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NRW: Corona-Inzidenz steigt – aber hat die Impfung Auswirkungen auf die Zahl der Toten?

Mit den Infektionszahlen in NRW steigt auch die Sorge, dass erneut schärfere Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus nötig werden. Hat die Zahl der Impfungen bereits einen Effekt?

Dortmund – Obwohl immer mehr Menschen in NRW gegen das Coronavirus geimpft sind, steigt die Corona-Inzidenz erneut an. Das wirkt zunächst dramatisch, doch sind die Folgen wirklich so schlimm wie gedacht? Und welchen Einfluss hat die Impfung? Experten sind unterschiedlicher Meinung.

BundeslandNordrhein-Westfalen
KriseCorona-Pandemie
VirusCoronavirus (Sars-CoV-2)

Corona-Inzidenz in NRW steigt wegen Delta-Variante dramatisch: Mehrere Städte liegen über 100

In der vierten Welle breitet sich die Delta-Variante des Coronavirus derzeit erneut in Deutschland aus. Insbesondere in NRW steigen die Corona-Zahlen aktuell rasant. Das halbe Bundesland ist in Inzidenz-Karten rot gefärbt, der Wert schnellte zuletzt auf über 70. Dennoch wenden sich Politiker und Wissenschaftler allmählich vom Inzidenzwert ab.

DatumInzidenzwert NRWÄnderung zur Vorwoche
Mi., 4. August 202130,1+8,4
Mi., 11. August 202144,5+14,4
Mi, 18. August 202171,6+27,1

„Die 7-Tage-Inzidenz hat an Bedeutung verloren“, sagte zuletzt etwa DIVI-Präsident Prof. Gernot Marx am Dienstag bei der Vorstellung der neuen Coronaschutzverordnung für NRW. Auch andere Messwerte, die bereits zuvor berücksichtigt wurden, seien wichtig, stellte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) fest.

Das stimmt. Die Reproduktionszahl R ist nötig, um zu verstehen, wie rasch sich das Virus derzeit verbreitet. Wie viele Menschen nach einer Covid-19-Infektion ins Krankenhaus müssen, zeigt, wie schwer die Erkrankung verlaufen kann. Die Zahl der belegten Intensivbetten und die Zahl der Todesfälle gibt zudem Auskunft darüber, welche Altersgruppen es erwischt – und wie übel die Krankheit ohne Impfung enden kann.

Impfung gegen Corona: Welchen Effekt hat sie auf den R-Wert und die Todesfälle?

Doch auf welche Messwerte haben die Corona-Impfungen, die es erst seit Ende Dezember gibt, überhaupt Auswirkungen? Um das zu verstehen haben wir Infektionswerte in NRW aus zwei ähnlichen Zeiträumen verglichen: Die Woche zu Beginn der zweiten Infektionswelle (12. bis 18. Oktober 2020), als noch niemand geimpft war, mit dem Beginn der vierten Welle, den wir gerade erleben (9. bis 15. August 2021).

Natürlich ist der Vergleich dieser kurzen Abschnitte (in der Grafik grau hinterlegt) nicht ohne Abstriche möglich, denn maßgebliche Umstände haben sich ja geändert. Ende 2020 grassierte in Deutschland und NRW vor allem die Alpha-Variante. Die derzeit vorherrschende Delta-Variante gilt jedoch als deutlich ansteckender. Zudem gelten andere Corona-Regeln. Aber führt das alles auch zu mehr Neuinfektionen?

Mittlerweile sind außerdem mehr Menschen durch eine Infektion aus der dritten Welle immunisiert und gehen daher nicht in die Impfstatistik ein. Hatten im Oktober 2020 erst rund 90.000 Menschen in NRW eine Infektion überstanden, gelten mittlerweile mehr als 800.000 Menschen als genesen. Doch merkt man das auch am R-Wert?

