hofft sie auf vorzeitige Entlassung.

Diese großzügigen Freiheiten werden nicht jedem gewährt, sondern nur jenen, die sich an die Regeln halten: Morgens raus zur Arbeit, abends wieder pünktlich in die Zelle. Am Wochenende Zeit für die Kinder. Für all‘ jene, die sich nicht peinlich genau an die Regeln in der JVA halten, bei denen Flucht- oder Wiederholungsgefahr besteht, geht es in den geschlossenen Vollzug.

Häftlinge in NRW während des ersten Corona-Lockdown: Kinder weinten am Telefon

Doch schon im ersten Corona-Lockdown, der im März dieses Jahres begann, sollen viele dieser Errungenschaften der Inhaftierten im offenen Vollzug plötzlich offenbar wertlos geworden sein. So auch für die 43-Jährige, die sich nun erneut voller Verzweiflung an die Öffentlichkeit wendet. „Gute Führung, keine Fluchtversuche und bereits alle Stufen erreicht, bis hin zur Urlaubsberechtigung“ - das alles habe ihr während des Lockdowns nichts genutzt.

„Die Türen gingen im März zu“, berichtet Angela (Name von der Redaktion geändert). Statt ihre Kinder besuchen zu können, soll ihr nun nur noch das Telefon geblieben sein. 30 Minuten am Tag, mehr soll zunächst nicht drin gewesen sein. Denn obwohl das NRW-Justizministerium bereits vergangene Woche mitteilte, dass als Ersatz für die Einschränkungen vieler Insassen in den Gefängnissen von NRW ermöglicht worden war, kostenlos per Videotelefonie mit ihren Angehörigen zu sprechen, war das für die Häftlinge in Steinhagen nach Angaben der Insassin offenbar nicht drin (mehr Nachrichten aus NRW auf RUHR24.de).

Ende des Corona-Lockdowns: Insassen in der JVA wurden weiter vertröstet

Nur wer es sich leisten konnte und genug Datenvolumen auf dem Handy hatte, konnte offenbar per Videotelefonie mit seiner Familie sprechen. Vielen, so erzählt es auch Angela, blieben oft nur, den traurigen Stimmen am anderen Ende der Leitung zu versprechen, das „Mama bald wieder kommt“. „Mama, ich vermisse dich“, sollen ihre Kinder weinend am Telefon gesagt haben - das sei wie viele Messerstiche ins Herz gewesen.

Dann kam der April - und „draußen“ fing das Leben langsam wieder an, seinen normalen Gang zu gehen. Doch nicht so in der JVA. Der Mai kam, der Mai verging. Und noch immer seien die Insassinnen in der JVA weiter vertöstet worden.

Coronavirus: In der JVA galten Einschränken von März bis Juni

Tatsächlich sei es laut Dr. Johanna Heusel, Richterin am Amtsgericht, schon im Frühjahr, zu Beginn der Pandemie wichtig gewesen, sofort Maßnahmen zu ergreifen, um die Kontakte der Insassen zu reduzieren und so die Ausbreitung des Coronavirus in den Gefängnissen zu verhindern. Dementsprechend seien die vollzugsöffnenden Maßnahmen in den Justizvollzugsanstalten ab Mitte März stark eingeschränkt worden und erst im Juni wieder nach und nach erweitert worden.

Viele inhaftierte Frauen litten unter dem ersten Lockdown - ihre Kinder trafen sie oft wochenlang nicht.

„Wir wollten nicht mehr, wir konnten nicht mehr. Und trotzdem lief keiner weg“, betont die Mutter von vier Kindern. Stattdessen hätten sie beschlossen, sich Gehör zu verschaffen. Denn nicht nur die Häftlinge selbst, auch die Familien, die Kinder, litten unter der Situation. Eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft - unter Corona-Bedingungen sei das für keinen Häftling möglich, so die 43-Jährige. Dabei seien sie alle im freien Vollzug, weil sie sich an die Regeln hielten, weil sie Fähig seien, in der Gesellschaft wieder zurecht zu kommen.

