Nach Abkehr von der Inzidenz

Grüne in NRW wollen kurioses Corona-Frühwarnsystem einführen

Die Inzidenz hat als alleiniger Richtwert ausgedient, obwohl die Infektionszahlen in NRW zuletzt rasant stiegen. Wie also erkennen, wenn Corona wieder Fahrt aufnimmt?

NRW – Die Corona-Pandemie steckt mitten in der vierten Welle. Besonders in NRW liegen die Zahlen der Neuinfektionen Anfang September auf hohem Niveau, berichtet RUHR24*. Dennoch soll zukünftig nicht mehr die Inzidenz allein ausschlaggebend sein, um die Situation zu bewerten. Dabei brauche es dringend einen klaren Indikator, ab wann Schutzmaßnahmen greifen, so die Grünen im Düsseldorfer Landtag.

VirusCoronavirus/Sars-Cov-2
Inzidenz NRW 120 (1. September)
Todesfälle in NRW17.437

Nach Abkehr von Corona-Inzidenz: Neuer Indikator zur Bewertung der Lage in NRW nötig

Insgesamt sinkt die Inzidenz in NRW zwar wieder, doch Corona-Experten warnen*: Anders als in den ersten Wellen trifft es aktuell vor allem die jüngere und in der Regel ungeimpfte Bevölkerung.

Dennoch entschied am 10. August die Ministerpräsidentenkonferenz, dass die Inzidenz nicht mehr als alleiniger Richtwert für die Bewertung der Lage in der Corona-Pandemie gilt. Welche Schutzmaßnahmen getroffen werden, hängt nunmehr von einem ganzen Bündel an Werten ab. Das jedoch kritisiert die Fraktion der Grünen im NRW Landtag laut einer Mitteilung.

„Die Inzidenz hat ausgedient, die Hospitalisierungsrate ist sehr viel aussagekräftiger“, erklärte Gesundheitsminister Spahn gegenüber dem RND vor gut einer Woche (26. August). Doch nicht nur Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI), auch andere Politiker wie Karl Lauterbach (SPD) lehnen es ab, die Inzidenz zu vernachlässigen.

Statt der Inzidenz sollen bei der Bewertung der Lage nun viele verschiedene Werte Berücksichtigung finden: die Zahl der Neuinfektionen, die Krankenhausaufnahmen, der Anteil der intensivpflichtigen Covid-19-Fälle, die Intensivbetten-Kapazität, die Zahl der Todesfälle, die Altersstruktur der Infizierten, die Entwicklung des R-Wertes, sowie der Grad der Immunisierung der Bevölkerung.

Inzidenz in NRW: Neuer Corona-Indikator Voraussetzung für Rückkehr zur Normalität

Ab wann jedoch welche Schutzmaßnahmen greifen, ist nun nicht mehr klar definiert, so die Grünen. Doch es brauche weiterhin ein Frühwarnsystem, einen Maßstab, der zeigt, wann die Coronavirus-Pandemie* wieder an Fahrt gewinnt, wann neue Schutzmaßnahmen angebracht sind. Es müsse ein neuer Orientierungswert geschaffen werden, der die oben genannten Faktoren zusammengenommen darstelle. Das, so die Fraktion, sei die Voraussetzung für eine „Rückkehr zur Normalität“.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will eine Abkehr von der Inzidenz als alleinigen Corona-Richtwert.

Solange es jedoch keinen neuen sinnvollen Indikator gebe, wollen sich die Grünen in NRW* weiter an der Zahl der Neuinfektionen orientieren. Als Begründung gibt die Fraktion an, dass für die konsequente Bekämpfung der Pandemie vor allem die Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit von Regelungen wichtig sei. So befürwortet die Fraktion auch eine Einführung der 2G-Regel ab einer Inzidenz von 100*.

Um einen erneuten Lockdown im Herbst zu verhindern, schlägt die Partei daher vor, zügig einen neuen, sinnvollen Indikator zu entwickeln. Ihr Vorschlag: Neben der Inzidenz, die weiter Beachtung finden sollte, sollte ein „flächendeckendes Abwasser-Monitoring ausgerollt werden“.

Neue Corona-Fälle in NRW über das Abwasser nachweisen

Laut dpa hatte die Fraktion bereits im Juni eine flächendeckende Untersuchung des Abwassers gefordert. Die Konzentration des Virus in Abwasserproben erlaubten „Rückschlüsse darüber, ob und welche Coronainfektionen in der Bevölkerung eines bestimmten Gebiets zu- oder abnehmen“, so die Grünen damals. Auch die EU-Kommission hatte im März eine Empfehlung abgegeben, das Abwasser stärker zu kontrollieren.

Ein Blick auf das Abwasser zeigt also, ob die Neuinfektionen in einem Gebiet zu- oder abnehmen. Ähnlich der Inzidenz, welche die Anzahl der Neuinfektionen – bzw. die Anzahl der positiven Corona-Testergebnisse – in den letzten 7 Tagen pro 100.000 Einwohner angibt. Ein ganz anderer Indikator also auch als die Hospitalisierungsrate, welche abbildet, wie viele Corona-Patienten in einem festgelegten Zeitraum in Kliniken eingewiesen wurden.

Hospitalisierungsrate statt Inzidenz: Die Unterschiede der Corona-Indikatoren

So lässt die Hospitalisierungsrate zwar Rückschlüsse auf die aktuelle Auslastung in den Kliniken zu. Inwieweit sie eine Überlastung der Kliniken ankündigen kann, ist allerdings noch unklar. Denn ein Grenzwert, ab wann Kliniken als überlastet gelten, steht laut ARD noch nicht fest.

Während die Hospitalisierungsrate also den aktuellen Zustand in den Kliniken abbildet, wurde die Inzidenz stets eher als „Frühwarnsystem“ gehandelt. Denn auf viele neue Infektionen folgte im Verlauf der Pandemie, anteilig und mit Verzögerung, auch ein Anstieg der schwereren Corona-Fälle: Patienten, die im Krankenhaus, teilweise sogar auf der Intensivstation behandelt werden mussten, Todesfälle. Doch schon bei Anstieg der Inzidenz konnten Schutzmaßnahmen installiert werden – und einer Überlastung des Gesundheitssystems damit frühzeitig entgegengewirkt werden. *RUHR24 ist Teil des Redaktionsnetzwerks von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Britta Pedersen/dpa

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