Corona-Inzidenz, R-Wert und Neuinfektionen in Analyse nahezu gleich

In den betrachteten Zeiträumen steigt die Corona-Inzidenz in NRW jeweils ähnlich stark an. Am Montag der Woche im Oktober liegt der Inzidenzwert bei 41,5, am Sonntag ist er auf 61,8 gestiegen. In der vergangenen Woche im August 2021 stiegt der Wert von Montag bis Sonntag von 37,7 auf 60,1 – und damit sogar etwas stärker.

Viele Unterschiede zwischen den beiden Phasen gibt es auf den ersten Blick nicht. Es gibt jeweils rund 11.000 Neuinfektionen in NRW. Auch die bundesweit berechnete Reproduktionszahl R bewegt sich im Schnitt bei etwa 1,2. Somit stecken zehn Infizierte jeweils rund zwölf weitere Menschen an (alle News zum Coronavirus in NRW auf RUHR24).

Corona-Impfung macht deutlichen Unterschied bei der Zahl der Toten

Ein Unterschied ist jedoch in einem einzigen Wert deutlich zu erkennen: den Todesfällen im Zusammenhang mit Covid-19. Hatte das Landeszentrum Gesundheit NRW in der Woche im Oktober 2020 insgesamt 56 Tote gemeldet, waren es im Vergleichszeitraum im August 2021 nur 15.

Damit ist die Zahl der Corona-Todesfälle in NRW in diesem Zeitraum im Vergleich zu der Zeit vor den Corona-Impfungen um 73 Prozent geringer.

Als Einschränkung kann hier jedoch gelten, dass ein Großteil der älteren Menschen in NRW bereits geimpft sind. Ihnen droht eher ein schwerer Verlauf, jüngere Menschen stecken eine Infektion meist besser weg. Nachweislich liegen jüngere Menschen mit schweren Corona-Verläufen jedoch länger im Krankenhaus.

Es ist also möglich, dass die Zahl der Todesfälle sich in der vierten Welle über einen längeren Zeitraum erstreckt, als dies zu Beginn der zweiten Welle der Fall war. Dazu gibt es jedoch noch keine Daten. Durchgehenden Daten zur Hospitalisierung liegen aus 2020 zudem nicht vor.

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) und DIVI-Präsident Gernot Marx.

Corona-Inzidenz in NRW: Das sagen Politik und Wissenschaft zu den aktuellen Zahlen

Die Zahlen aus dieser kleinen Stichprobe bestätigen, was auch Experten und Politik sagen: Die Corona-Impfung verhindert zuverlässig einen schweren Verlauf und das Risiko an den Folgen von Covid-19 zu sterben. Dazu sagte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Dienstag (17. August): Die Inzidenzen würden zwar steigen, die Situation in den Krankenhäusern sei jedoch „sehr entspannt“.

Trotzdem sind laut Gesundheitsministerium NRW in der vergangenen Woche 15 Menschen alleine in NRW am Coronavirus gestorben. Das ist noch immer zu viel und lässt sich aktuell nur durch mehr Impfungen weiter senken. Das sieht auch Laumann so: „Wenn wir eine Impfquote von 90 Prozent anstreben, dann müssen wir noch eine Menge Leute überzeugen, sich impfen zu lassen.“

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fürchtet, dass bei steigenden Inzidenzwerten dennoch weitere Maßnahmen folgen müssen. Der Politiker aus NRW schrieb dazu am Mittwoch (18. August) auf Twitter, dass die Neuinfektionen nicht von alleine stoppen werden: „Reagieren wir zu spät, wird die 2G Regel notwendig werden.“ Das würde weitere Einschränkung für Ungeimpfte bedeuten, diese aber auch gleichzeitig vor einer Infektion schützen und womöglich zu einer Impfung bewegen, die wiederum andere schützt.

Aktuell haben 60,7 Prozent der Einwohner von NRW einen vollen Impfschutz gegen Covid-19 (Stand: 19. August). Einfach geimpft sind bislang 67,3 Prozent. Laut RKI ist für eine annähernde Herdenimmunität mindestens ein Wert von 80 nötig. Dann wird wohl auch die Zahl der Toten noch weiter sinken.

Rubriklistenbild: © Ina Fassbender/AFP, Datawrapper; Collage: RUHR24

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