NRW: Um die Hoffnung nicht zu verlieren - JVA-Beamte brachten Samen zum Einpflanzen

„Man hat uns unsere Rechte auf Freigänge, Arbeit und Familie genommen“, schreibt sie bitter. Dabei mache sie jedoch den Beamten in der JVA keinerlei Vorwürfe. Im Gegenteil. Die Bemühungen den Frauen den Lockdown irgendwie zu erleichtern, seien groß gewesen. „Man gab uns sogar Blumensamen, zum Einpflanzen, für das Zimmer“. Doch das alles sei nichts gewesen, während die Hoffnung schwand, die eigene Familie bald wiedersehen zu können.

Freigänge und Ausgänge, also das erlaubte und genehmigte Verlassen einer Justizvollzugsanstalt durch Strafgefangene, zählen laut Richterin Dr. Johanna Heusel zu den vollzugsöffnende Maßnahmen. Und die, so sieht es auch die Juristin „zählen zu den wichtigsten Resozialisierungsmaßnahmen“. Doch: Die Gefangenen haben keinen Rechtsanspruch auf die Gewährung vollzugsöffnenden Maßnahmen. Ob und in welchem Umfang Freigänge und Ausgänge gewährt werden, bleibt Ermessenssache der zuständigen Behörden und Anstaltsleitungen.

Während des ersten Lockdowns hätte allerdings auch gegolten: Freigang zur Ausübung einer Beschäftigung seien während des gesamten Zeitraums möglich geblieben. Die Aufrechterhaltung der sozialen Kontakte zur Familie seien durch andere Maßnahmen gefördert worden, wie durch Briefkontakte oder vermehrte Telefonate. Allerdings trügen Gefangene stets die Kosten der Telekommunikation.

Coronavirus in der JVA: Trotz Lockerungen galt weiter das Abstandsgebot

Doch dann endlich öffneten sich auch die Tore der JVA in Steinhagen wieder. „Nach Monaten - länger als der erste Lockdown dauerte - konnten wir sie wiedersehen“. Doch selbst da soll zunächst keine Umarmung erlaubt gewesen sein. „Es war verboten, seinem eigenen Kind näher als 1,5 Meter zu kommen.“

Denn selbst im Sommer blieb der Besuch auf zwei Personen beschränkt und Abstandsgebote und die Maskenpflicht mussten weiter eingehalten werden. Doch nun könnten auch diese Möglichkeiten wieder gestrichen werden: Mit steigendem Infektionsrisiko müssten diese Möglichkeiten „mit den damit verbundenen Risiken für den Justizvollzug abgewogen werden“, so die Richterin.

JVA: Jeglicher persönlicher Kontakt wurde während und auch nach dem Corona-Lockdown verboten

„Wir alle haben Angst“, beschreibt Angela die derzeitige Situation. Denn Lockdown bedeute für die Menschen im Gefängnis wirklich Lockdown. Die psychische Belastung sei immens. Nur der Gedanke an ihre Kinder hätte sie im Frühjahr zum Durchhalten bewegt. Und nun muss sie das ganze erneut durchstehen?

„Auch inhaftierte sind Menschen, wie alle anderen auch“, fleht die 43-Jährige schon fast. Doch kaum einer interessiere sich für die Menschen im Gefängnis. Dabei gäbe es so viele Wege dort zu landen „sei es aus Dummheit, Fahrlässigkeit, aus einer Notsituation heraus oder sogar unschuldig“. Doch dass Eltern und Kindern im Lockdown und auch darüber hinaus jeglicher persönlicher Kontakt verboten würde, dass sei unrechtmäßig: „Uns wurden unsere Rechte komplett genommen“.

Rubriklistenbild: © Frank Rumpenhorst/dpa

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